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Facebook: Freund oder Feind?

Klassische Medien müssen ihre Rolle im Umgang mit sozialen Medien neu überdenken

Facebook "Gefällt mir nicht" © Bild: imago/CTK Photo

Regelmäßig lädt News Entscheidungsträger aus Politik, Medien, Wirtschaft und Kultur zum Editorial Meeting ein, um über wichtige Fragen der Zeit zu diskutieren. Das Thema setzt der Guest Editor auf die Agenda. Diesmal ging es um den wütenden Meinungskrieg, der derzeit auf sozialen Medien tobt. Die Inhalte sind oft erschreckend hasserfüllt.

Hirnloser Trampel" war noch einer der freundlichen Kommentare. Tage-und wochenlang musste die Schauspielerin Katharina Stemberger auf Facebook nach einem Wahlkampfauftritt für Alexander Van der Bellen wüste Beschimpfungen und Morddrohungen über sich ergehen lassen. "Wer so etwas einmal erlebt hat, weiß: Dagegen müssen wir uns alle wehren! Denn, wenn so etwas im Netz möglich ist, dann brennen eben auch schnell Flüchtlingsunterkünfte!"

Die Polarisierung und der Hass im Netz scheinen dieser Tage ein unerträgliches Ausmaß erreicht zu haben. Da sind die Hofer-Wähler auf der einen und Van-der-Bellen-Wähler auf der anderen Seite, Brexit-Befürworter versus Brexit-Gegner, Trump- Wähler gegen den Rest der Gesellschaft. Und das Podium dafür bieten Facebook und Co., also jene Plattformen, über die sich die Kontrahenten ihre Beschimpfungen ausrichten und auf denen "die menschenverachtende Hetze stattfindet", sagt ORF- Generaldirektor Alexander Wrabetz.

»Wir müssen dem Krieg gegen Vernunft und Menschlichkeit etwas entgegensetzen«

Als Guest Editor hat er das Thema "Polarisierung und Fragmentierung der Gesellschaft: Was Medien dagegen tun können" auf die Agenda des zweiten, hochkarätig besetzten News Editorial Meetings gesetzt. "Wir klassischen Medien sind mit einer Art Weltkrieg der sozialen Netze konfrontiert, einem Krieg gegen Vernunft, Besonnenheit und Menschlichkeit", sagt Wrabetz. "Als Medienmacher müssen wir dem etwas entgegensetzen. Denn wenn wir diesen Krieg um die Vernunft in der Gesellschaft verlieren, dann wird der Untergang der Medien noch der geringste Verlust sein, der unsere Gesellschaft bewegt", zeichnet der ORF-Chef ein düsteres Szenario.

Editorial Meeting 2016
© Matt Observe Alexander Wrabetz und Eva Weissenberger

Ignorieren oder kooperieren?

Wie kam es zur Polarisierung und Radikalisierung unserer Gesellschaft und hat Facebook an dieser Entwicklung zumindest eine Teilschuld? Ja, ganz klar, findet Puls-4- Geschäftsführer Markus Breitenecker. Auf Facebook könne man ungestraft jede Art von Hetze und verbaler Gewalt von sich geben. Außerdem halte sich die Plattform weder an Datenschutz noch Urheberrechte noch Werbebestimmungen und werde so zur existenziellen Bedrohung für klassische Medien. "Möglich ist das, weil Facebook rechtlich nicht als Medium, sondern als Plattform eingestuft wird", sagt Breitenecker und nimmt Politik und Justiz in die Pflicht. "Würde man Facebook als das bezeichnen, was es ist, nämlich ein Medium, wären alle Probleme mit einem Schlag gelöst." Als Medium würde Facebook nämlich strengen Reglementierungen unterliegen. Solange das aber nicht so ist, müssten die klassischen Medien den Kampf gegen Facebook und Co. führen.

