Was unbedachte Muttersprüche
mit der Kinderspyche anrichten

Verbale Übergriffe der Eltern begleiten manche Menschen ihr Leben lang. Bei Twitter teilen User unter #SpruecheUnsererMuetter Äußerungen ihrer Mütter, die sie bis heute bewegen. Mehrheitlich sind es Verletzungen, die sich die Autoren dort von der Seele schreiben. Warum manche Aussagen so kränkend sind, was sie auslösen und wie man es besser formulieren könnte, erklärt die Wiener Psychologin Martina Bienenstein im Gespräch mit "News".

von Erziehung - Was unbedachte Muttersprüche
mit der Kinderspyche anrichten © Bild: istock images
»Warum bist du nicht wie dein Bruder?«

1. Völlige Ablehnung

Experten-Analyse: "Das ist ein Vernichtungssatz auf ganzer Ebene. Denn Kernbotschaft des Satzes lautet: „So wie Du bist, bist du nicht in Ordnung“. Die Folge: Ein totaler Konkurrenzkampf zwischen den Kindern wird geschürt. Wenn ein Kind besser mit den Eltern kann als das andere – auch schon im Kleinkinderalter – dann ist das schnell manifestiert. Aus dieser Negativspirale würden sich Kinder und Jugendliche sich selbst nicht befreien können.

So machen Sie es besser: Ein Vergleich unter Geschwisterkindern ist immer schwierig. Die Kunst der Formulierung liegt darin, das jeweilige Kind so zu sehen wie es ist und die persönlichen Stärken und Qualitäten klar zu betiteln. Man kann anerkennen, dass etwa der Bruder in gewissen Bereichen gut ist oder bei manchen Themen besonders interessiert. Aber die individuellen Vorzüge des Geschwisterkindes müssen ebenso angesprochen werden.

Beispielsatz: „Mathematik liegt dir nicht so (neutrale Beobachtung), aber deine geballte Energie liegt in der Sprache, das macht dir Spaß (Lob). Jemanden zu aktivieren, um eine Schwäche zu kompensieren brauche Vorlaufzeit. Denn das Kind muss zuerst zu der Überzeugung gelangen, dass es diese Aufgabe überhaupt bewältigen kann. Danach könne eine gut formuliertes Angebot der Eltern unterstützen. Zum Beispiel: „Mathematik liegt dir nicht so, was glaubst du, was du brauchst, damit du das gut schaffen kannst?“

»Nein, wir gehen nicht hin. Das ist nichts für uns. «

2. Mangelnde Wertschätzung

...das war die lapidare Absage für meinen Maturaball, schreibt eine Twitter-Userin. Experten-Analyse: "Das ist wahrscheinlich ein Satz der unterschiedlich aufgefasst werden kann. Ein Gros der Jugendlichen wäre wahrscheinlich froh darüber, wenn die Eltern nicht kommen (schmunzelt)", sagt Psychotherapeutin Martina Bienenstein Die anderen wiederum seien enttäuscht. Warum?

Weil in der Aussage der Bezug auf den Menschen, den es betrifft, fehle. „Die Eltern waren zwar in der Lage zu sagen: ‚Das ist nichts für uns, da gehen wird nicht hin.‘ Aber folgender Nebensatz sei ausgeblieben: „Was hättest Du denn gerne?“ Wer das Fernbleiben der Eltern als kränkend empfindet, dem fehlt ihre Wertschätzung - auch in Hinblick auf die Matura. Tipp: Jugendliche sollen aktiv dafür eintreten, was sie möchten: „Ich hätte euch gerne dabei“.

»Das musst du selbst wissen. Das ist deine Entscheidung. Ich kann Dir doch eh nichts vorschreiben.«

3. Alleine gelassen

…und trotzdem gab es am Ende Vorträge, wenn ich es ihrer Meinung nach "mal wieder übertrieben habe" Woher sollte ich denn wissen, was erlaubt ist? fasste eine Dame auf Twitter ihr einstiges Dilemma in Worte.

Experten-Analyse: Auch hier geht es um mangelnde Wertschätzung. Die Eltern erkennen nicht, dass ihr Kind Unterstützung braucht und lassen dann zusätzlich nur die eigene Meinung gelten. Und das ist nie hilfreich.
Die bessere Formulierung wäre: "Das kannst du selbst entscheiden und du bist auch dazu in der Lage"– so werde das Selbstvertrauen gestärkt. Wenn Eltern mit der getroffenen Wahl des Kindes unzufrieden sind, könnte man diese Satz sagen: "Es ist deine Entscheidung. Ich würde es wahrscheinlich anders machen, aber wenn es für dich so passt, passt es für mich auch!"

»Ich weiß nicht was ich verbrochen habe, dass ich so ein Kind wie dich habe«

4. Affektaussage mit Folgen

Experten-Analyse: "Das geht gar nicht! Leider fällt dieser Satz öfter, auch wenn er meist von den Eltern nicht böse gemeint ist. Die Aussage ist eine totale Ablehnung und Schlechtmache." Die Kernaussage dieses Satzes lautet: "So wie du bist hat das mit mir und unserer Familie gar nichts zu tun. Ich kann mich mit dir gar nicht identifizieren.“ Wichtig: Es gehört zu jeder Persönlichkeitsentwicklung dazu, dass man sich vom strahlenden Baby zu einem individuellen Menschen entwickelt, der auch Schwächen hat.

