"Es wird immer wärmer": Studie verfolgte Temperaturen bis ins achte Jahrhundert

Alpine Region: Wärmste Periode seit 1.300 Jahren Umweltmaßnahmen beschleunigen Klimaerwärmung

"Es wird immer wärmer": Studie verfolgte Temperaturen bis ins achte Jahrhundert

Internationale Experten lieferten unter der Leitung eines Wiener Klimatologen interessante Ergebnisse einer dreijährigen Studie: Durch Rückverfolgung der Jahresdurchschnittstemperaturen im alpinen Raum bis ins 8. Jahrhundert konnte festgestellt werden, dass es immer wärmer wird. Im Moment erleben wir gerade die wärmste Periode seit 1.300 Jahren.

Dreieinhalb Jahre lang tüftelten bis zu 30 Wissenschafter aus Österreich, Deutschland, Großbritannien, der Schweiz, Italien und Frankreich an einer einzigartigen Studie: Sie sammelten Wetterdaten aus dem alpinen Zentraleuropa und schafften es, Jahresdurchschnittstemperaturen bis ins 8. Jahrhundert zu errechnen. Am verblüffendsten waren allerdings die Erkenntnisse aus den vergangenen 240 Jahren. Die Leitung des weltweit ersten Projekts dieser Art hatte der Klimatologe Reinhard Böhm von der ZAMG in Wien.

Weltweit umfangreichste Studie
Von März 2003 bis August 2006 durchforsteten die Forscher unzählige Archive nach alten Aufzeichnungen, untersuchten tausende Baumringstrukturen, entnahmen Eisbohrkerne, trugen Gletscherdaten zusammen. Böhm, der sich "sehr geehrt fühlte", diesem Team vorzustehen, gab das Lob für die ungewöhnliche Exaktheit der Untersuchung an den Alpenraum zurück: "Es war zwar die weltweit umfangreichste Studie, aber das Potenzial war schon einzigartig."

Rhone-Tal bis Budapest, Toskana bis Nürnberg
"Alp-Imp" nennt sich die Studie kurz, in ihrer ganzen Länge heißt das: "Multi-centennial climate variability in the Alps based on Instrumental data, Model simulations and Proxy data". Der "Patient" hatte enorme Ausmaße und reichte vom Rhone-Tal in Frankreich bis Budapest und von Perugia in der Toskana bis nach Nürnberg/Regensburg. "Wir haben sehr dichte Netze über die Alpen gelegt", erinnert sich Böhm im APA-Gespräch. Ziel war es, das Klima so weit als möglich in die Vergangenheit zurück zu verfolgen. "Und das ist uns auch gelungen. Wir haben es bis ins 8. Jahrhundert geschafft."

Wärmste Periode seit 1.300 Jahren
Fazit des Klimatologen: "Wir erleben gerade die wärmste Periode in den vergangenen 1.300 Jahren." Böhm, der konstruierte Horrorszenarien strikt ablehnt und dem meteorologische Überreaktionen so überhaupt nicht liegen, zieht relativ trocken Bilanz: Bis 1890 regierte die so genannte Kleine Eiszeit, also kaltes, natürliches Klima. So erreichten etwa um 1850 die Gletscher der Alpen ihre größte Ausdehnung in 8.200 Jahren. Danach setzte eine nicht vom Menschen herbeigeführte Erwärmung ein, die bis etwa 1950 andauerte.

Umweltgedanke kurbelt Klimaerwärmung an
Mitte des 20. Jahrhunderts begann dann sprichwörtlich eine "dunkle Periode". Böhm: "Der menschliche Einfluss auf das Klima war stark, es wurden enorme Mengen Dreck in die Atmosphäre gejagt." Dies führte dazu, dass nicht mehr so viel Sonnenstrahlen auf die Erde gelangen konnten und somit die Temperaturen purzelten. Bis Anfang der achtziger Jahre wurden Heizöl und Kohle ungeniert verbrannt, dann setzte sich allmählich der Umweltgedanke durch. So absurd es klingen mag, aber erst dieser Prozess hat die Klimaerwärmung angekurbelt, denn der Himmel wurde rein, klar - und ließ die Sonne ungehindert passieren.

Steigung des Meeresspiegels überdramatisiert
Böhm wagt sogar eine Prognose: "Die Modelle deuten darauf hin, dass es noch wärmer wird." Ungehalten wird der Klimatologe allerdings, wenn medial aufbereitete Märchen verkünden, in den kommenden 100 Jahren werde der Meeresspiegel um vier oder noch mehr Meter steigen: "Absoluter Blödsinn. Steigen wird er aber auf jeden Fall - so um 40 bis 60 Zentimeter. Das ist mehr als genug."

Weniger Schnee für Wintertourismus
Ganz klar äußert sich Böhm auch zu den Entwicklungen in den heimischen Alpen: "Der Winter-Tourismus wird Probleme bekommen." Doch auch in diesem Fall reagiert er auf Schauergeschichten allergisch: "Es wird auch weiterhin Schnee in den Bergen geben, auch die Gletscher werden nicht verschwinden - es wird nur von allem weniger da sein. Für die kommenden 20 Jahre braucht man aber gar nichts planen, da wird nämlich alles so bleiben wie es ist."

Flüsse trocknen nicht aus
Die Voraussage von extremen Wetterereignissen sei aus wissenschaftlicher Sicht eigentlich unmöglich, meint Böhm: "Dass es eine Zunahme gibt, ist Unsinn." Auch wenn behauptet wird, dass auf Grund von Gletscherabnahme die Alpenflüsse austrocknen, wird der Klimatologe energisch: "Es wird für diese Flüsse niemals Wassermangel geben, das sagt doch schon der normale Menschenverstand. Denn nur ein winziger Teil wird überhaupt von Gletschern gespeist."

(apa/red)