EM 2016 von

Erstmals im Rampenlicht: Storck will Ungarn reformieren

Trainer-Weltenbummler Bernd Storck © Bild: APA (AFP)

Nicht einmal ein Jahr nach seiner Beförderung zum Teamchef steht Bernd Storck mit Ungarn im Rampenlicht. Bei der Fußball-EM in Frankreich sind die Magyaren erpicht, als Außenseiter in der Gruppe mit Portugal, Österreich und Island eine Überraschung zu schaffen. In Storck wird große Hoffnung gesetzt. Unlängst verlängerte der Deutsche seinen Vertrag bis 2018. Er soll Ungarn auch zur WM führen.

Die Stationen von Storck als Coach lesen sich wenig spektakulär. Der im Ruhrgebiet geborene Ex-Profi war nach Tätigkeiten als Co-Trainer von Jürgen Röber (Hertha BSC, Wolfsburg, Partizan Belgrad, Dortmund) zunächst einige Jahre in Kasachstan aktiv. Dann kümmerte er sich um die Ausbildung der Talente von Olympias Piräus. Im März des Vorjahres trat Storck dann in Ungarn auf Empfehlung des damaligen Nationaltrainers Pal Dardai das Amt des Sportdirektors an.

Dardai selbst war 18 Jahre zuvor von Storck nach Berlin geholt worden. Böse Zungen könnten behaupten, dass er seinem ehemaligen Förderer damit einen Freundschaftsdienst erwies. Für den Netzwerker Storck war es ein Sprungbrett. Dardai musste den Posten aufgrund seiner Trainertätigkeit bei Hertha BSC im Juli räumen, Storck übernahm Ungarn in der EM-Qualifikation auf Rang drei der Tabelle.

Es folgten ein Sieg, zwei Remis und eine Niederlage. Im Play-off gegen Norwegen gelang mit zwei Erfolgen dann der umjubelte Sprung nach Frankreich. Dort trifft Ungarn am 14. Juni im ersten Gruppenspiel in Bordeaux auf Österreich. "Es ist gut, dass Ungarn mal wieder bei einem großen Turnier dabei ist", meinte Storck im Vorfeld. Zuletzt war der Vize-Weltmeister von 1954 vor 30 Jahren bei der WM in Mexiko auf der großen Bühne vertreten. Storck: "Wir wollen zeigen, dass wir zurecht hier in Frankreich sind."

Als Profi war der Westfale seinen Vereinen verbunden. 171 Bundesliga-Spiele bestritt der Verteidiger für den VfL Bochum und Borussia Dortmund (DFB-Cupsieger 1989). Für Deutschland spielte er im Nachwuchs, ins A-Team schaffte er es nicht. Nach Ende seiner aktiven Karriere werkte Storck vor allem im Nachwuchsbereich. Dort sieht er seine Stärken, dort will er auch in Ungarns Verband MLSZ Akzente setzen. Nicht immer ohne Widerstand.

Kritisiert wurde, dass sich Storck mit Landsleuten umgibt. Co-Trainer wurde vor dem Play-off Andreas Möller, der den ehemaligen Sturm-Graz-Profi Imre Szabics ablöste. Torhütertrainer ist Holger Gehrke. Der Erfolg gab Storck recht. Auch im Unterbau blieb er seinem Motto, neue Wege zu bestreiten, treu. So wurde die Jugendarbeit neu gestaltet. Teilzeitcoaches wurden gegen Vollzeitmitarbeiter ausgetauscht.

"Der Verband hat mich in diese Position gebracht, um neue Wege zu gehen, innovative Dinge umzusetzen. Das ist mein Job, nicht den alten Weg weiterzugehen", betonte Storck. Unterschiedliche Ansichten waren auch hier vorprogrammiert. "Viele Trainer hier waren noch nie im Ausland. Sie glauben, ich kritisiere sie. Aber das tue ich nicht, ich erkläre ihnen nur den Unterschied zwischen Deutschland und hier."

Ungarn bezeichnete Storck als schlafenden Riesen im Fußball. So sollen nun in jedem Landesteil Fußball-Stützpunkte errichtet werden. Vorzeigeobjekt ist die Puskas-Akademie in Felcsut, dem Heimatort von Premierminister Viktor Orban. Dieser hat seit 2010 rund eine halbe Milliarde Euro in den heimischen Fußball - vor allem die Infrastruktur - gesteckt. Der EM-Start darf von Orban als erstes Erfolgserlebnis seines Reformplans verbucht werden.

2018 soll die WM-Teilnahme folgen. 2020 ist Budapests neues Nationalstadion Spielort der paneuropäischen EM-Endrunde. "Unsere Teilnahme bei der EM ist nur ein Zwischenschritt", sagte Verbandsboss Sandor Csanyi bei der Vertragsverlängerung mit Storck Ende März.

Der Deutsche soll Ungarn zunächst nach Russland führen. Dann könnte die aktuelle Generation auch aus dem großen Schatten der "Goldenen Elf" um Ikone Ferenc Puskas treten. Storck hört Vergleiche nicht gerne. "Die heutigen Spieler werden immer noch an den Helden von damals gemessen. Das finde ich sehr schade", sagte er in einem Interview mit der "Welt".