Experte Purtscheller warnt: Rechtsextreme Szene in Österreich organisiert sich neu!

Warnung: Früherer VAPO-Chef wieder führend tätig

Ein signifikantes Ansteigen der organisierten Szene von Rechtsextremisten ortet der Experte und Buchautor Wolfgang Purtscheller. Im Gespräch mit der APA sagte er, die treibenden Kräfte dahinter seien einerseits der in Oberösterreich aktive Bund freier Jugend (BfJ), andererseits das Neonazi-Skinhead-Netzwerk "Blood and Honour", das "derzeit massiv versucht, in Wien Fuß zu fassen".

Der vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW) als neonazistisch eingestufte BfJ gilt als Jugendorganisation der als rechtsextrem klassifizierten Arbeitsgemeinschaft für Demokratische Politik (AFP). Bereits frühere AFP-Jugendgruppen hätten ähnlich agiert wie der BfJ. Dahinter steckt laut Purtscheller eine seit Jahrzehnten praktizierte Strategie alter AFP-Kader.

Als besonders gefährlich stuft der Rechtsextremismus-Experte die "Blood and Honour"-Versuche ein, in der Bundeshauptstadt - neuerlich - Fuß zu fassen. "Blood and Honour" wurde in den achtziger Jahren vom Sänger der britischen Nazi-Band "Screwdriver", Ian Stuart Donaldson, als Netzwerk gegründet. Überall auf der Welt entstanden seither so genannte "Blood and Honour"-Divisionen, die wiederum in Sektionen unterteilt sind. In Österreich existiert beispielsweise eine Gruppierung in Vorarlberg, bis vor zwei Jahren gab es auch eine in der Bundeshauptstadt. Erst im September ist eine "Blood and Honour"-Gruppierung innerhalb der belgischen Armee aufgeflogen.

Gleichsam der bewaffnete Arm von "Blood and Honour" war "Combat 18" (18 steht für den ersten bzw. den achten Buchstaben des Alphabets und ist somit ein Code für die Initialen Adolf Hitlers, Anm.). Auf das Konto der Gruppe gingen in Großbritannien mehrere Anschläge, 2003 wurde in Schleswig-Holstein eine Zelle gleichen Namens ausgehoben.

Hintergrund des Endes der ersten Wiener "Blood and Honour"-Gruppierung vor zwei Jahren soll laut Purtscheller eine Auseinandersetzung mit der Vorarlberger Sektion gewesen sein, die zur Veranstaltung von Konzerten einen größeren Geldbetrag in die Bundeshauptstadt überwiesen haben soll. Wegen Veruntreuungsvorwürfen der Vorarlberger gegen die Wiener dürfte es zum Streit gekommen sein, da zudem führende Köpfe der Wiener gegenüber der Exekutive allzu mitteilsam gewesen sein sollen, bereiteten die als wesentlich militanter geltenden Westösterreicher dem Wiener Ableger ein Ende.

Hinter den Versuchen einer Neugründung der Wiener Sektion sollen dem Experten zufolge zwei Mitglieder der Vorarlberger Sektion stehen, die nun in der Bundeshauptstadt leben. Zentraler Treffpunkt dürfte das AFP-Lokal in Ottakring, das Fritz-Stüber-Heim, sein - vom "Altherren- zum Jugendtreff", wie es Purtscheller formulierte. "Das hat eine ziemliche Dynamik bekommen."

Über all dem dürfte ein alter Bekannter aus dem Neonazi-Milieu wieder führend tätig sein: der Chef der mittlerweile verbotenen und nicht mehr existenten Volkstreuen Außerparlamentarischen Opposition (VAPO). Der Besitzer einiger Wohnungen im Haus eines ebenfalls bekannten Rechtsextremisten am Donaukanal "zeigt sich zunehmend wieder in der Öffentlichkeit", sagte Purtscheller. Als Beispiel führte er eine Gedenkfeier von Rechtsextremisten am Grab des SS-Offiziers Otto Skorzeny an, bei welcher der ehemalige VAPO-Gründer gesehen worden sei. Im Domizil am Donaukanal versammle er regelmäßig Führungskader aus der rechtsextremen Szene unter den Namen "Sängerbund Das Reich" bzw. - pseudoburschenschaftlich - "Ferialverbindung Das Reich".

Laut DÖW dürfte der VAPO-Chef seinen Führungsanspruch erneuert haben. Zugleich könnte er aus alten Fehlern gelernt haben. Anstatt einer Organisation wie der VAPO, die auf Grund des relativ hohen Fahndungsdrucks seitens der Exekutive in Wien kaum lange Bestand hätte, könnte es nun so etwas wie ein loses Netzwerk aus mehreren Gruppierungen geben, dem er quasi vorsteht. (apa)