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Erich Joham: "Jeder Friseur
hat die Kunden, die er verdient"

Menschen - Erich Joham: "Jeder Friseur
hat die Kunden, die er verdient" © Bild: Matt Observe/News

Den Weltkünstlern Franz West und Arnulf Rainer kreierte Erich Joham die markanten Frisuren. Falco las bei ihm Mickey Maus und ließ sich frisieren. Und Elfriede Jelinek, der er Dauerwellen legte, gratuliert zum Siebziger.

Die Nobelpreisträgerin bringt die Qualitäten von Erich Joham auf den Punkt: "Erich ist ein Original, aber eins, von dem es keine Kopien geben kann. Friseur ist er aber auch", übermittelt Jelinek (s. Seite 68). Die Worte einer Schriftstellerin und ehemaligen Kundin von Erich Joham, der am 17. Mai den 70. Geburtstag feiert. Ohne ans Aufhören zu denken: Noch heute schneidet, kämmt und fassoniert er beharrlich bis in die Abendstunden.

Jelinek, Heller und Falco

Seit 1988 führt er in der Wiener Innenstadt per Adresse Griechengasse 7 seinen "Salon Er-Ich". Leicht zu finden ist das Lokal nicht: Das braune Schild mit den goldenen Lettern, das an der Mauer des heute denkmalgeschützten Hauses prangt, wird oft übersehen, wenn man vom Schwedenplatz die steilen Stufen des Hafnersteigs in Richtung Fleischmarkt erklimmt. "Ich war der Erste, der sich getraut hat, einen Salon zu eröffnen, der kein Portal hat", erinnert sich Joham. Das wäre riskant gewesen, hätte er damals nicht schon eine beträchtliche Klientel verbucht, die ihm überallhin folgte. Wie das kam, erzählt er an jenem Tisch, der in den vergangenen dreißig Jahren stummer Zeuge kulturhistorischer Begegnungen wurde.

Das verwinkelte Gewölbe suchen viele nicht nur um ihres Haupthaars Willen. Noch heute erinnert sich Joham, wie sich die spätere Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek mit der Kollegin Elfriede Gerstl in seinen Räumen eine Kardinalschnitte teilte und über Mode parlierte. Den Schriftsteller Wolf Wondratschek inspirierte Joham schon anno 2002 zum Roman "Mozarts Friseur"(seit Kurzem in einer Neuauflage bei Ullstein erhältlich). Für Künstler wie Arnulf Rainer, Franz West und Padhi Frieberger war die Ecke neben der Eingangstür zu einer Art Stammtisch geworden.

»Ich machte bei André Heller Hausbesuche«

Falco, dem Joham auch als Freund verbunden war, zog es oft vor, sich in der Teeküche der Lektüre von "Mickey Maus"-Heften zu widmen. André Heller kam, bis ihm der Betrieb zu viel wurde. Verzichten musste der Universalkünstler auf Erichs Handwerkskunst dennoch nicht. "Ich machte bei ihm Hausbesuche", sagt Erich Joham. Für alle, die wissen wollen, wie er zu seiner namhaften Kundschaft gekommen sei, hat Joham eine schlichte Antwort parat: "Wahrscheinlich bekommt jeder Friseur die Kunden, die er verdient.

Die Luxusklientel hat sich Joham schon in jungen Jahren erarbeitet. Ursprünglich hatte er Kabarettist werden wollen wie der Großvater. Das wusste der weitblickende Vater, ein gelernter Bäcker, der nach einer Kriegsverletzung als Portier in einem Wiener Unternehmen arbeitete, zu verhindern. Er verschaffte dem Sohn eine Lehrstelle beim renommierten Wiener Innenstadtfriseur Adolf Ossig.

Joham junior verbrachte den Großteil seiner Lehrlingszeit damit, Handtücher von einer Filiale in die andere zu transportieren oder Kaffee aus dem Hawelka zu holen. Nach drei Jahren beendete er die Lehre und nahm einen Job bei einem Perückenmacher in der Paulanergasse in Wieden an.

Das war das einzige Mal, dass er außerhalb der Innenstadt gearbeitet habe, betont er. Beim Perückenmacher vermisste er alsbald den Kontakt zu Menschen. Da kehrte er in die Innenstadt und ins erlernte Gewerbe zurück, und sogleich ging es aufwärts. Bald riss man sich an den angesagtesten Adressen um den jungen, talentierten Friseur, der sich blitzschnell eine elegante Stammklientel aufbaute. Der Kunstprofessor Peter Weibel entdeckte gar Johams wissenschaftliches Potenzial: Er übertrug ihm das Seminar "Kunst am Kopf" an der damaligen Akademie für Angewandte Kunst. Als die ersten Wiener Modeschauen die sogenannte "U-Mode" vorführten, frisierte Joham die Models. Die legendäre Kulturstadträtin Ursula Pasterk, seit 40 Jahren zufriedene Joham-Klientin, lobt auf Anfrage: Der Meister seines Fachs habe den Stand der Wiener Friseure couture-fähig gemacht.

Impresario, Dompteur und Freund

Und noch etwas hat die Kulturpolitikerin hinzuzufügen: Auf jeden prominenten Joham-Klienten kämen "zumindest drei, vier Armutschkerl, die er umsonst frisiert und denen er womöglich auch noch Geld zusteckt", bewundert Pasterk die soziale Neigung Johams und seiner Ehefrau Trixi. Nur die wenigsten wissen, dass Joham Flüchtlingen unentgeltlich die Haare schnitt. "Man würde sich mehr solche Erichs wünschen, vor allem in Zeiten wie diesen, wo Neid, Missgunst und Heruntermachen von Mitmenschen immer mehr auf der politischen Tagesordnung stehen", sagt Pasterk.

»Erich ist Impresario und Dompteur einer Schar von Paradiesvögeln«

Was noch gesagt werden muss: Irgendwann werde er sein Lokal übergeben, sagt Joham. Aber nicht sofort, erst müsse der Richtige gefunden werden. Dieser mögliche Nachfolger müsse seine Philosophie verstehen. Wer Erich Joham kennt, weiß, dass er damit keineswegs nur den Erhalt des Mobiliars meint, unter dem sich Pretiosen aus den Fünfzigerjahren finden. Gerald Matt, Direktor der Wiener Kunsthalle in deren besseren Zeiten, skizziert präzise das Phänomen: "Er ist nicht nur der Friseur Wiens. Erich ist Impresario und Dompteur einer Schar von Paradiesvögeln, die auf ihren Wanderungen durch das Leben bei ihm Rast machten, sich an seinen wunderbaren Anekdoten labten und gleichzeitig ihre Geschichten als Stoff für seine Phantasie zurücklassen. Und das ist das Wichtigste: Erich ist ein Freund", fügt Matt hinzu.

Entsprechend hoch sind die Anforderungen an den Nachfolger. Wobei: "Es geht nicht darum, was man will, sondern, was wird", sagt Joham, der Realist. Er hat beides verbinden können.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der Printausgabe von News (Nr. 18/2019) erschienen.