»Du bist bestimmt damals im Krankenhaus vertauscht worden. Wo ist nur das kleine süße Mädchen das ich eigentlich haben sollte?«

Wenn wir an die Grenzen unserer Kinder stoßen, hat das ganz viel mit uns selbst zu tun. Kinder spiegeln oft Eigenschaften der Eltern, die sie selbst an sich nicht mögen. Diese unbewussten Prozesse sind die Hauptschwierigkeit in der Eltern-Kind-Beziehung. Viele Eltern nehmen sich oft selbst als Opfer wahr. Wenn es um verbale Gewalt geht, rechtfertigen sich diese so: „Du brauchst nicht glauben, dass es mir Spaß macht, dass ich schreie und schimpfe, aber Du zwingst mich ja dazu.“

»Lass mich mit deinen Problemen in Ruhe«

5. Völlige Blockade

„Es war nur dieser eine Satz“, schreibt die Twitter-Userin. Ich war 13 und habe danach nie wieder über persönliche Probleme mit ihr gesprochen.“ Ein ähnlicher Satz, mit gleicher Wirkung lautet:

Experten-Analyse: Es kann vorkommen, dass man sich als Mutter in einer Situation befindet, in der man gerade keine Kapazität hat, sich mit den Problemen des Kindes auseinander zu setzen. Wichtig sei aber die richtige Kommunikation.

»Das sind keine richtigen Probleme! ICH habe richtige Probleme!«

So sagen Sie es besser: „Ich sehe, dir geht es gerade nicht so gut, ich hab heute keine Kraft mehr, dir zuzuhören. Können wir das morgen machen?“ Ein verständnisvolles Angebot aussprechen helfe in dieser Situation. „Natürlich darf man auch als Elternteil auf die eigenen Bedürfnisse schauen", beruhigt die Psycholgin Bienenstein.

»Das verstehst du noch nicht«

6. Globale Abfertigung

Experten-Analyse: "Das ist ein sehr schwieriger Bereich, weil es Eltern gibt, die nichts erklären und schauen, dass die Kinder so wenig wie möglich mitkriegen. Diese versuchen dann ihre Kinder mit solchen Generalaussagen abzufertigen. Aber: Kinder kriegen natürlich alles mit, auch wenn Sie die Dinge in ihrer Komplexität noch nicht verstehen können. S
o sagen Sie es besser:
Auf eine Frage des Kindes immer eingehen. „Aha, das beschäftigt dich also.“

Auf die kindgerechte Erklärung sollte folgen: „Wenn du noch Fragen hast, kannst du sie gerne stellen.“ Auf Fragen gute Antworten im altersgerechten Kontext zu geben, fällt Eltern generell schwer. Richtlinie: Kinder brauchen Information, an der sie sich orientieren können. Nur so können sie sich sicher fühlen. Alles was Fantasien weckt, was nicht ausgesprochen wird, macht unsicher.

»Du gehst nicht zu einem Psychologen, die suchen den Fehler doch nur bei uns«

7. Pure Angst

Experten-Analyse: "Hier spricht die Angst aus den Eltern. Angst, dass sie für etwas herangezogen werden, was sie bewusst oder unbewusst, gemacht haben. Und die Kinder womöglich den Mut bekommen sich aufzulehnen und ihren eigenen Weg zu gehen"

»Natürlich enttäuscht du uns, aber du musst ja wissen, was du tust!«

8. Belastende Vorwürfe

Experten-Analyse: "Alles was sich verbal auf der emotionalen Ebene abspielt – zum Beispiel: „Du enttäuschst uns. Du machst mich traurig“ ist für Kinder immer schwer zu nehmen."

So sagen Sie es besser: „Das ist nicht meine Ansicht, aber mach was du glaubst, probiere es aus.“ Dieser Satz habe eine völlig andere Qualität. Es finde keine Beurteilung statt, aber der Elternteil bekundet trotzdem ernsthaftes Interesse.

Was tun in einer Konfliktsituation? Ein neutrales wertfreies Herangehen im Beschreiben der Situation ist sehr wichtig. Bei kleineren Kindern könnte das Gespräch so aussehen: „Aha, habt ihr jetzt einen Streit miteinander? Braucht ihr Hilfe? Spielt ihr weiter oder braucht ihr eine Pause? Die Kinder brauchen die Autonomie selbst zu entscheiden wie es weitergeht.

