Investigativ von

Ersatzteilfighter

Eurofighter © Bild: APA/Harald Schneider

Der Austausch abgenutzter und veralteter Teile beim Eurofighter kostet Österreich 15 Millionen Euro pro Jahr. Wie dramatisch die technische Situation ist, zeigt ein Geheimbericht, der News vorliegt.

Schon die Überzeile des Dokuments verspricht Spannung: "VS nur für den Dienstgebrauch - German Eyes Only" steht da, also: "Verschlusssache - nur für deutsche Augen". Dabei ist das 54-seitige Papier, das News vorliegt, gerade auch für österreichische Augen höchst interessant. Geht es darin doch um die Frage, wie man Eurofighter-Kampfflugzeuge der ältesten, ersten Bautranche über die nächsten Jahre in der Luft halten kann. Österreich hat 15 Eurofighter in Betrieb. Und die stammen alle aus der Tranche 1.

Der Geheimbericht wurde - allem Anschein nach - von Experten des "Systemunterstützungszentrums Eurofighter" erstellt. Dort kooperieren der Jet-Hersteller Airbus und die Deutsche Luftwaffe beim Betrieb der deutschen Eurofighter-Flotte. Dort sitzen also die, die sich mit dem Jet wirklich auskennen. Das Papier ist mit "Februar 2016" datiert und trägt den sperrigen Titel "Konzeption für das Tranche 1 Eurofighter Basic Enhancement Modul". Ein paar Seiten später wird es konkret: "Zum Erhalt der Einsatzfähigkeit der Tranche 1 müssen aktive Maßnahmen zur Beseitigung der Obsoleszenzen ergriffen werden", heißt es da. Unter "Obsoleszenzen" versteht man, dass Teile abgenützt oder veraltet sind. Dass es dieses Problem beim Eurofighter der ältesten Tranche gibt, ist bekannt. Überraschend wirkt jedoch die Dramatik, die aus dem Expertenkonzept hervorgeht: Eine Abbildung in dem Papier "zeigt, dass es in den nächsten Jahren über fast alle Systeme und alle Rechner zur Obsoleszenz von Geräten oder Gerätekomponenten kommen wird".

Tranche 1 "entkernen"

Dabei kann man nicht alle Teile einfach austauschen: "Für viele Tranche 1 LRIs (Line Replaceable Items, Baugruppen, Anm.) ist es schlichtweg nicht mehr möglich, bestimmte Komponenten zu beschaffen, weil Supplier (Lieferanten, Anm.) und Sub-Supplier nicht mehr existieren oder die Schwerpunkte von zivilen Anforderungen bestimmt werden", steht im Papier vom Februar 2016. Bereits damals wird auf eine "aktuell bereits kritische Ersatzteillage" verwiesen. Die beste Lösung für das Gesamtproblem besteht laut dem Expertenkonzept darin, die "Tranche 1 Plattform" zu "entkernen" und "die Hülle mit original Tranche2/3a-Leben" zu füllen. Dieser Vorgang nennt sich "Basic Enhancement Modul" und beinhaltet in der Minimumvariante den Tausch von sage und schreibe 35 Baugruppen. Im Konzept steht dazu: "Dies erscheint als ein drastischer Austausch von noch funktionalem Equipment, aber unter Berücksichtigung der (...) Obsoleszenzprobleme ist dies die einzig echte Option zur Obsoleszenzbeseitigung der Tranche 1." An anderer Stelle heißt es: "Wie (...) erläutert, ist eine einfache, kostengünstige Maßnahme zum Erhalt der Tranche 1 zur Bereinigung der Obsoleszenzen nicht möglich."

Mehr zum Thema: Die großen Abkassierer

Erwähnt sei, dass das Expertenpapier den Umgang mit der Eurofighter-Tranche 1 unter den Flottengegebenheiten der Deutschen Luftwaffe beleuchtet. Die Problembehebung kennt man aber auch beim österreichischen Bundesheer. Im vergangenen Juni wurde im Eurofighter-U-Ausschuss ein Beamter aus dem Verteidigungsministerium befragt. Er sagte aus: "Insgesamt haben wir jetzt rund zwölf Millionen Euro pro Jahr, zwölf bis 15 Millionen Euro pro Jahr, für Obsoleszenzbehebung angesetzt. Wenn man das jetzt auf 23 Jahre umrechnet, sind das ein bisschen mehr als 200 Millionen Euro, 250 Millionen Euro." Angesichts dieser Zahlen und Überlegungen erscheint die heurige Entscheidung von Noch-Verteidigungsminister Hans Peter Doskozil (SPÖ), die Eurofighter einzumotten und neue Flieger anschaffen zu wollen, in einem neuen Licht. Zwar hatte die "Sonderkommission Aktive Luftraumüberwachung", auf deren Bericht sich der Minister stützte, als zweite mögliche Variante einen Weiterbetrieb der Eurofighter bei gleichzeitiger "Nachrüstung" gesehen. Allerdings schränkte man ein: "Alle Beschaffungs-und Betriebsvarianten mit einem Weiterbetrieb des Eurofighter Typhoon der Tranche 1 (...) sind mit dem (...) beschriebenen Kostenrisiko der Tranche 1 dieses Modells verbunden."