Editorial Meeting 2016
© Matt Observe Eine hochkarätige Diskussionsrunde im News-Konferenzzimmer

Ein Weg sei, dass man diese Plattformen schlichtweg ignoriert, sagt Breitenecker. "Wir dürfen diese Konkurrenz nicht promoten, indem wir auf unseren Sendern und in unseren Formaten auf Facebook und Co. verweisen. Und es geht auch nicht, dass die Journalisten des ORF, aber auch von uns Privatsendern ihre Kreativität und ihre Arbeitsleistung kostenlos diesen Plattformen zur Verfügung stellen", warnt er.

Aber ganz so einfach dürfte es nicht sein. Zwei Drittel der Jugendlichen beziehen ihre Nachrichten über Onlinemedien, ganz vorne dabei ist Facebook. Dieser Trend werde international, aber auch in Österreich noch zunehmen, sind Medienwissenschaftler überzeugt, während klassische Medien vor allem bei den Jungen an Boden verlieren. Für diese Medien wird es daher überlebensnotwendig, in sozialen Netzwerken präsent zu sein.

© Video: News

Dafür plädiert auch Alexander Wrabetz. "Wir können uns nicht aus den sozialen Medien zurückziehen und so tun, als gäbe es sie nicht. Im Gegenteil. Wir müssen dort rein. Wir müssen mit unserer Information dorthin, wo sie auch nachgefragt wird, und Wege finden, in der Debatte, die dort stattfindet, mitzumischen." Davon will Wrabetz, der im August zur Wahl für eine weitere Amtszeit an der Spitze des ORF antritt, auch die Politik überzeugen. Denn dem ORF sind derzeit in Sachen Onlineaktivitäten per Gesetz weitgehend die Hände gebunden. Schon lange wirbt der ORF-Chef für eine Auflockerung dieser strengen Regeln. Bis es so weit ist, finden auch die persönlichen Aktivitäten seiner Mitarbeiter -vor allem der "Zeit im Bild 2"-Moderator und stellvertretende Chefredakteur Armin Wolf ist hier besonders umtriebig - seine Unterstützung. "Es gehört dazu, dass auch unsere Journalisten in den sozialen Netzwerken aktiv sind, berichten, was sie tun und warum sie es tun -und das durchaus auch mit einer persönlich pointierten Meinung. Es ist ganz entscheidend, dass man Persönlichkeiten hat, die in diesen Medien wahrgenommen werden und über Glaubwürdigkeit verfügen. Dadurch erhöhen sie auch die Glaubwürdigkeit unseres Mediums", sagt Wrabetz.

Editorial Meeting 2016
© Matt Observe Max Schrems und Niko Alm zwischen Gerald Fleischhacker und Katharina Stemberger

Aber wie schaffen es klassische Medien in die Timeline derer, die sich bewusst von ihnen abwenden? So gut wie gar nicht, glaubt der Kabarettist Gerald Fleischhacker. Was es brauche, sei eine Art "social Streetworker"."Es hilft ja nichts, wenn Armin Wolf auf Facebook jenen, die es nicht glauben wollen, etwas erklärt", sagt Fleischhacker. Die meisten würden sich ohnehin nur in ihrer eigenen, selbstreferenziellen Blase bewegen. "Ich hatte in meiner Timeline niemanden, der Hofer wählt. Ich hab schon geglaubt, den wählt keiner", witzelt Fleischhacker. Genauso verhalte es sich mit Candystorms -also dem Gegenteil von Shitstorms. Einen solchen gab es am vergangenen Wochenende für Christian Kern, als der als erster Kanzler bei der Regenbogenparade auftrat. "So ein Candystorm ist schön, erreicht aber die anderen nicht", sagt Fleischhacker.

