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Eurovision Song Contest:
So wird das erste Halbfinale

Welche Beiträge überzeugen und welche sich für eine kurze Pause eignen

  • Song Contest - 1. Halbfinale
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    Estland

  • Song Contest - 1. Halbfinale
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    Finnland

Ein ganzes Jahr wurde gewartet, organisiert, geplant. Heute Abend steht der Countdown endlich bei null, der erste österreichische Song Contest seit 1967 beginnt nach diversen Eröffnungen und Pre-Shows nun auch offiziell mit dem Wettbewerb, dem ersten Halbfinale. Und das bietet Gewohntes, Nettes und wenige Highlights – ganz der Eurovision Song Contest-Tradition treu bleibend. Im Folgenden ein Leitfaden für das erste Halbfinale: Was man nicht verpassen sollte und wo man getrost eine Biernachschub- oder WC-Pause einlegen kann.

THEMEN:

Eines gleich vorweg: Nur weil der Song Contest dieses Jahr in der Heimat stattfindet, ist er kein anderer Bewerb geworden, also musikalisch weder besser noch schlechter als in den letzten Jahren. Wer sich dieser Tatsache bewusst ist und mit keinen allzu hohen Erwartungen den diesjährigen Song Contest verfolgt, hat bereits so gut wie gewonnen.

Auf den Boden der Tatsachen zurück

Wer dennoch Schöneres, Besseres, Größeres aus Wien erwartet, der wird gleich mit dem allerersten Beitrag dieses Song-Contest-Halbfinales auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Die Republik Moldau eröffnet mit ihrem Beitrag das Großevent des Jahres. Der gebürtige Ukrainer Eduard Romanyuta singt für sein Nachbarland und macht damit von Anfang an klar, dass beim Song Contest musikalische Höhepunkte eher die Ausnahmen denn die Regel sind. In trashiger Polizeiuniform, inklusive leicht bekleideter Politessen, bietet Romanyuta typischen ESC-Pop-Techno der 90er-Jahre im Stile eines Eurodance-Duos à la Culture Beat und Co.

Auf Trash folgt Disney

Weiter geht es mit Armenien, das die überwiegende Mehrheit der Balladen bei diesem ersten Halbfinale einleitet. Ein märchenhaftes, mystisches Bühnenbild sowie SängerInnen in Kutten bilden zumindest einen visuell ansprechenden Hintergrund für eine Ballade wie aus einem Disneyfilm, die mit fortlaufender Dauer leider zu sehr in den Kitsch abdriftet. Walt lässt grüßen.

Die Highlights

Ein erstes Highlight folgt bereits an dritter Stelle mit Belgien. Der junge Loic Nottet bietet mit seinem Lied „Rhythm Inside“ sowohl eine visuell als auch musikalisch sehr reduzierte Performance und trifft dabei einen anderen Ton als das Gros seiner ESC-Kollegen. Black and White und Schachtbrett mit Streifen stellen die Bühnengestaltung dar und harmonieren so mit dem modernen Bass-Song, der von einer ansprechenden Stimme dargeboten wird. Nach Belgien ist das nächste, und gleichzeitig eines der größten, Highlights dieser ersten Show der fünfte Beitrag im Starterfeld: Finnland . Die vier Herren von Pertti Kurikan Nimipäivät legen mit „Aina mun pitää“ einen waschechten Punksong aufs Wiener Parkett und heben sich damit deutlich von der Masse ab. Echte Musik beim Song Contest, das gibt es nicht oft. Dass die Rocker am Down Syndrom leiden macht den Beitrag nur noch bemerkenswerter und die Vorstellung, das Event nächstes Jahr in Helsinki zu sehen zu einer sehr schönen.

Bemerkenswerter Beitrag aus Finnland

Und wieder sollte man die erste Toilettenpause ein wenig nach hinten verschieben oder sich beeilen, denn mit Startnummer sieben folgt nach einer musikalischen Conchita-Wurst-Rise-Like-A-Phoenix-Kopie aus Griechenland der ansprechende Beitrag aus Estland, den man nicht widerum verpassen sollte. „Goodbye To Yesterday“ vom Duo Elina Born und Stig Rästa erinnert an Nick Cave ebenso wie an Calexico. Die Stimme Stig Rästas lässt aufhorchen und verzücken, die Klänge lassen den Zuhörer glauben, eine Tex-Mex-Gruppe à la Calexico könnte am Start stehen. Sehr gelungen, aber vielleicht zu sehr abseits des Song-Contest-Mainstreams, um wahres Siegerpotenzial in sich zu bergen.

