Leben von

Tödlicher Schlankheitswahn

Wenn Abnehmen zum Zwang wird. Immer mehr leiden an Magersucht oder Bulimie.

Leben - Tödlicher Schlankheitswahn © Bild: Thinkstock/iStockphoto

Schlank ist schick, Dünnsein für viele Frauen und immer mehr Männer eine regelrechte Disziplin. Dabei wird immer öfter die Grenze des Gesunden überschritten. Während die Bilder von ausgehungerten Models und mageren Stars nichts Außergewöhnliches mehr sind, nimmt auch die Zahl der Essstörungen hierzulande dramatisch zu. Einer aktuellen Studie zufolge sind rund 30 Prozent der Wiener Schülerinnen gefährdet, wobei Anorexia nervosa und Bulimie schon lang kein rein weibliches Phänomen mehr sind. Was ist die Ursache für diesen erschreckenden Trend? News.at fragte nach.

"Wenn jemand damit beginnt abzunehmen, spielen mehrere Faktoren zusammen", erklärt der Psychotherapeut Dr. Stefan Bienenstein. Meist reagiert das Umfeld auf den erfolgreichen Gewichtsverlust mit Glückwünschen. Ein Erwachsener kann damit in der Regel umgehen. Ein Jugendlicher unter Umständen nicht. "Wenn alle klatschen, warum sollte er dann damit aufhören?" Der Jugendliche erntet Beifall und Anerkennung. Und will mehr davon. "Die Sache beginnt sich zu verselbständigen."

»Wenn alle klatschen, warum sollte man aufhören?«

"Die Angst, schirch zu sein"

Die Unzufriedenheit mit dem eigenen Äußeren kann, ähnlich wie bei der Mager- oder der Ess-Brechsucht, auch eine Dysmorphophobie auslösen. "Dysmorphophobie", so Dr. Bienenstein, "ist die kleine Schwester der Essstörungen. Dabei handelt es sich um die Angst, schirch zu sein." Diese Angst wird genährt durch die Bilder ausgehungerter Models und magerer Stars, die heutzutage das Schönheitsbild prägen. "Die ganze Modelschiene ist die reinste Magersuchtsproduktionsmaschinerie."

Magersucht versus Bulimie

Während bei der Magersucht die Nahrungsaufnahme vermindert oder gar verweigert wird, assoziiert man mit Bulimie das selbst herbeigeführte Erbrechen des zuvor Gegessenen. Auf den Heißhunger folgt die Essattacke, auf sie wiederum das Erbrechen. Was viele nicht wissen: Nicht jeder Bulimiker erbricht. Viele setzen andere, ebenso drastische Maßnahmen um abzunehmen. Die Einnahme von Abführmittel, so Dr. Bienenstein, oder ein dreistündiges Bad in der brennheißen Wanne sind nur einige davon.

»Dysmorphophobie ist die kleine Schwester der Essstörungen.«

Höhenflug der Gefühle

"Fasten löst eine Vielzahl von positiven Emotionen aus. Man fühlt sich erhaben. Man kontrolliert sich und seinen Körper. Seine Körperbedürfnisse total kontrollieren zu können ist für viele ein tolles Gefühl." Das Thema Kontrolle kommt bei Magersüchtigen und Bulimikern unterschiedlich zum Tragen. Während des Essanfalls verliert der Bulimiker die Kontrolle über sein Verhalten. Diesen Verlust kompensiert er mit dem Erbrechen. Magersüchtige hingegen halten beharrlich an der Kontrolle über ihr Essverhalten fest.

Völlige Isolation

Ist das Essverhalten erst mal pathologisch, ist es schwer, den Teufelskreis zu durchbrechen. Der Betroffene zieht sich zurück, isoliert sich. Spricht man ihn auf seine Krankheit an, riskiert man, dass er sich noch weiter zurückzieht. Doch tatenlos zusehen? Der Experte vertritt die Meinung, dass hier Zivilcourage angebracht ist. "Als guter Freund sagen, ich mach' mir Sorgen, ich möchte, dass Du professionelle Hilfe aufsuchst" - diese Herangehensweise bietet sich an, schöpft man Verdacht, dass eine Essstörung vorliegt.