"Erfolg ist doch die beste Rache!": Studie lässt Vertriebene anonym zu Wort kommen

Anonymisierte Zitate der dokumentieren Probleme

"Vom Millionär zum Tellerwäscher...", "Warum wurde ich ausgespart?", "Erfolg ist die beste Rache" - komplex und ambivalent waren die Mechanismen und Reaktionen, wie Menschen, die als Kinder zwischen 1933 und 1945 aus Deutschland und Österreich von den Nationalsozialisten vertrieben und in die USA kamen, mit ihrem Flüchtlingsschicksal umgingen. Das zeigen die beiden Harvard-Wissenschafter Gerhard Sonnert und Gerald Holton in ihrem nun erschienenen Buch "What Happened to the Children Who Fled Nazi Persecution", für das sie auch Interviews mit Betroffenen geführt haben, die anonymisiert wiedergegeben werden.

Eine kalte bis wenig gastfreundliche Haltung der Bürger, eine rigide Immigrationspolitik und die Nachwirkungen der Weltwirtschaftskrise 1929 mit verbreiteter Arbeitslosigkeit und Armut prägten in den 1930er und 1940er Jahren in den USA das soziale Klima. Die Immigration der jüdischen NS-Flüchtlinge, die häufig aus oberen und mittleren Einkommensschichten stammten, ging in vielen Fällen einher mit dem Zerfall des Familienvermögens und des sozialen Status. "In einem sehr kleinen Appartement zu leben. Ich meine, vom Leben im totalen Komfort zum Leben mehr oder weniger in Armut, vom Millionär zum Tellerwäscher sozusagen, es war eine Sache des Überlebens, und das ist alles, an was ich mich erinnere", so ein Befragter.

Viele Väter, die zuvor hohe akademische Grade und berufliche Positionen erreicht hatten, fanden mit ihrer Qualifikation in den USA keine Anerkennung. Die Kinder mussten sehr schnell Verantwortung übernehmen: "Ich war der einzige Brotverdiener der Familie. Und ich war sehr stolz darauf, dass ich der Einzige war, der das Geld verdiente." Ein anderer: "Ich denke, auf eine Art war ich Erziehungsberechtigter und sie waren die Kinder."

Doch knapp die Hälfte der Befragten gab an, ohne Vater oder Mutter in die USA immigriert zu sein. Diese waren von vornherein auf sich gestellt und mussten zudem mit der Trennung von ihren Eltern umgehen. Eine Frau, die mit 17 Jahren mit ihren Eltern wieder vereint wurde: "Ich hatte kein Gefühl mehr für meine Mutter, wir waren so lange getrennt gewesen, und ich hatte quasi meine Kindheit ausgelebt."

Viele der Befragten verwiesen auf Werte wie "Pünktlichkeit, Respekt von Autoritäten, Verlässlichkeit, intensive harte Arbeit" als besonders prägend und unterstützend für Karriere in den USA. Ein Befragter: "... sich Ziele zu setzen und ordentlich und planend zu sein ... Ich denke, das ist Teil der Gene, Teil des Erbes, Teil des Genpools. ... das hat, glaube ich, einen Einfluss auf meinen Erfolg gehabt." Doch es gab auch kritische Stimmen, die sich gegen die autoritäre Kindererziehung und den Unterrichtsstil in ihrer frühen Kindheit in Mitteleuropa aussprachen.

Reaktionen auf die Flucht und die Immigration waren - im positiven Fall, aber doch relativ verbreitet - Entschlossenheit, Einfallsreichtum und Eigenständigkeit. Zerrissenheit und die Versetzung trieben viele Flüchtlinge mehr an und machten sie strebsamer. "Es ist fast wie in einem Computer, du hast Programme, die ständig im Hintergrund laufen."

"Ich glaube, meine Lebensursprünge trieben mich sehr an. Ich glaube nicht, dass meine Eltern jemals sagten, dass wir eine spezielle Verantwortung hatten, aber ich glaube, ich habe immer gefühlt, dass ich eine spezielle Verantwortung hätte, weil es uns möglich war zu entkommen, weil es uns möglich war, hierher zu emigrieren - mit all diesen Möglichkeiten."

Der Preis des sozioökonomischen Erfolgs war hoch: Viele der ehemaligen Flüchtlinge berichteten von Anzeichen einer posttraumatischen Belastungsstörung. "Ich arbeite wahrscheinlich härter als andere Menschen. Ich bin ein Workaholic. Vielleicht ist das eine weitere Reflexion von Unsicherheit. Und ohne Zweifel war ich sehr darauf erpicht erfolgreich zu sein, wurde ich doch aus Deutschland rausgeschmissen." Viele fühlten sich zeitlebens in den USA "wie ein Außenseiter". "Der Schuldfaktor ist sehr verbreitet in mir. Warum wurde ich ausgespart?" Eine Möglichkeit, mit dem Trauma umzugehen, verbalisiert ein Anderer: "Erfolg ist die beste Rache".

89 Prozent der Befragten waren wenigstens ein Mal in ihre alte Heimat zurückgekehrt, über die Hälfte von ihnen häufiger als drei Mal. Viele zeigten sich über die jüngere Nachkriegsgeneration positiv überrascht, die ernsthaft interessiert gewesen wäre, dass es nicht wieder ein ähnliches Regime würde. Doch sie waren misstrauischer gegenüber der Menschen aus ihrer eigenen Generation und Älteren: "Was taten sie unter Hitler?" war eine ihrer zentralen Fragen.
(APA/red)