Weltreise von

Europa meldet sich ab

Christoph Lehermayr © Bild: News/Ian Ehm

Im "Time Magazine" schrieb sich kürzlich ein einstiger Chefverhandler von Ex-US-Präsident Obama den Frust von der Seele. Trump und sein Team hätten keine Ahnung und brächten daher nichts zusammen, meinte er wenig überraschend. Selbst seien sie damals immer bestens vorbereitet in Verhandlungen gegangen, während Trumps Leute untereinander sogar vor den Chinesen zu streiten beginnen. Auch der Atomdeal mit Nordkoreas Kim sei in Gefahr, weil sie ihm vor aller Welt drohten, sonst wie Libyens Gaddafi zu enden. Was Obamas Mann da berichtete, klang wie die Beichte eines Vorzugsschülers, dem gerade der Pausenhofschläger die bessere Note geklaut hatte. Denn das ist die neue Wirklichkeit: Die USA unter Trump betreiben Weltpolitik mit der Brechstange. Was zählt, ist Macht, Militär und sonst nichts. Verträge und der ganze diplomatische Quatsch haben in dieser Logik nicht mehr viel verloren. Entweder ihr spurt, oder ihr spürt die Folgen. So ist es, wenn der gerissene Schulschläger das Kommando übernimmt und der einstige Klassenprimus darob die Welt nicht mehr versteht.

Nur tut Trump, allen Wehklagen zum Trotz, was er seinen Wählern versprochen hat. Oder er versucht es zumindest. America first, in allen Bereichen. So amateurhaft das in der Praxis auch wirkt, so klar verfolgt er doch weiter seinen Plan. Und was tut Europa? Geschlagene 18 Monate brauchten die EU-Spitzen, bevor sie überhaupt zu begreifen begannen, dass Trumps Amerika nicht mehr das von Obama ist. Dass das Bündnis nicht mehr hält, Trump die EU verachtet, entweder bedingungslose Gefolgschaft verlangt oder sonst alles daran setzt, sein Ding durchzuziehen, und ihn Kollateralschäden kaum kümmern. Das gilt für Zölle, Handel, den Iran und alles andere.

Und wie reagiert Europa? Vielleicht mit Geschlossenheit, einem Plan, ja, gar einer Strategie? Fehlanzeige. Der Einzige, der überhaupt dazu in der Lage scheint, über den Tag hinaus zu denken, ist Frankreichs Macron. Man mag seine Ideen nicht alle teilen, aber zumindest hat er welche. Sonst ist da nichts. Merkel, noch bei Trumps Wahl zur letzten Verteidigerin des Westens hochstilisiert, ist nicht nur zaghaft wie immer, sondern dazu auch müde. Die Briten sind Brexit-beschäftigt. Brüssel betreibt mit Flüchtlingsverteilquoten, die in der Praxis ohnedies nie funktionieren werden, weiter Realitätsverweigerung und verstärkt die Gräben zwischen Ost und West. In Folge kuscheln die Polen lieber mit Trump und Orbán mit China. Und Italien hat sich ohnedies längst ausgeklinkt und träumt scheinbar lieber davon, das nächste Griechenland zu werden. Das alles ist bitter und brandgefährlich, weil im Hintergrund eine neue Weltordnung entsteht. Ändert sich nichts, ist Europa darin bestenfalls Zaungast.

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