LEITARTIKEL von

Es ist fast vollbracht

Am Sonntag ist Wahltag. Endlich. Ein Wunsch sei den Politikern Befehl: Zurück zu Inhalten, weg von Wahlschlachten

LEITARTIKEL - Es ist fast vollbracht © Bild: Matt Observe

Endlich haben wir es geschafft. Der Wahlkampf ist zu Ende, nun sind die Wähler am Wort. In den vergangenen Wochen hatten wir genug Zeit, uns Gedanken über die Lage im Land zu machen. Keine Wirtschafts- oder Finanzkrise (2008) konnte das Land derart bewegen wie der Flüchtlingsandrang im Sommer 2015, und zwar nachhaltig. Zuerst versammelten sich die Massen am Westbahnhof, um geflüchteten Menschen zu helfen -mit Essen, Decken, Kleidern, Schuhen und anderen Utensilien. Dann ging der Nimbus des österreichischen "Wir schaffen das" Stück für Stück verloren. Ein Mann, der das verkörpert wie kein zweiter, ist Christian Kern. Als Chef der ÖBB ließ er Menschen unbürokratisch auch ohne Fahrkarten durchfahren. Er war ein Held. Und blieb es eine Weile. Als neuer Bundeskanzler legte er den Plan A vor, mit dem er Österreich nachhaltig verändern wollte -bis Sand ins Regierungsgetriebe kam.

Sein Widersacher Sebastian Kurz gab sich schon früh als Falke und feiert sich noch heute als Schließer der Balkanroute, wenngleich das Angela Merkel und Viktor Orbán anders sehen. Orbán will es selbst gewesen sein, Heinz-Christian Strache gibt ihm dabei Recht. Das ist in der Diskussion zweitrangig. Was zählt, ist ein ziemlich radikaler Schwenk von der Willkommens- zur Ablehnungskultur. Wenn ÖVP und FPÖ eine neue große Koalition bilden, wird sich die Ablehnungskultur durchsetzen.

Grenzen hochziehen, "Österreich zuerst" wird das Motto lauten. Freilich darf auf eines nicht vergessen werden: Der Wohlstand dieses Landes kommt vor allem von seiner Öffnung Richtung EU und von der Durchsetzungskraft mittelständischer Unternehmen in einer globalen Gesellschaft. Wer jetzt glaubt, Österreich kann auch ohne EU vorankommen, sitzt einem Trugschluss auf.

Natürlich ist es wichtig, dass Österreicherinnen und Österreicher einen Job haben. Um Geflüchtete richtig zu integrieren, müssen sie so schnell wie möglich arbeiten dürfen. So lernt man die Sprache, verdient sich eigenes Geld, bekommt Stolz und Zufriedenheit, auch in einem fremden Land zu leben -und wird schnell heimisch. Unter den Arbeitslosen gibt es übrigens leider genug Einheimische, die Jobs nicht annehmen. Hoteliers am Arlberg können ein Lied davon singen. Deshalb sollte nicht der Widerspruch zwischen Einheimischen und Hinzugekommenen verstärkt, sondern vielmehr vermindert werden. Wo soll das am besten gehen, wenn nicht in der Schule? Es kann nicht sein, dass in Wien der Anteil von Kindern nicht deutscher Muttersprache in Schulklassen je nach Bezirk mitunter bei 75 Prozent liegt.

Am Beispiel Bildung ist nachvollziehbar, was diesem Land fehlt: Es wird zu viel gequatscht und zu wenig umgesetzt, zu viel schlecht geredet, statt gemeinsam eine Lösung gesucht. Da muss man die Politik an der Nase nehmen. Wo waren die Themen in diesem Wahlkampf? Von Silberstein-Gate bis "Fass ohne Boden": Schmutziger ging es zwischen den Parteien nicht mehr. Jeder wollte zeigen, wer noch mehr Dreck am Stecken haben könnte. Was ist das Resultat? Dass die Wähler sich denken: Wir haben immer schon gewusst, dass Politikern nicht über den Weg zu trauen ist.

Lassen wir die Kirche im Dorf. Ab 16. Oktober, zumindest ist es zu hoffen, kümmern sich die Politiker wieder um das, was wirklich zählt: ihre Arbeit im Dienste der Wähler und des Landes.