Esoterik - mehr als ein neuzeitlicher Boom:
Parcours von der Antike bis zur Gegenwart

Von Dämonen & Engeln und dem Sieg der Vernunft Vier Grundpfeiler & heutiger Stellenwert der Esoterik

Esoterik - mehr als ein neuzeitlicher Boom:
Parcours von der Antike bis zur Gegenwart © Bild: Corbis

Erste Zeugnisse esoterischer Ansätze finden sich schon im alten Griechenland. Damals vertrat der Philosoph Pythagoras (ca. 570 bis 510 v. Chr.) die These der Unsterblichkeit der Seele und der Seelenwanderung - auch bekannt als Reinkarnation. Pythagoras' Anhänger, die Pythagoräer, sahen den menschlichen Körper nur als Behausung der Seele, ja gar als Kerker, aus dem sie sich befreien müsse. Daher galt es als höchstes Ziel, die Seele nach einer Reihe von Wiedergeburten durch ein sittlich einwandfreies Leben vom Körperlichen zu erlösen.

Von Dämonen und Engeln
Bis ins 13. Jahrhundert finden sich innerhalb des Christentums - heute einer der größten Gegner der Esoterik - wesentliche Teile dessen, was man später als Esoterik bezeichnet. So etwa das Denken in Entsprechungen (s.u.), kosmologische Lehren und die Idee der spirituellen Transformation. Im Mittelalter waren esoterische Praktiken wie die Magie und die Astrologie weit verbreitet. Wobei zur Magie auch die Beschwörung von Dämonen und Engeln zählte.

Während im 18. Jahrhundert Themen wie Vampirismus und Hexerei populär waren, etablierte sich eine institutionalisierte Esoterik in Form von Geheimen Bruderschaften und Orden. Zu den bekanntesten zählen wohl die so genannten Rosenkreuzer und Teile der Freimaurerei. Spätestens seit der Aufklärung aber hatte die Esoterik neben den etablierten Kirchen einen weiteren mächtigen Gegner: die Vernunft, der Immanuel Kant zu noch nie da gewesener Bedeutung verhalf.

Der Sieg der Vernunft?
Alles andere als vernünftig waren währenddessen diverse Praktiken, die unter der Bezeichnund Esoterik geführt wurden: Ende des 18. Jahrhunderts war es populär, Kontakt zur übersinnlichen Welt aufzunehmen und mit den Geistern der Verstorbenen zu kommunizierten - Séancen, meist von Frauen durchgeführt, lagen voll im Trend und entwickelten sich in Verbindung mit dem Reinkarnationsgedanken zu einer regelrechten Religion.

Während die Wissenschaft Natur und Kosmos zusehends rationalisierte und entzauberte, lässt sich das Jahr 1875 als Geburtsjahr der modernen westlichen Esoterik ansehen. Damals gründete der renommierte New Yorker Anwalt Henry Steel Olcott die "Theosophische Gesellschaft". Mithilfe dieser wollte er Religionswissenschaft, Philosophie und Naturwissenschaften vereinen, ungeklärte Naturgesetze und im Menschen verborgene Kräfte erforschen und, last but not least, den Kern einer universellen Bruderschaft der Menschheit bilden. Hohe Ziele, deren Umsetzung schon bei der Formulierung zum Scheitern verurteilt waren.

Die vier Grundpfeiler
Doch die Suche nach dem absoluten Wissen ging weiter. Und so wandte man sich im 20. Jahrhundert der Astrologie zu. Sie sollte dazu beitragen, die "verloren gegangene" Einheit von Mensch und Universum wieder herzustellen. 1992 formulierte Antoine Faivre die vier Grundpfeiler der Esoterik: 1. Die Entsprechungen, soll heißen zwischen der sichtbaren und unsichtbaren Welt existieren Verbindungen, die der Mensch erkennen, deuten und für sich nutzen kann. 2. Die lebendige Natur - ihr werden neben ihrer materiellen Realität auch seelische und geistige Eigenschaften zugeschrieben. 3. Die Imagination - durch sie kann der Mensch in Verbindung mit der unsichtbaren Welt treten. 4. Die Transmutation, also die Verwandlung eines Gegenstands in einen anderen. Aus der Alchemie bekannt als Versuch, Eisen in Gold zu verwandeln.

Hat der Mensch Letzteres auch nie geschafft, konnte sich die Esoterik bis zum heutigen Tag doch zu einem sogar an der Uni gelehrten Zweig etablieren. So gibt es etwa in Paris, in Amsterdam und in England Forschungseinrichtungen, die sich dieser Richtung widmen. Mit anderen Worten: Esoterik ist mehr als das Auspendeln von guten und bösen Energien, während Räucherstäbchen im verdunkelten Raum ihren Duft verbreiten. Und vor allem ist Esoterik mehr als ein neuzeitlicher Boom.