Erster Weltkrieg von

Gemetzel mit Folgen

Die "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" hatte global weitreichende Folgen

Soldatenleichen in Verdun. © Bild: imago stock&people

Die Welt würde heute ganz anders aussehen, hätte es die "Urkatastrophe" des 20. Jahrhunderts nicht gegeben. Der Erste Weltkrieg fegte nämlich nicht nur Monarchien und Vielvölkerstaaten Europas weg, sondern war auch die Keimzelle für die totalitären Regime des Kommunismus und Nationalsozialismus. Selbst der Nahost-Konflikt lässt sich auf den Ersten Weltkrieg zurückführen, konkret auf die "Balfour-Erklärung" zur Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina im November 1917. Am nachhaltigsten bestimmt das Weltgeschehen heute der damals begonnene Aufstieg der USA zur Supermacht, die dem im "Großen Krieg" ausgebluteten Britischen Empire den Rang abliefen. Doch vor allen Dingen war der Erste Weltkrieg ein gewaltiges Gemetzel.

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Buchstäblich eine ganze Generation wurde ausgelöscht. Die Hälfte aller französischen Männer zwischen 20 und 32 Jahren überlebte den Krieg nicht. In Deutschland fielen 35 Prozent aller Männer, die bei Kriegsausbruch zwischen 19 und 22 Jahre alt waren, schreibt Adam Hochschild in seinem Buch "Der Große Krieg". Insgesamt fielen rund zehn Millionen Soldaten in dem unter unvollstellbarem Materialeinsatz geführten Krieg. So werden in Frankreich immer noch jedes Jahr 900 Tonnen nicht explodierter Munitionskörper eingesammelt und vernichtet.

Innerhalb weniger Tage nach der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien befanden sich in jenen Tagen sechs Millionen Soldaten auf den Weg zu den Fronten, getragen von einer unwirklich scheinenden Kriegshysterie, schreibt Hochschild. Er berichtet unter anderem von einem 33-jährigen Briten, der sich erschoss, weil er bei einer Rekrutierungsstelle als untauglich abgelehnt wurde. Und er zitiert einen jungen deutschen Gefreiten namens Adolf Hitler, den damals nur eine Sorge "quälte", nämlich, "ob wir nicht zu spät zur Front kommen würden".

Von Beginn an unterlegen

Deutschland und Österreich-Ungarn begannen mit 3,8 Millionen Soldaten, die Entente-Mächte Russland, Frankreich und Großbritannien mit 5,8 Millionen. Noch schwerer wogen die gewaltigen Ressourcen der Entente außerhalb Europas, insbesondere das einen Drittel der Welt umspannende britische Kolonialreich, sowie ihre "erdrückende Überlegenheit" zur See. Die einzige Hoffnung der Mittelmächte bestand darin, durch entsprechende Mobilisierung eine rasche Entscheidung auf dem europäischen Kriegsschauplatz herbeizuführen. Dieser Versuch schlug jedoch fehl. So scheiterten im August und Dezember 1914 zwei Offensiven Österreich-Ungarns gegen Serbien, während russische Truppen einen Großteil Galiziens besetzten.

Im Westen gelang es den Deutschen nicht, den ehrgeizigen "Schlieffen-Plan" zur Unterwerfung Frankreichs von Belgien aus umzusetzen. In der Schlacht an der Marne (6. bis 9. September) konnten die geschwächten französischen Verbände die deutschen Angreifer aufhalten, und es begann die Phase des verlustreichen Stellungskrieges an der Westfront. Auch im Osten kam der Vormarsch der Deutschen im November zum Erliegen.

Monarchie bereits zu Weihnachten k.o.

Nach den Niederlagen in Serbien und Galizien hing Österreich-Ungarn schon zu Weihnachten 1914 in den Seilen. Mit dem Verlust von einer Million Soldaten sei es zu diesem Zeitpunkt "eigentlich am Ende" gewesen, betont der Historiker Manfried Rauchensteiner im APA-Interview. Dennoch unternahm der Kaiser nichts, um diesem Schrecken ein Ende zu bereiten. "Friede war für Franz Joseph bis zu seinem Tod 1916 kein Thema."

Stattdessen muss sich Wien dem deutschen Bündnispartner unterordnen. Nur mit deutscher Hilfe kann im Sommer 1915 Galizien zurückerobert und im Herbst Serbien besiegt werden. Dafür bekommt es Österreich-Ungarn im Südwesten mit einem Gegner zu tun, auf den es überhaupt nicht vorbereitet war. Das mit den Mittelmächten verbündete Italien schließt am 26. April in London einen Geheimvertrag mit den Alliierten, die ihm Territorialgewinne auf Kosten Österreich-Ungarns versprachen. Im Juni beginnt die erste von zwölf Isonzo-Schlachten, die sich bis ins Jahr 1918 ziehen sollten. An der Westfront setzt die deutsche Armee in der Schlacht von Ypern (22. April) erstmals Giftgas ein, im Osten erobern die Mittelmächte Warschau und Vilnius.