Ausstieg vom Ausstieg?

Wie das die kommende -schwarz-blaue - Bundesregierung handhaben wird, bleibt abzuwarten. Bisher drang durch, dass ein Ausstieg vom angekündigten Eurofighter-Ausstieg möglich sei. Eine neue Kommission soll einberufen werden. Für das In-Betrieb-Halten der Eurofighter spricht sich Georg Mader, Korrespondent des Militärtechnologiemagazins "Jane's Defence Weekly" aus: "Wir haben die Eurofighter vor drei Jahren abbezahlt, und jetzt wollen wir sie in drei Jahren abbestellen, das ist doch irrsinnig", meint Mader. Er gilt seit Jahren als Befürworter dieses Flugzeugtyps. Keine Freude hatte er allerdings mit dem Vergleich, den der damalige SPÖ-Verteidigungsminister Norbert Darabos 2007 mit den Flugzeugherstellern schloss. Damals wurde festgelegt, dass Österreich nur Tranche-1-Flugzeuge bekommt, und zwar in einem reduzierten Ausrüstungszustand. Mader spricht diesbezüglich von "Verstümmelung", die man selbst verursacht habe, aber beheben könne. Die Obsoleszenzen wären bei der Tranche 2 auch eingetreten - eben einige Jahre später.

Einige Jahre kosten hier freilich Millionen. Trotzdem zeigte sich auch der Beamte aus dem Verteidigungsministerium im U-Ausschuss optimistisch: Man werde die Obsoleszenzen "in den Griff bekommen und auch bezahlen können". Das heißt freilich nicht, dass es die beste Lösung ist. Der Beamte erklärte die Vorgehensweise, "nicht mehr versorgbare Teile der Tranche 1" in den Tranchen 2 oder 3 zu "qualifizieren" und "in einem langwierigen Prozess" für die Tranche 1 einsetzbar zu machen. Wie kompliziert das ist, geht auch aus dem deutschen Expertenkonzept hervor: "Durch die unterschiedliche Systemarchitektur bzw. baulich bedingten Unterschiede sind folgende Tranche 2/3a LRI (Baugruppen, Anm.) nicht abwärtskompatibel zur Tranche 1." Dann sind zehn verschiedene Baugruppen angeführt. Nummer eins ist der "Attack/Navigation Computer". Auf den kann man wahrscheinlich nicht ganz so leicht verzichten.

Am Ende ihres Berichts meinen die deutschen Experten: "Eine zeitnahe Einleitung der notwendigen Maßnahmen ist anzustreben." Die Flieger stehen lassen und andere kaufen ist eine Option, die sie nicht geprüft haben.

Aktuelles Statement von Airbus

Nach Redaktionsschluss der Print-Ausgabe erreichte News ein Statement der Firma Airbus. Darin heißt es knapp: "Bei der von Ihnen erwähnten Studie handelt es sich um ein eingestuftes Dokument im Besitz der Bundesrepublik Deutschland. Der in der Studie behandelte Sachverhalt ist für die Tranche 1 Luftfahrzeuge in Österreich nicht übertragbar. Der Betrieb der Österreichischen Eurofighter ist bis zum Vertragsende 2039 gewährleistet."

Dass auch die österreichischen Eurofighter ein Obsoleszenzproblem haben, ergibt sich freilich aus der erwähnten U-Ausschuss-Aussage und dem Bericht der Sonderkommission. In letzterem heißt es unter anderem auch: "In allen Betreiberstaaten werden technische Modifikationsmaßnahmen gesetzt, um die Lufttüchtigkeit der Tranche 1 aufrecht zu erhalten, zum Beispiel durch Ersatz von Baugruppen, welche am Markt nicht mehr ausreichend verfügbar sind. Auch digitale Bauteile, deren Rechenleistungen flugbetrieblichen und taktischen Erfordernissen nicht mehr gerecht wird, müssen ausgetauscht werden."

Auf eine aktuelle Anfrage antwortet das Verteidigungsministerium: "Wir wissen um die Obsoleszenzen der Tranche 1 und sind deshalb in ständigem Kontakt mit anderen Betreibernationen."