Expertin fordert Kostenwahrheit: Zweifel am wirtschaftlichen Nutzen von Gentechnik

Buchautorin Zarzer: Bauern über Kosten aufklären! Biologischer Anbau bringt langfristig gleichen Ertrag

Im Vorfeld der EU-Gentech-Konferenz spricht sich die Gentechnikexpertin und Buchautorin Brigitte Zarzer für einen erweiterten Koexistenzbegriff aus. Es sollten nicht nur Regeln für Abstände zwischen herkömmlicher und GVO-Landwirtschaft erörtert, sondern die gesamte Produktionskette erfasst werden. Die auf Gesundheits- und gesellschaftspolitische Themen spezialisierte Journalistin zweifelt nach ihren Recherchen auch den Nutzen von GVO in der Landwirtschaft an.

Zarzer fordert, "dass man sich nicht nur darauf beschränkt, dass Experten über einige Meter mehr oder weniger zwischen den Äckern diskutieren." Koexistenzmaßnahmen wären vielmehr für die gesamte Produktionskette zu treffen: von der Saatguterzeugung über den Anbau bis zur gemeinsamen Maschinennutzung von Landwirten bei Aussaat und Ernte sowie für Lagerung, Transport und Verarbeitung.

Besonders wichtig seien die Schwellenwerte für Verunreinigungen. Diese dürften insbesondere bei Saatgut nicht zu hoch angesetzt werden. Denn dann könne von "Gentechnikfreiheit" keine Rede mehr sein, den Konsumenten würde "Sand in die Augen gestreut".

Wer bezahlt die Mehrkosten?
Um von "Wahlfreiheit" für Landwirt und Konsument sprechen zu können, müsse man außerdem "die Kostenwahrheit diskutieren". Etwa, wer für Laboruntersuchungen aufkommen muss, die konventionelle Landwirte zum Beweis der Gentechnikfreiheit durchzuführen hätten. "Koexistenzmaßnahmen beziehungsweise die Trennung von Warenströmen führen zu teils erheblichen Mehrkosten." Das hätten sogar EU-Experten vor einigen Jahren in Modellrechnungen gezeigt. "Es kann aber nicht angehen, dass Landwirte und letztlich der Konsument von konventionellen oder biologischen Produkten dafür zur Kasse gebeten werden." Mehrkosten sollten Gentech-Anwender und Hersteller übernehmen. Das werde allerdings "viel zu wenig diskutiert", so Zarzer.

Negative Erfahrungen weltweit
Beispiele aus der landwirtschaftlichen GVO-Praxis in anderen Ländern zeigen, dass es sehr wohl zu Verunreinigungen kommen kann, schildert Zarzer. So sei Soja in Rumänien durch ausgebrachte Gentech-Soja "inzwischen sehr verunreinigt worden". In Kanada mache herbizidtoleranter Gentech-Raps nicht nur den Landwirten zu schaffen, sondern auch Imker sind beeinträchtigt. Der berühmte kanadische Rapshonig sei inzwischen häufig verunreinigt und werde von großen Lebensmittelkonzernen gemieden. Rumänien versuche derzeit im Hinblick auf den EU-Beitritt, aus dem Gen-Soja-Anbau wieder auszusteigen, weil die Sorte in der Union derzeit nicht zugelassen sei.

Zweifel am wirtschaftlichen Nutzen
Zarzer zweifelte den Nutzen der bisher kommerzialisierten Gentech-Pflanzen in der Landwirtschaft an. Zwar seien manche Sorten für die Landwirte sehr einfach zu handhaben, Ertragssteigerungen seien aber nur gering, wenn sie überhaupt eintreten, meinte sie. In den USA, einem der führenden Länder im GVO-Anbau, habe sich etwa gezeigt, dass die Ausbeute bei Soja teilweise sogar niedriger gewesen sei und bei Bt-Mais nur geringfügig höher. Vorteile gebe es nur für die industrialisierte auf Monokulturen ausgerichtete Landwirtschaft. Kurzfristige Erfolge, etwa durch geringeren Spritzmitteleinsatz, heben sich langfristig meist durch Resistenzbildung und andere Nebeneffekte wieder auf.

Biologische Landwirtschaft bringt den gleichen Ertrag
Sinnvoller sei es, nachhaltige Landwirtschaft weiter zu entwickeln, meint Zarzer. Die biologische Landwirtschaft sei eine nicht zu unterschätzende Option, ergänzt die Autorin. In Langzeit-Vergleichsstudien zwischen konventioneller und biologischen Bewirtschaftungsformen habe sich gezeigt, "dass über die Jahre oft der gleiche Ertrag rauskommt". Sie verweist dabei auf jüngere publizierte Studien der renommierten Cornell University, USA bei Soja und Mais ebenso wie auf eine deutsche Studie über Baumwollanbau in Ägypten. (APA/red)