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"Es war die Hölle" - Mehr als 230 Tote in syrischem Rebellengebiet

Ost-Ghouta wir immer wieder heftig vom Bürgerkrieg getroffen

Das syrische Rebellengebiet Ost-Ghouta nahe Damaskus hat eine der blutigsten Angriffswellen seit Beginn des Bürgerkriegs vor fast sieben Jahren erlebt. Bombardierungen aus der Luft und Artillerie hätten in der Region innerhalb von 48 Stunden mindestens 231 Zivilisten getötet, darunter Dutzende Frauen und Kinder, meldete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Dienstag.

Mehr als 1100 Menschen seien verletzt worden, viele davon schwer. Allein am Montag starben demnach 127 Zivilisten. Es handle sich um die höchste Opferzahl an nur einem Tag seit drei Jahren, erklärten die Menschenrechtler. Auch am Dienstag seien die Angriffe weitergegangen. Dabei seien mindestens 87 Menschen getötet worden. Flugzeuge und Hubschrauber seien von Flughäfen unter Kontrolle des Regimes gestartet, erklärten die Menschenrechtler. Erst Anfang des Monats hatte Ost-Ghouta eine der blutigsten Wochen seit Jahren erlebt.

"Es war die Hölle", sagte ein Arzt aus einem Krankenhaus in Ost-Ghouta, der nur mit seinem Vornamen Mohammed zitiert werden wollte, über die Angriffe am Montag. "Wir mussten mit ansehen, wie Kinder in unseren Händen an ihren schweren Wunden gestorben sind, weil sie zu spät ins Krankenhaus kamen." Die Kliniken seien völlig überfüllt. Narkosemittel und wichtige Medikamente gingen zu Ende.

Nach Angaben von Aktivisten flogen Jets und Hubschrauber der syrischen Luftwaffe allein am Montag Dutzend Angriffe auf verschiedenen Orte in Ost-Ghouta. Grausame Bilder aus dem Rebellengebiet zeigten verstaubte Opfer unter den Trümmern zerstörter Häuser. Aktivsten verbreiteten Aufnahmen von getöteten Kindern.

Der Bürgerkrieg hatte im März 2011 mit Protesten gegen die autoritäre Regierung von Machthaber Bashar al-Assad begonnen. Die Region Ost-Ghouta gehört zu den letzten Gebieten, die noch unter Kontrolle von Rebellen stehen. Dominiert werden sie von islamistischen Milizen, darunter der syrische Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida. Mehrfach waren in den vergangenen Monaten Versuche gescheitert, in dem Gebiet eine längere Waffenruhe zu erreichen. Stattdessen eskalierte die Gewalt in den vergangenen Wochen immer wieder.

Ost-Ghouta ist seit Monaten von Regierungstruppen eingeschlossen. Rund 400.000 Menschen sind dort wegen der Blockade fast vollständig von der Außenwelt abgeschnitten. Helfer berichten von einer dramatischen humanitären Lage. Über Wochen durften keine Hilfslieferungen in das belagerte Gebiet. Das habe zu einem schlimmen Mangel an Nahrungsmitteln geführt, sagte der regionale UN-Nothilfekoordinator, Panos Moumtzis. Die Raten an Mangelernährung hätten ein beispielloses Niveau erreicht. "Die humanitäre Lage der Zivilisten in Ost-Ghouta ist dabei, außer Kontrolle zu geraten", erklärte Moumtzis.

Die Hilfsorganisation UOSSM teilte mit, fünf Krankenhäuser in Ost-Ghouta seien gezielt bombardiert worden und außer Betrieb. Die Region erlebe eine "humanitäre Katastrophe im 21. Jahrhundert", erklärte der Leiter des UOSSM-Büros in Ost-Ghouta, Mohammed Khair Sammoud. Opfer könnten in Krankenhäusern nur notdürftig behandelt werden, weil Medikamente, Material und Geräte fehlten. "Mütter suchen unter den Toten und Verletzen nach ihren Kindern", berichtete er.

Das UN-Kinderhilfswerk Unicef prangerte die heftigen Angriffe auf Ost-Ghouta mit einer eine weitgehend leeren Mitteilung an. Darin heißt knapp: "Wir haben nicht länger die Worte, um das Leiden der Kinder und unsere Empörung zu beschreiben."

Oppositionelle werfen der Regierung vor, sie wolle Ost-Ghouta wie schon zuvor andere belagerte Gebiete so lange massiv bombardieren, bis die Rebellen zur Aufgabe gezwungen seien. Zugleich meldeten regierungstreue Medien, Elitetruppen planten eine Bodenoffensive auf Ost-Ghouta. In sozialen Medien kursierte ein Video des Kommandanten dieser Truppen, Souhail al-Hassan, in dem er den Rebellen droht: "Ich werde ihnen eine Lehre im Kampf erteilen (...) Ich sage ihnen: Erwartet die Hölle, Ihr werdet sie mit Euren eigenen Augen sehen."

Schon vor der neuen Angriffswelle gehörte Ost-Ghouta zu den Gebieten, die am heftigsten vom Bürgerkrieg getroffen wurden. 2013 erlebte die Region einen verheerenden Angriff mit Saringas, bei dem Hunderte Menschen starben. Oppositionelle und der Westen machten die Regierung dafür verantwortlich. Der investigativen Internetplattform Bellingcat zufolge wurde Ost-Ghouta in diesem Jahr mit Chlorgas angegriffen. Die Regierung wies den Vorwurf zurück, Chemiewaffen eingesetzt zu haben.

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