Erwachsene als schlechtes Beispiel: Kinder-Psychiater Friedrich über Gewalt an Schulen

Aggression hat nichts mit Herkunft und Religion zu tun Auch Lehrer müssen Verantwortung nachkommen!

Überforderte Lehrer, der schnelle Ruf nach Behörden, wenn nicht gar nach der Polizei: Was in Deutschland in den vergangenen Tagen für Schlagzeilen sorgte, ist für den Wiener Kinder- und Jugendpsychiater Univ.-Prof. Dr. Max Friedrich Ausdruck der Verhältnisse in der gesamten Gesellschaft: "Gewalt ist im Alltag unserer Kinder an der Tagesordnung. Sie ist allgegenwärtig und wird auch voll wahrgenommen". Im Grunde genommen müsse sich die Erwachsenenwelt fragen, welches Beispiel sie darstelle.

Der Vorstand der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Wiener AKH: "Gewalt in der Schule ist oft die Weitergabe von Selbsterlittenem. Mitmachen ist 'Pflicht', es gibt auch eine Gewalt der Nachahmung." Fragen könne man allerdings, ob Hemm- und Steuerungsmechanismen nicht mangelhaft ausgebildet seien oder in der Entwicklung mancher Jugendlichen nicht wieder verloren gingen.

Gewalt hängt nicht von Nationalität ab
Aber, so Friedrich: "Die Erwachsenen machen es ja den Kindern vor. Wahr aber ist, dass vielleicht der Sprung von der Aggression zur Gewalt und dann zur Brutalität schneller abläuft." Mit der nationalen, kulturellen oder religiösen Herkunft habe das nichts zu tun. Der Kinder- und Jugendpsychiater: "Die so genannten 'ausländischen' Kinder sind nicht aggressiver. Unsere inländischen Kinder sind genau so aggressiv." Aber wenn da in einer bestimmten Gesellschaft vier oder fünf temperamentvolle Ethnien zusammen kämen, könnten Probleme offensichtlicher werden. Friedrich: "Das Kind muss ja nur auf die Erwachsenen schauen, es muss ja nur den Nahen Osten nachspielen."

Lehrer als Muster-Autoritäten
Lehrer - so der Experte - seien von einer besonderen Entwicklung betroffen. Sie stünden sozusagen als Paradebeispiel für Autoritäten da, die anderswo abgelehnt bzw. abgeschafft worden seien.

Auch Lehrerschaft muss Werte überdenken
Max Friedrich: "Das Image des Lehrers ist grundsätzlich schlechter geworden. Aber bei einem Schulsystem, das vor allem auf Kontrolle, Hinausprüfen und Strafen ausgerichtet ist, darf es einem nicht wundern, wenn die Kinder und Jugendlichen dann einmal sagen: 'Wir sind nicht eure Kasperln. Sie werden uns schon kennen lernen'." Hier müsse man der Lehrerschaft auch helfen, wenngleich auch sie ihre Werte und Wertigkeiten eventuell wieder ändern werde müssen. (APA/red)