EURO 2012 von

"Radogol" über die EM in Polen

Radoslav Gilewicz im Gespräch mit NEWS über die EURO 2012 in seiner Heimat

EURO 2012 - "Radogol" über die EM in Polen © Bild: GEPA/Ort

Die Pyramide empfängt Neuankömmlinge kurz nach dem Ortsschild von Tychy. Ihr Besitzer empfängt seine Gäste schon auf der Türschwelle. Thaddäus Ceglinski ist nicht nur Chef des Fünf-Sterne-Hotels, er ist auch Heiler und soll mit der Fähigkeit ausgestattet sein, Menschen durch Handauflegen Schmerzen zu nehmen. Zahlreiche Fußballer habe er behandelt, sagt er. Und ja, seine Hand strahlt Wärme aus.

Hätte das österreichische Fußballnationalteam die Qualifikation für die EURO 2012 vom 8. Juni bis 1. Juli in Polen und der Ukraine geschafft, hätte sie Ceglinskis Kräfte in Anspruch nehmen können. Radosław Gilewicz, Österreichs Fußballer des Jahres 2000, hatte das Hotel Piramida für die EM-Vorbereitung der Österreicher bereits reserviert. Der 41-jährige polnische Fußball-Kommentator empfängt NEWS zwischen Sphinxen, um über die Fußball-EM zu sprechen.

Radosław Gilewicz: Sie fragen sich sicher, warum ich hier in Tychy wohne. Ganz einfach: Hier bin ich aufgewachsen, und von hier aus bin ich schnell in Warschau, in Berlin oder auch zum Kaffeetrinken in Wien. Ich fühle mich als Europäer, bin irrsinnig viel unterwegs. Man weiß ja, dass viele Fußballer nach der Karriere Probleme haben. Ich kenne das nicht. Ich habe sehr, sehr viel zu tun. Vor allem während der EM, wo ich wieder als Fußball- Kommentator im Einsatz bin.

NEWS: Ihr Karriereende ist noch keine vier Jahre her. Tut es Ihnen nicht weh, bei Ihrer Heim-EM Zuschauer zu sein?
Gilewicz: Natürlich tut es weh. Die EM ist eine Riesensache. Aber jammern will ich nicht. Ich habe in meiner Karriere schöne Erfahrungen gesammelt, viele Freunde gefunden. Herbert Prohaska hat einmal gesagt, man sollte so lange spielen wie möglich, denn dieses Gefühl kommt nie wieder. Das stimmt zu hundert Prozent. Manchmal kommt mir auch vor, ich werde jetzt anders behandelt als in meiner aktiven Zeit. Obwohl es positive Überraschungen gibt. Etwa als ich 2008 vom ÖFB-Generaldirektor Alfred Ludwig zur EM nach Österreich eingeladen wurde, um mir Österreich gegen Polen anzusehen. Ivo Vastic
hat zwar den Sieg Polens mit seinem Elfer verhindert. Aber insgesamt war das österreichische Team zu schwach. Mit der heutigen Mannschaft wäre es besser gelaufen.

Die hat sich aber nicht für die EM 2012 qualifiziert.
Bei entscheidenden Spielen hat vielleicht etwas Qualität gefehlt. Das Einzige, was ich bei dem Team vermisse, ist eine konstante Leistung. Und ein guter Torwart, der das Spiel entscheiden kann, wenn die Mannschaft schwach spielt. Dabei hat es in Österreich mit Konsel, Wohlfahrt und Konrad stets Top-Tormänner gegeben. Aber sonst ist das eine sehr gute Generation. Unglaublich viele junge Spieler spielen im Ausland. Da zeigt sich die Top-Nachwuchsarbeit in Österreich. In Spieler mit Potenzial wird Zeit investiert. Bei uns in Polen fehlt dazu die Geduld. Leider. Ich bin auch schon gespannt auf Marcel Koller.

Kennen Sie ihn?
Ich habe in der Schweiz gegen ihn gespielt, ihn später kennengelernt. Er hat Power, ist ein junger Trainer. Vielleicht gibt das der Mannschaft einen Schub. Qualität hat sie. Sie ist sicher nicht schlechter als die polnische.
Wir sind Pessimisten
Apropos Polen – wie sehen Sie die EM-Chancen?
Wir in Polen sind Pessimisten. Das ist die Mentalität.
Die Mannschaft wird hauptsächlich kritisiert. Ich aber denke, sie hat Potenzial. Viele sagen ja, wir haben nur drei gute Spieler. Damit sind
Błaszczykowski, Piszczek und Lewandowski von Borussia Dortmund gemeint. Ich aber sage, wir haben mehr Top-Spieler. Wir haben Tormann
Szczęsny von Arsenal, wir haben Polanski vom 1. FSV Mainz 05, wir haben Dudka von AJ Auxerre und Obraniak von Girondins Bordeaux. Diese Spieler sind Stammspieler in ihren Vereinen. Das ist positiv. Und die Spieler von Dortmund bringen Euphorie in die Mannschaft. Ich habe bei der DFB-Pokal- Feier in Berlin lange mit den dreien gesprochen und bin sicher: Sie werden die Mannschaft zusammenhalten.