Hörenswert, aber wohl keine Sieger

In dieselbe Kerbe in Sachen Siegerpotenzial schlägt wohl auch der Beitrag unserer ungarischen Nachbarn (Startplatz zehn). Ein bisschen Frieden liefert die Sängerin Boogie mit dem sehr sanften aber durchaus hörenswerten „Wars For Nothing“. Vermutlich etwas zu reduziert für das große ESC-Publikum wie auch die Wiener Stadthalle.
Und der letzte Beitrag, bei dem wohl viele eine Bier-Nachschub-Pause bereuen könnten, folgt mit Startnummer 13: Dänemark. Die Jungs von Andi Social Media bieten im Beatles-Rockabily-Look eine beschwingte Pop-Nummer, die auf den gängigen ESC-Trash und –Techno verzichtet und sich wunderbar fürs Radio eignet. Gute Laune vorprogrammiert!

Vielleicht trifft sie nicht jedermanns Geschmack, aber der Vollständigkeit halber sollte auch die georgische Lederqueen Nina Sublatti noch als Anti-Pausen-Beitrag angeführt werden. Im Grufti-Gothic-Look hebt sie sich ab von der breiten Masse und bietet als Engel der Finsternis mit Sicherheit ein Kontrastprogramm zum Balladen- und Pop-Durchschnitt.

Der Durchschnitt

Unter letzteres Stichwort, Durchschnitt, fallen vor allem die Beiträge von den Niederlanden (guter Ansatz mit akustischem Start und durchaus passabler Stimme, aber zu beliebiger Refrain mit immerhin einem großen Dekolleté als visuellen Eyecatcher) sowie Mazedonien (eine Boyband-Ballade gesungen von einem Wiener vor dem wohl kitschigsten Bühnenbild des Abends) und Rumänien (angehaucht von einer Italo-Rockballade der 80er-Jahre wären die Adjektive „schlecht“ hier etwas übertrieben sowie „gut“ eindeutig zu enthusiastisch).

Die Tiefpunkte

Wirklich für eine Pause, ohne auch nur irgendetwas zu verpassen, eignen sich die Startnummern elf und zwölf. Auf Weißrusslands Pop-Nummer „Time“ von Usari und Maimuna, die die Zeit einfach zu langsam vergehen lässt, folgt Russlands austauschbare wie beliebige Ballade „A Million Voices“. Wenn die Schlange an der Bar mal wieder länger ist: Jetzt ist der Zeitpunkt, um sich anzustellen!

Unglücklich mit Startnummer 14 als Vorvorletzter mit abnehmender Aufmerksamkeit der Zuschauer kämpfen muss Albanien . Elhaida Dani sorgt mit „I’m Alive“ aber eher für das Gegenteil und lässt das Wachkoma noch weiter zunehmen mit seiner Weltschmerz-Ballade, die man am besten dazu nutzt, sich die Beine zu vertreten, um nicht wirklich einzuschlafen.

Erwähnenswert

Last but not least sei die Startnummer neun, Serbien, erwähnt, die musikalisch mitnichten in die Pausen-Kategorie fällt, doch gibt es da die silberne Glitzerkugel, die dem entgegenwirkt. Sängerin Bojana Stamenov ist eine echte Wucht und ein Hingucker. Und wer auf typischen ESC-Trash steht, wird diese Performance bestimmt mögen.

Die Startnummern im ersten Halbfinale:

  1. Republik Moldau
  2. Armenien
  3. Belgien
  4. Niederlande
  5. Finnland
  6. Griechenland
  7. Estland
  8. Mazedonien
  9. Serbien
  10. Ungarn
  11. Weißrussland
  12. Russland
  13. Dänemark
  14. Albanien
  15. Rumänien
  16. Georgien

(Die besten zehn singen am Samstag, 23. Mai, im Finale.)

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