Qualität versus Verflachung

Was also können klassische Medien tun? "Sie müssen ein qualitatives Gegenprogramm zur allgemeinen Verflachung und Hysterisierung entwickeln", sagt der Geschäftsführer des Verlegerverbandes, Gerald Grünberger. "In den sozialen Medien wird alles skandalisiert und jeden Tag wird die nächste Sau durchs Dorf getrieben. Davor sind auch klassische Medien nicht gefeit." Auswüchse dieser Entwicklung seien etwa die TV-Formate rund um die Bundespräsidentenwahl. Da mussten sich die Kandidaten Eignungstests beim Staatsdinner unterziehen und wurden ohne Moderation aufeinander losgelassen.

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© Matt Observe Gerald Grünberger und Stefan Petzner

"Castingshow versus Containershow" nennt es die Schauspielerin Katharina Stemberger. Sie sei über dieses Niveau "entsetzt und fassungslos" gewesen. Da müsse man sich nicht wundern, wenn die öffentliche Diskussion auf einem ähnlich tiefen Niveau stattfinde. Auch für die ehemalige Präsidentschaftskandidatin Irmgard Griss gingen diese Formate zu weit. Dennoch, erzählt sie: "Als Kandidatin sagt man sich: Wenn ich da nicht mitmache, dann wird das als Minuspunkt verbucht, dann bleibt hängen, man ist zu stolz und ist sich zu gut dafür." Wer nicht bereit sei, das Medienspiel mitzuspielen, brauche gar nicht antreten, "man kommt da eigentlich nicht aus". Bei allem Verständnis für den Anspruch der Medien, ihr Publikum unterhalten zu wollen, hätte die Debatte um das Bundespräsidentenamt sachlicher bleiben müssen, meint sie rückblickend. Auch Wrabetz gesteht ein: "Wir müssen auf der Gagfront abrüsten."

Die Schuldfrage

Sind also Medien - egal ob klassische oder soziale -tatsächlich schuld an der Polarisierung der Gesellschaft? Nein, meint der Politikberater und ehemalige Pressesprecher von Jörg Haider, Stefan Petzner. "Wenn auf Facebook Verschwörungstheorien stattfinden, muss man nicht Facebook infrage stellen, sondern vielmehr, was da in unserer Gesellschaft passiert." Dass es zu so einer unendlichen Wut und zu so einem aggressiven Diskurs kommt, sei nicht die Verantwortung der Medien, sondern der Politik. Und die sei es auch, die verbale Gewalt unterbinden muss - auch präventiv. "Was es braucht, ist eine Art Medienbildung in der Schule, bei der man lernt, mit den neuen Medien umzugehen, vernünftig und sachlich zu diskutieren und zu erkennen, dass auch Worte Gewalt sein können. Wenn das Elternhaus diese Aufgabe immer weniger übernehmen kann, dann muss die Schule hier ansetzen", sagt Petzner.

"Wir leben in einer Zeit des medialen Paradigmenwechsels", ergänzt Corinna Tinkler, Unternehmenssprecherin von Rewe. Durch Facebook und Co. sei eine neue Kultur entstanden, der wir uns nicht entziehen könnten. Was es sehr wohl zu bekämpfen gelte, seien Perversionen dieser Kultur, wie Hass, Verleumdung und gezielte Desinformation. Daher müssten sich klassische Medien noch stärker als bisher auf das Terrain der sozialen Medien begeben und dort versuchen, ihre Botschaften zu platzieren. Da wie dort heißt das altbekannte Zauberwort: Qualität. Nur damit lasse sich das Niveau des Diskurses wieder heben. Und vielleicht können sie damit auch einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass die Welt wieder ein Stück friedlicher wird.

Editorial Meeting 2016
© Matt Observe Horst Pirker, Katharina Swoboda, Corinna Tinkler

Kommentare

Die klassischen Medien verbreiten nicht weniger Hetze: siehe Putin, Krim & Ukraine Krise. Oder wenn sich die SPÖVP auf eine bestimmte Gruppe "einschießt" z. B. Pensionisten, Lehrer...

In der Politik herrscht Korruption und Misswirtschaft vor, solange, bis unser Land an die Wand gefahren wird!

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