EURO 2012 von

Der Ruhepol mit dem Schnauzbart

Mit einem Haufen Weltstars kann er umgehen. Selbst zeigt Vicente Del Bosque kein Ego.

EURO 2012 - Der Ruhepol mit dem Schnauzbart © Bild: GEPA/Walgram

Vicente Del Bosque war Trainer der "Galaktischen" bei Real Madrid, steuert seit 2008 die "Seleccion" - und legt persönlich überhaupt keinen Wert auf Ruhm und Glanz. Mit stoischer Ruhe verfolgt der Mann mit dem markanten Schnauzbart den knapp vier Jahre andauernden Erfolgslauf des Welt- und Europameisters von der Bank aus. Dabei hatte Del Bosque kein leichtes Erbe angetreten.

Schwieriger hätte die Aufgabe nicht sein können, die sich Del Bosque im Sommer 2008 bei der Übernahme der "Seleccion" stellte. Unter seinem Vorgänger Luis Aragones hatten die Iberer bei der EURO 2008 in Österreich und der Schweiz mit ihrem "Tiki-taka"-Fußball die Herzen der Fans auf dem ganzen Kontinent erobert und die Sehnsucht ihrer Landsleute nach dem ersten großen Titel nach 44 Jahren gestillt.

Viele Skeptiker waren nach seiner Bestellung auf den Plan getreten. Doch der in Salamanca geborene Del Bosque war der Herausforderung gewachsen. Während Aragones gerne provozierte, setzt Del Bosque auf ein väterliches Auftreten. Der heute 61-Jährige übertrumpfte seinen Vorgänger schließlich, als er Spaniens Generation von Ausnahmespielern in Südafrika 2010 zum ersten WM-Titel führte. Auch in der Qualifikation für die EURO 2012 blieb "La Roja" makellos.

Händchen für große Stars
Dass er mit Stars umgehen kann, hatte der kaum Gefühlsregungen zeigende Del Bosque bereits bei Real Madrid bewiesen. 2000 und 2002 triumphierte er mit den Madrilenen in der Champions League und musste dabei die Egos von Zinedine Zidane, Raul, Luis Figo und Co. unter einen Hut bringen. 2001 und 2003 wurde Real in seiner Ära auch spanischer Meister. Dass sein Glamour-Faktor nicht allzu hoch ist, wurde ihm schließlich zum Verhängnis. Sein Vertrag lief 2003 ohne Verlängerung aus.

Beim spanischen Rekordmeister war Del Bosque auch als Spieler tätig. Offenbar war aber schon seine Spielweise symptomatisch für die Person: Als Mittelfeldspieler eroberte der Sohn eines Eisenbahnarbeiters mit Real zwischen 1973 und 1984 in 312 Spielen nicht weniger als fünf Meistertitel und gewann viermal den spanischen Cup. Zudem trug er 18-mal den spanischen Teamdress. Del Bosque leistete stets ein großes Arbeitspensum, allerdings ohne groß aufzufallen.

Spieler im Vordergrund
Am Sonntag steht er als Trainer erneut in einem großen Endspiel. Äußerlich wird man dem dreifachen Familienvater dies nicht anmerken. Er zeigte auch nach dem dramatischen Halbfinal-Erfolg gegen Portugal kaum Regungen. "Ein Trainer ist immer nur soviel wert wie seine Spieler. In unserem Fall haben wir einige sehr gute Spieler, die alle Leute um sie herum besser aussehen lassen", stufte Del Bosque bereits vor der EM seinen Anteil am Erfolg in gewohnter Manier als gering ein.

Unabhängig vom Ausgang in Kiew wird Del Bosque Spanien auch zur WM 2014 nach Brasilien führen. Spaniens Verband verlängerte seinen auslaufenden Vertrag um zwei Jahre. Sein Nachfolger wird es wohl nicht leicht haben.

50:50 im Finale
Die Chancen für das EM-Finale sieht Del Bosque bei 50:50. "Wir können nicht von einem Favoriten sprechen", sagte Del Bosque im Interview mit spanischen Radiosendern. Spaniens Nationaltrainer gab auch zum wiederholten Mal ein Bekenntnis zu ehrlichem Fußball abgegeben. "Wir werden es nie bereuen, dass wir gegen Kroatien nicht unentschieden gespielt haben, um Italien auszuschalten. Das wäre für diesen Sport nicht gut gewesen", sagte der 61-Jährige.