Verdun als Sinnbild der Sinnlosigkeit des Krieges

Im dritten Kriegsjahr veranschaulichen die Schlachtfelder von Verdun die Sinnlosigkeit des Krieges. Zwischen Februar und Dezember 1916 lassen dort über 300.000 deutsche und französische Soldaten ihr Leben, ohne dass es zu einer wesentlichen Frontverschiebung kommt. Im September 1916 hört Österreich-Ungarn faktisch auf, ein eigenständiger Kriegsteilnehmer zu sein. Nachdem sich die österreichische Armee nur mit deutscher Hilfe gegen Russland behaupten kann, setzt Berlin eine "Gemeinsame Oberste Kriegsleitung" unter dem deutschen Kaiser Wilhelm II. durch. Wenige Wochen vor seinem Tod am 21. November bindet der greise Kaiser Franz Joseph damit seinem Nachfolger Karl I. die Hände.

Der neue Monarch setzt sich umgehend für einen Friedensschluss ein. Auf Druck Karls I. formulieren die Mittelmächte am 12. Dezember 1916 ein Friedensangebot an die Entente, das diese aber zurückweist. Deutschland wollte nämlich keine konkreten Friedensbedingungen nennen. Erfolge auf dem Schlachtfeld drängen die Friedenssondierungen außerdem in den Hintergrund. Karl I. hatte seit Anfang 1917 über Mittelsmänner Geheimverhandlungen mit Frankreich geführt. In einem Brief vom 24. März 1917 erkannte er auch die französischen Ansprüche auf Elsass-Lothringen an, womit er seinem Bündnispartner Deutschland in den Rücken fiel. Die Mission scheiterte, da Karl einen Sonderfrieden ebenso ablehnte wie eigene Zugeständnisse zugunsten Italiens.

Mittelmächte nach Hungerwinter am Ende

Dabei waren die Mittelmächte nach dem Hungerwinter 1916/17 bereits am Ende ihrer Kräfte. In Deutschland beschließt der Reichstag im Juli eine Friedensresolution. In Österreich-Ungarn versucht Karl seine Machtbasis zu verbreitern, indem er den Reichsrat einberuft. Seine Tagungen ab Mai 1917 lassen die nationalen Gegensätze im Vielvölkerreich aber nur noch stärker zutage treten.

Im letzten Kriegsjahr wendet sich das Blatt endgültig zugunsten der Alliierten. Zwar erreichen die Mittelmächte Friedensschlüsse mit der Ukraine (Februar), Russland (März) und Rumänien (Mai), doch schlagen an der Westfront gleich fünf deutsche Offensiven fehl. Am 8. August müssen sich die Deutschen nach einer verlorenen Schlacht gegen britische Panzertruppen bei Amiens auf die "Siegfriedlinie" zurückziehen. Im Juni scheitert die letzte österreichische Offensive an der Piavemündung.

Italien reißt Südfront auf

Das Endspiel wird durch einen italienischen Gegenschlag Ende Oktober eingeläutet, bei dem sich die österreichische Südfront auflöst. Damit gerät Deutschland in eine ausweglose Situation, da die Alliierten nun auch von Süden angreifen können. Acht Tage nach dem Waffenstillstand Österreich-Ungarns mit den Alliierten am 3. November gibt auch Deutschland auf.

Weder das deutsche noch das österreichische Kaiserreich überstehen den Krieg. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. dankt schon zwei Tage vor dem Waffenstillstand von Compiegne am 11. November ab, Karl unterzeichnet an diesem Tag seine Verzichtserklärung. Zu diesem Zeitpunkt war sein Reich bereits zerfallen. Vom 28. bis 31. Oktober sagen sich Tschechen, Südslawen und Ungarn von der Monarchie los, auch die deutschsprachigen Reichsratsabgeordneten bilden eine eigene Regierung.

Vororteverträge als Keim des 2. Weltkriegs

Das am 12. November verkündete "Deutsch-Österreich" sucht sein Heil im Anschluss an das Deutsche Reich, doch wird dies von den Alliierten verboten. Das anderen europäischen Völkern gewährte Selbstbestimmungsrecht wird den Deutschen verweigert, weil dies Territorialgewinne für den Kriegsverlierer zur Folge gehabt hätte. Stattdessen müssen die Kriegsverlierer Deutschland, Österreich, Ungarn, Türkei und Bulgarien in den Pariser Vororteverträgen harte und demütigende Friedensbedingungen akzeptieren, die den Keim des nächsten Konflikts in sich tragen.

Der Friedensvertrag von Versailles mit Deutschland am 28. Juni 1919, genau fünf Jahre nach den folgenschweren Schüssen von Sarajevo, markiert somit den Beginn weiteren Unheils, das 20 Jahre später in einem weiteren, noch schrecklicheren Weltkrieg kulminieren sollte. Die auf politischem Misstrauen, drückenden Reparationszahlungen und hohen Zollmauern fußende "Friedensordnung" stößt den Kontinent nämlich schon bald in neue politische und wirtschaftliche Krisen, mit dem Aufstieg autoritärer und kriegshetzerischer Bewegungen wie der deutschen Nationalsozialisten als Konsequenz.

Grafik zu Bündnissen im ersten Weltkrieg.
© APA/Margret Schmitt

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