"Es reicht" war für Molterer nicht genug:
Erste Wahl könnte auch letzte gewesen sein

Poker des ÖVP-Chefs führt zu historischen Niederlage Spitzenkandidat war auch parteiintern sehr umstritten

"Es reicht" war für Molterer nicht genug:
Erste Wahl könnte auch letzte gewesen sein © Bild: APA/Robert Jäger

Wilhelm Molterer hat es gereicht und den Österreichern mit ihm. Der Poker des ÖVP-Chefs, aus der ungeliebten Großen Koalition auszubrechen und Neuwahlen auszurufen, hat aller Voraussicht nach zum historisch schlechtesten Ergebnis der Volkspartei geführt. Für den Vizekanzler könnte es mit seiner künftigen politischen Karriere eng werden.

Molterer galt auch vielen in der eigenen Partei nicht als der ideale Spitzenkandidat. Der Finanzminister wirkt oft verbissen, seine Persönlichkeitswerte in Umfragen sind schlecht. Mit ihm eine Wahl zu gewinnen, würde schwierig, wussten auch die eigenen Strategen. Nicht umsonst wurde der 53-Jährige am Beginn der Kampagne nicht einmal plakatiert. Viele Schwarze meinten, Nachwuchshoffnung Josef Pröll hätte deutlich bessere Chancen gehabt, einen Wahlsieg gegen den von großen Medien umschmeichelten SPÖ-Chef Werner Faymann zu feiern. Manche glauben, die Neuwahlankündigung habe Molterer überhaupt nur ausgerufen, um seinen Kopf zu retten.

Im Schatten Wolfgang Schüssels
In der Partei ist er seit langen Jahren eine große Nummer, freilich lange im Schatten von Wolfgang Schüssel, den noch immer viele als Mastermind hinter Molterer sehen. Dessen Versuche, sich beispielsweise mit einer Perspektivengruppe und neuen Ideen zu emanzipieren, verliefen eher glücklos. Selbst die SPÖ-Kampagne 2008 richtete sich noch fast genauso gegen Schüssel wie gegen Molterer, der sein Buchhalter-Image nicht abstreifen konnte.

Andererseits erschien es im letzten Jahrzehnt so, als ginge ohne Molterer in der ÖVP rein gar nichts. Der strebsame Allrounder war Minister, Generalsekretär und Klubobmann, ehe es ihn nach dem Schüssel-Rücktritt ganz an die Spitze verschlug. In der ÖVP war er da schon ewig Kronprinz, mehr noch der Strippenzieher und "Personalchef". Und er war immer treu an der Partei dran, was diese "Pater Willi" mit einem 97-Prozent-Votum bei seiner Wahl zum Chef der Volkspartei dankte.

Gute Führungsarbeit
Seine Regierungsmannschaft hielt Molterer ganz gut zusammen, sieht man von Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky ab. Als Finanzminister punktete er selbst mehr mit dem in Rekordzeit erstellten Budget, weniger mit dem Finanzausgleich. Nicht allzu gut kam im Wahlkampf, dass er sich als strenger Sparmeister gerierte, dann seine Partei aber doch teuren Wahlzuckerl im Nationalrat zustimmte.

Seinen Ruf als "Personalchef" erarbeitete sich Molterer vor allem im ORF, in dem er als langjähriger Mediensprecher seinen Einfluss zu nutzen wusste, auch inhaltlich. Fast schon legendär wurde das von Kabarettist Alfred Dorfer erfundene "Moltofon". Freilich hat Molterer auch in der Privat- und in der staatsnahen Wirtschaft ein enges Netz an Vertrauten, ehemaligen Mitarbeitern und Freunden aufgebaut. Er selbst neigt aber dazu, sich mit nicht allzu starken Persönlichkeiten zu umgeben, heißt es aus der Partei.

Nicht im konservativem Eck
Wiewohl der Sierninger zum Hausmusik-Trio um Wolfgang Schüssel und Elisabeth Gehrer gehörte, ist es schwierig, den VP-Chef ins allzu konservative Eck zu stecken. Der Vizekanzler startete via Josef Pröll einen sanften Modernisierungsprozess der Partei - Stichwort Homo-Ehe -, mit dem er allerdings in den letzten Monaten stecken blieb. In seiner Jugend galt Molterer gar als revolutionär, als er in der katholischen Studentenunion als Linksabweichler auffiel. In den 70ern forderte er die Abschaffung des Bundesheeres und die Verstaatlichung des Gesundheitswesens. Ein kurzfristiger Ausschluss aus der ÖSU war die Folge.

Das Politische liegt Molterer schon im Blut, und das nicht nur, weil er mit seiner Geburt in Steyr am 14. Mai 1955 fast ein Staatsvertragsbaby war. Sein Onkel, bei dem er in Sierning aufwuchs und der ihn später (für Bauernfamilien nicht unüblich) adoptierte, saß für die Volkspartei im Nationalrat. Die politische Karriere des jungen Molterer begann bei der Hochschülerschaft. Nach dem Studium der Sozialwissenschaften in Linz arbeitete der ehemalige Landesmeister im Leistungspflügen im Büro von Landesrat Leopold Hofinger. 1987 übersiedelte er nach Wien und wurde Sekretär von Landwirtschaftsminister Josef Riegler. Dessen Nachfolger Franz Fischler machte Molterer zum Büroleiter. 1990 kam er in den Nationalrat, wurde Generalsekretär und 1994 Landwirtschaftsminister. Im Februar 2003 mutierte der verheiratete Vater von zwei Kindern zum Klubobmann, im Jänner 2007 zum Finanzminister und Vizekanzler, wenig später zum ÖVP-Obmann.

Sein Privatleben hält er von der Öffentlichkeit zurück, Luxusurlaube sind von ihm ebenso wenig überliefert wie exotische Hobbys. Gerne sitzt er am Stammtisch in Sierning und geht in die Berge.
(apa/red)