»Kein Wunder, dass du keinen Freund hast, so dick wie du bist«

9. Kein Feingefühl

…Das hat meine Mutter vor vielen Jahren zu mir gesagt. Mittlerweile bin ich seit fast sieben Jahren mit meinem Freund zusammen und er hat kein Problem damit dass ich dick bin, schreibt eine Frau auf Twitter mir dem Hashtag #SpruecheUnsererMuetter

Experten-Analyse: "Das ist ein sehr heikles Thema. Im Extremfall entwickelt sich eine Essstörung aus so einer Aussage. Natürlich ist es legitim, dass Eltern eine Einschätzung abgeben, wenn ein Kind wirklich dick wird. Davor sollte man sich aber selbst Fragen: Wie ist unsere Ernährung zuhause? Ist das Kind grundsätzlich gesund? Welche Lebensmittel haben wir immer im Kühlschrank? Einen natürlichen Bezug zum Essen aufzubauen ist sehr wichtig.

»Du packst das! Ich hab dich lieb! Ich bin stolz auf dich! «

10. Positive Beispiele

... Ich wünsche dir einen ganz schönen Tag! Einen guten Wochenstart! Hoffe, dir geht es gut. Das hast du toll gemacht!Doch kann man es mit den positiven Gefühlen auch übertreiben?

Experten-Analyse: Anspornen und Gefühle zu zeigen ist gut, beim Loben haben jedoch viele das Maß verloren. Ein Lob an sich ist eine Bewertung von Erwachsenen an das Kind. Dabei geht es vielmehr um die Wahrnehmung, Wirklich wertvoll für Kinder ist es, wenn man als Elternteil merkt, dass es sich bemüht hat. Und dass man stolz und zufrieden mit ihrer Leistung ist. Es geht um Wahrnehmung und die sei essentiell.

Alle oben genannten Sätze, sind Bewertungssätze. Die man natürlich einmal aushalten kann. Schwierig wird es nur, wenn das Kind ständig dieses Gefühl vermittelt bekommt. So fühlt sich das Kind: „Ich werde, in dem wie ich bin, nicht positiv wahrgenommen.“ Eine äußerst problematische Situation.

11. Verbale Gewalt vermeiden - so klappt es!

Die oben genannten Sätze verdeutlichen klar: Elterliche Botschaften prägen sich ein und setzen sich fest. Je sensibler und intelligenter ein Kind ist, desto länger wirken unbedachte Sprüche. Oft verfolgen sie einen sogar bis ins Erwachsenenalter. Wie es zu den unüberlegten Aussagen der Eltern kommt und welche Phrasen Sie besser aus ihrem Vokabular streichen sollten, klären wir im Interview mit Psychologin Martina Bienenstein:

Warum „passiert“ es Eltern (ohne böse Absicht), dass sie solche negativen Botschaften an ihre Kinder aussenden?
Eltern haben den Anspruch den Kindern das Beste angedeihen zu lassen und wollen dann auch Ergebnisse sehen. Die Kinder sind sozusagen das persönliche „Vorzeigeprojekt“. Und deshalb ist es auch so wahnsinnig schwierig auszuhalten, wenn etwas nicht funktioniert oder nicht nach den eigenen Vorstellungen läuft. Die letzten hilflosen Versuche der Eltern liegen dann in der Abwertung.

Gibt es gewisse Formulierungen die man als Elternteil grundsätzlich aus dem Sprachgebrauch verbannen sollte?
Ja. Alle Formulierungen die dauerhafte Zuschreibungen sind. Zum Beispiel: „Nie kannst du …“ „Immer bist du…“ Dauernd musst du…“ Generalisierungen führen dazu, dass die ganze Person negativ beurteilt wird.

Welche Phrasen sollte man stattdessen öfter einbauen ?
Alle die den Ist-Zustand wertfrei beschreiben. Zugleich sollen die Sätze in Aussicht stellen, dass es noch eine nächste Chance gibt. Dass die Situation zu bewältigen ist. Zum Beispiel: Heute ist es nicht so gut gelaufen, ich bin mir sicher, beim nächsten Mal gelingt es besser.“ „Ich sehe das beschäftigt dich gerade…“ „Im Moment bist du…“

Wie schafft man es als Erwachsener solche Sprüche zu entmachten?
Eine Pauschalantwort gibt es hier leider nicht. Im Idealfall sollte man sich einfach davon lösen und die Verantwortung für das eigene Leben übernehmen. Es kommt natürlich darauf an, was man erlebt hat und wie reflektiert man ist. Auch welches Umfeld man hat. Grundsätzlich ist es jedoch immer gut eine Therapie in Betracht zu ziehen, um ein Stück über sich selbst zu erfahren. Fragen wie: Was hat mich geprägt? Was hat mir gut getan? Was war für mich nicht so fein? Was sende ich eigentlich aus? werden dann aufgearbeitet.

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Zur Person:
Martina Bienenstein hat in Wien und Innsbruck Psychologie studiert. Sie betreibt ihre eigene Praxis im 9. Wiener Gemeindebezirk . Die Schwerpunkte ihrer psychotherapeutischen Arbeit liegen auf den Themen Beziehungen, Essstörungen, Panikattacken, Depressionen, Burn-out sowie Eltern - & Erziehungsberatung. Zudem leitet sie beim Verein "Kinder in Wien" die kinderpsychologische Fachberatung und hat die Elternplattform www.mychild.at gegründet.

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