Vertrauen Sie dem Nationaltrainer?
Franciszek Smuda weiß, was er macht. Er ist verrückt
nach dem deutschen Fußball, schaut sich viel ab. Die Deutschen sind zur Erholung nach Sardinien gefahren. Also sind die Polen zur Erholung in die Türkei gefahren.

Fällt die Vorentscheidung vielleicht schon im ersten Spiel gegen Griechenland?
Wenn wir gewinnen, haben wir eine gute Ausgangsposition. Die Gruppe ist sehr ausgeglichen. Tschechien hat
Probleme, weil es in der Mannschaft einen Generationenwechsel gibt. Mit zwei Siegen müssten wir gegen Russland nicht mehr gewinnen. Sollten wir die Gruppe schaffen, wartet Holland oder Deutschland. Vor allem Deutschland wäre eine super Sache, weil wir noch nie gewonnen haben. Und weil es eine Rivalität gibt, die sich aus der Vergangenheit begründet. Auch gegen Russland geht es uns Polen ums Prestige.

Wem halten Sie eigentlich die Daumen außer Polen?
Jogi Löw. Mit ihm war ich bei VfB Stuttgart, Innsbruck und der Austria.

Wie ist die Beziehung zwischen Polen und Ukraine?
Polen gehört zur EU, die Ukraine nicht. Auch die Lebensqualität der Länder kann man gar nicht vergleichen. Darum wohnen auch 90 Prozent der EM-Mannschaften in Polen. Keiner will in die Ukraine. Dann diese Sache mit Julia Timoschenko. Das ist uns nicht egal. Wir distanzieren uns davon, wollen nicht damit in Verbindung gebracht werden. Ganz ehrlich: Ich habe gehofft, dass wir die ganze EM bekommen. Ich bin zu 100 Prozent davon überzeugt, wir hätten das mit sechs Stadien geschafft. Aber ich will nicht sticheln, die EM ist ja auch eine Riesensache für die Ukraine. Ich hoffe einfach nur, dass der Sport nicht durch die Politik in den Hintergrund gerät. Wir Polen haben jedenfalls alles gemacht, was verlangt war. Wir sind zu 99 Prozent bereit, was vor vier Jahren keiner geglaubt hat. Typisch Pessimisten.

Dabei war doch Polen in den 70er- und 80er-Jahren sehr erfolgreich, wurde zweimal sogar Dritter bei einer Weltmeisterschaft.
Aber über die Vergangenheit will in Polen keiner sprechen. Ich habe großen Respekt, wie Österreich mit seinen Ex-Nationalspielern umgeht. Prohaska, Krankl, Herzog, Schachner, Polster sind immer noch große Stars. Hier in Polen bekommt man nicht so viel Respekt. Hier wird nur in die Zukunft geschaut, wir wollen die Besten sein, aber haben die Qualität nicht. Die Polen wollen eben träumen.

Merken Sie schon etwas EM-Stimmung im Land?
In den Städten, wo die EM-Stadien sind, merkt man etwas, sonst nicht. Aber wir sind sowieso nicht fanatisch. Im Grunde läuft alles auf das erste Spiel hinaus. Wenn wir das nicht gewinnen, wird es heißen: Schon bei der EM in Österreich haben wir das erste Spiel nicht gewonnen. Also
wird das wieder nichts.
Riesenwerbung für uns
Und wie sehen die polnischen EM-Erwartungen abseits des Fußballs aus?
Wir Polen gelten immer noch als diejenigen, die die Autos klauen (lacht). Ich glaube, diese EM wird eine Riesenwerbung für uns sein. Ich freue mich, dass wir so gut vorbereitet sind. Wir werden allen zeigen, dass Polen in Europa längst angekommen ist. Ich wurde früher von Mitspielern gefragt, ob wir in Polen schon Fernsehen haben. Als dann Polen 2007 die EM zugesprochen bekommen hat, habe ich zu den Jungs gesagt: "Ihr seid alle nach Polen eingeladen, damit diese Scherze ein
Ende haben." Jetzt warte ich.

Außerdem im aktuellen NEWS
Maxim Podoprigora über die Stimmung ins einem Geburtsland Ukraine, was ihn am Fußball fasziniert und wer die größten Helden des EM-Partners von Polen sind.

Zur Person:
Radosław Gilewicz gewann 1997 mit VfB Stuttgart den DFB-Pokal. Viermal wurde er österreichischer Meister (2000 bis 2002 mit FC Tirol, 2003 mit der Wiener Austria). 2000 war er Österreichs Spieler des Jahres, 2001 Torschützenkönig der Bundesliga. Heute besitzt er ein Sportgeschäft, ist Spielerberater und Fußball- Kommentator bei Eurosport und beim polnischen Sender TVP 1.