"Es wird besser, dauert halt länger": Der Kosovo ist seit sechs Monaten unabhängig

Hohe Arbeitslosigkeit und ungelöste Energieprobleme Offene Fragen im Zusammenleben mit den Serben

"Es wird besser, dauert halt länger": Der Kosovo ist seit sechs Monaten unabhängig © Bild: Reuters/Reka

Mustaf Kabashi ist schon ein bisschen unzufrieden. Erst 45 Staaten haben den Kosovo seit der Unabhängigkeitserklärung am 17. Februar anerkannt, seine älteste, 20-jährige Tochter hat kaum Aussichten eine Stelle zu finden, beklagt er sich. Im Alltag hat sich für die meisten Kosovaren in den vergangenen sechs Monaten nicht viel geändert, abseits hoher Arbeitslosigkeit, ungelöster Energieprobleme und offener Fragen im künftigen Zusammenleben mit den Serben. Es gibt aber in einigen Bereich Lichtblicke. Der oberösterreichische Vizeleutnant Michael Ofner (33) bei der NATO-geführten Kosovo-Schutztruppe (KFOR) formuliert es so: "Es wird besser, es dauert halt länger."

Aber auch Kabashi kommt auf Positives: Sein von Serben niedergebranntes Dorf Studencani sei nach dem Krieg 1998/99 "super" mit österreichischer Hilfe neu aufgebaut worden. Allerdings musste er mit seinen damals vier Kindern zwischenzeitlich nach Albanien fliehen; sein Vater sei wie 14 weitere albanische Zivilisten in Studencani von serbischen Polizisten getötet worden. Außerdem gehört der 47-Jährige zu jenen Privilegierten, die im Kosovo Arbeit bei internationalen Organisationen fanden - dank seiner als Gastarbeiter im Düsseldorf der 90er Jahre erworbenen Deutschkenntnisse arbeitet er heute als Reinigungskraft für die KFOR.

Verbesserung bei Sicherheit
Dort ist man der Ansicht, dass vor allem in punkto Sicherheit in jüngster Zeit eine Verbesserung eingetreten ist. Es sei ruhig, ist im Camp Casablanca des KFOR-Einsatzbataillons Dulje mit größtenteils österreichischen Soldaten in Suva Reka (Suhareka) zu hören. Patrouillen wurden zurückgefahren. An die Stelle von Kontrolle soll verstärkt der Dialog mit der Bevölkerung treten. Offene sicherheitsrelevante Fragen beträfen das Politische: die Umsetzung der von Serbien nicht anerkannten EU-Rechtsstaatsmission EULEX innerhalb der UNO-Verwaltung (UNMIK) und das Schicksal des Nordkosovo, wo viele Serben leben.

Der Greinberger Vizeleutnant Ofner hat einen Vergleich. Er war bereits kurz nach dem Krieg im Kosovo stationiert und ist jetzt wieder hier. Aus seiner Sicht hat die Unabhängigkeit nach Jahren des ungelösten völkerrechtlichen Status bei den Kosovaren vor allem "im Kopf viel verändert", wenn sich auch materiell nicht viel für sie getan habe. Die Bevölkerung mit einem Durchschnittsalter von 25 Jahren sei zuversichtlicher.

"Die Leute sind gewillt anzupacken. Man sieht, dass sie sich Mühe geben, dass es ins Laufen kommt", pflichtet Korporal Joachim Weiss aus dem steirischen Deutschlandsberg in seiner Beschreibung des "Meilensteins" der Unabhängigkeit bei. Oberflächlich hat sich nach Ansicht der Bundesheer-Soldaten vor allem in Sachen Infrastruktur einiges getan. Straßen würden neu gebaut oder ausgebessert, trotz der weithin verschmutzten Flüsse und Fluren existiere nun eine rudimentäre Müllabfuhr.

Überall Organisierte Kriminalität
Das Bild ist jedoch getrübt: Es gebe Organisierte Kriminalität an allen Ecken und Enden, die vielen neuen Tankstellen mit angeschlossenen Shops und Pizzerias deuteten auf Geldwäsche hin, so der Villacher Oberstabwachtmeister Elmar Bearzi. Dafür sei die KFOR nicht zuständig, und die Regierung setze dem keine Grenzen. "Es lebt keiner wirklich schlecht, obwohl die Arbeitslosigkeit so hoch ist", meint er.

Dafür verantwortlich ist aber auch das Geld, das viele Auslandsalbaner in die Heimat schicken. Jetzt auf Sommerbesuch, kutschieren diese gerne ihre Luxuskarossen mit italienischen, deutschen und Schweizer Kennzeichen durch die Städte. Mit ihrem Geld wurden im Kosovo viele Häuser gebaut, die - in der Mehrzahl unverputzt - mit zwei und mehr Obergeschoßen in die Höhe ragen.

Häuser-Ruinen
Doch auch hier Wermutstropfen: Gleich daneben befinden sich die Ruinen der Häuser von Serben, die von den Albanern zerstört wurden. Zurückkommen wollen die Vertriebenen oder vor drohender Ermordung Geflohenen nicht. In Zociste, wo heute 700 Albaner und vier serbisch-orthodoxe Popen in einem Kloster leben, wurden 39 Häuser wieder aufgebaut. Nur zwei, drei serbische Familien kamen, von der KFOR eskortiert, um sie sich überhaupt anzusehen: "Go and see". Geblieben ist es mangels einer fehlenden Perspektive und einem anderswo neu begonnenem Leben beim Go. Allein mit dem Verkauf des Eigentums an die ehemaligen albanischen Feinde wird noch abgewartet.

Warum die Lage rund um Suva Reka so ruhig ist im Vergleich zur nördlichen Stadt Mitrovica, hat nicht nur damit zu tun, dass sich die Kosovo-Serben "inoffiziell" mit der Unabhängigkeit abgefunden haben, sondern ganz einfach mit ihrem fast gänzlichen Exodus aus der Gegend: Nur mehr Zociste, Velika Hoca mit 700 serbischen und zwei Roma-Familien und die geteilte Stadt Orahovac mit 22.000 Albanern und 600 Serben sind aus Sicht des Bundesheeres als Brennpunkte in der derzeit unter österreichischem Kommando stehenden Multinationalen Brigade Süd verblieben.

Zarte positive Ansätze neben ungelösten Problemen: Der Blick auf die relativ gewaltfrei über die Bühne gegangene Proklamation der Unabhängigkeit und der Vergleich rückt selbst die Kritik von Mustaf Kabashi ins richtige Lot. An die jüngsten Kämpfe im Kaukasus denkend, sagt er: "Das beste ist kein Krieg."

(apa/red)