Evergreens der Liebe

Bernadette trifft Elias nach 30 Jahren wieder. Und es durchzuckt sie wie ein Blitz, da er ihr erster und - mit Abstand - unübertroffener Liebhaber war. Sie gehen spazieren, nach außen hin harmlos, um einen Teich. Aber im Inneren entflammt alles von neuem. Und Bernadette droht den Kopf zu verlieren.

von Dr. Monika Wogrolly © Bild: Matt Observe/News

Elias geht es nicht anders. Keiner der beiden hatte mit knapp 20 den Mut gehabt, dem anderen seine Gefühle zu offenbaren. Und jeder hatte erwartet und gehofft, der andere werde sich öffnen. Die Episode landete in der Kategorie "Es war nur Sex", aber die Gefühle, damals mehr oder weniger gekonnt abgespalten, überdauerten die Zeit. Beide hatten sich mit anderen Menschen getröstet. Und jetzt die Explosion: Sie sind unerwartet aufeinandergestoßen. Für Bernadette erscheint alles wie früher, als ihr Elias auf einmal gegenübersteht. Er findet sie noch immer wundervoll und sexy, aber würde nie seine Familie für sie verlassen. Wie kann einem jemand aus der Vergangenheit so vertraut bleiben, als stünde die Zeit still? Und Elias fragt sich, warum die Liebe zu seiner Ehefrau Bernadettes Wirkung nie vergessen gemacht hat. Weshalb er immer an sie denken musste. "Wären wir beide damals offener mit Gefühlen umgegangen, wer weiß ", meint Elias auf dem Rundgang. Er habe nicht gewusst, woran er bei ihr war. Und habe Bernadette - sie hört das jetzt zum ersten Mal - wahrscheinlich zu sehr geliebt, um mit ihr zusammenleben zu können. Dazu habe jene andere Frau eher getaugt, die er heiratete.

Ein spätes Outing. Aber was dann geschieht, sprengt jede Vorstellung: Der Zauber der Liebe erwacht aus dem Dornröschenschlaf. Die beiden finden sich unverändert anziehend. Elias könnte emotional sofort an früher anschließen. Bloß hat Bernadette Angst vor dem bösen Erwachen, wenn er gehen würde, wieder weg von ihr! Ja, und man kann gar nicht so alt werden, um nicht seinen Gefühlen zu erliegen. Und hier einige wiederkehrende Evergreens der Liebe:

1. Angst vor dem Verlassenwerden. Bernadette wurde schon einmal von Elias verlassen und durch eine andere Frau ersetzt. Heute will sie das nicht mehr riskieren, diesen Schmerz, den sie so beschreibt, "als würde sich deine Seele auflösen, sobald er sich abwendet". Dafür lohne es sich nicht, den weltbesten Sex zu haben, wenn anschließend Weltuntergangsstimmung herrsche.

2. Angst vor Nähe. Wenn sie mit ihrer alten Liebe Sex hat, zerfällt ihr Ich wie ein Spiegel in tausend Splitter, so Bernadettes Befürchtung.

3. Angst vor Macht und Kontrolle. Häufig ist auch die Angst, der Verflossene könne die Macht und Kontrolle über ihr Leben wiedererlangen, sie ihre Autonomie und Freiheit verlieren.

4. Angst vor Enttäuschung. Leidenschaft und Sex könnten im Vergleich zu früher enttäuschend sein. Deshalb besser weiterträumen?

Bestehen keine Chancen auf eine stabile und zukunftsträchtige Bindung, sind wiedervereinigte Liebespartner besser beraten, die Vergangenheit Geschichte sein zu lassen. Alles andere wäre riskant, denn: Mit seiner großen Liebe "nur" Sex zu haben und dabei emotional ungeschoren davonzukommen, ist unwahrscheinlich. Elias war für Bernadette die unerreichbare Ikone der Liebe, die sie nie wiederfand. Warum? Weil sie es eben, wie viele Menschen, nicht schaffte, von ihren Träumen zu lassen. Und in der Realität anzukommen.

Wichtig: Sprengen Sie die Ketten idealisierter früherer Beziehungen, die bis heute nachwirken. Und üben sich in radikaler Akzeptanz, Abgrenzung und Selbstfürsorge. Besser auf Sex-Experimente verzichten, als den Verlust der Würde zu riskieren. Mal ehrlich: Bernadette träumt von einem Mann, der sich klar gegen sie entschied - auch wenn es in ihren Herzen anders aussieht.

Haben Sie noch Fragen? Schreiben Sie mir bitte: praxis <AT> wogrollymonika.at