Fakten von

Österreich gegen Ungarn:
Das Nostalgie-Derby

Ex-Sturm-Kicker Imre Szabics drückt bei der EM in Frankreich beiden Teams die Daumen

Imre Szabics © Bild: APA/Erwin Scheriau

Wenn am nächsten Dienstag, 14. Juni, um 18 Uhr das Match zwischen Österreich und Ungarn im Stadion von Bordeaux angepfiffen wird, dann will auch Imre Szabics auf der Tribüne sitzen. Möglicherweise ist der 35-jährige Ungar aber in Graz unabkömmlich, denn Szabics arbeitet seit drei Jahren hauptberuflich als Chefscout beim SK Sturm und bei den „Blackies” beginnt gerade die Vorbereitung auf die neue Saison.

THEMEN:

Jedenfalls schlagen bei diesem Spiel zwei Herzen in der Brust von Imre Szabics: „Meine Heimat ist Ungarn, aber ich wohne und arbeite seit vielen Jahren in Österreich. Das erste Gruppenspiel ist für beide Teams von großer Bedeutung. Wer gewinnt, steht wahrscheinlich schon mit einem Bein im Achtelfinale.”

Allein die große Tradition und die gemeinsame Geschichte beider Länder machen dieses Spiel so besonders. 136 Mal haben die Nachbarländer seit 1902 gegeneinander gespielt, zuletzt im August 2006. Die Ungarn gewannen damals in Graz mit 2:1 – mit Imre Szabics als Stürmer. Was die wenigsten wissen: Szabics saß bei neun von zehn Spielen in der Qualifikation für die Euro 2016 als Co-Trainer auf der ungarischen Betreuerbank. Er kennt daher die Stärken und Schwächen von Österreichs EM-Auftaktgegner aus nächste Nähe. Szabics: „Österreich hat auf dem Papier zwar die stärkere Mannschaft, aber in einem solchen Spiel ist alles möglich.”

Für die ehemalige Fußball-Großmacht Ungarn ist es der erste EM-Auftritt seit 44 Jahren. Österreich, sagt Szabics, könne immerhin auf den Erfahrungen der Heim-EM 2008 aufbauen und sei daher in der Entwicklung etwas weiter als seine Landsleute. Der „österreichische Weg” in der Ausbildung von Fußballtalenten während des letzten Jahrzehnts trägt jetzt seine Früchte, ist Szabics überzeugt. In Ungarn habe man erst in jüngster Zeit viel Geld in die Hand genommen, um fußballerisch wieder Anschluss an die europäische Elite zu finden, zum Beispiel mit dem Aufbau von Fußballakademien. Dazu kommt eine Infrastrukturoffensive. In den Neubau des Nationalstadions in Budapest zum Beispiel investiert die Regierung über 300 Millionen Euro. Viele Klubs der ungarischen Zwölferliga wie Meister Ferencvaros haben in den letzten Jahren moderne Fußballarenen errichtet und die Talenteausbildung auf völlig neue Beine gestellt.

Bei der Euro 2016 in Frankreich geht es für beide Länder darum, die vorhandene Aufbruchsstimmung zu nützen, sagt Szabics: „Österreich ist momentan vielleicht ein paar Schritte weiter, aber für Ungarn und seine Fußballtalente wäre ein erfolgreiches Abschneiden eine zusätzliche Motivation und Inspiration.” Mit einem Unentschieden zwischen Österreich und Ungarn wäre Imre Szabics zufrieden: „Beide könnten dann mit einem Sieg über Island ins Achtelfinale aufsteigen.” Die eher durchwachsenen Leistungen beider Teams in den letzten Testspielen sind für Szabics kein Maßstab: „Beide Mannschaften werden sich bei der Euro anders präsentieren. Testspiele sind eben Testspiele, die sollte man nicht überbewerten.”

Bio Imre Szabics:

Geboren am 22. März 1981 im südungarischen Szeged, kam 1999 über Ferencvaros Budapest zum SK Sturm Graz, wechselte 2003 in die deutsche Bundesliga (Stuttgart, Köln, Mainz, Augsburg), bevor er 2010 nach Graz zurückkehrte und mit Sturm 2011 Meister wurde. Zwischen 2003 und 2013 absolvierte Szabics 36 Länderspiele für Ungarn, erzielte dabei 13 Tore. 2003 wurde er in seiner Heimat zum „Fußballer des Jahres” gewählt. Seit dem Karriereende arbeitet Szabics als Chefscout des SK Sturm, von September 2014 bis Oktober 2015 zusätzlich als Co-Trainer der ungarischen Nationalmannschaft.

Kommentare