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Erdogan provozierte Athen mit umstrittenen Aussagen zur Geschichte

Griechenland sei für "Brand von Izmir" von 1922 verantwortlich

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat mit umstrittenen Äußerungen zu einem historischen Thema neue Spannungen mit Athen provoziert. Im Zuge eines schwelenden Streits um kleine unbewohnte Inseln in der Ägäis erklärte Erdogan jüngst, dass Griechenlands Militär 1922 während des griechisch-türkischen Kriegs bei seinem Abzug die Stadt Smyrna (türkisch Izmir) selbst in Brand gesetzt habe.

Der "Brand von Izmir" wird von der griechischen Seite auch "Katastrophe von Smyrna" genannt. Es handelte sich um ein verheerendes Feuer, das am Ende des Krieges im September 1922 die armenischen und griechischen Viertel der heute türkischen Hafenstadt Izmir vernichtete. Durch dieses Ereignis verlor die Jahrtausende alte Stadt ihr unter der osmanischen Herrschaft gewonnenes multikulturell und kosmopolitisch geprägtes Bild. Der Ablauf der Ereignisse ist historisch umstritten.

Als wahrscheinlichste Variante wird aber angenommen, dass der Brand im Zuge von Plünderungen und Massakern der türkischen Zivilbevölkerung und Soldaten an christlichen Armeniern und Griechen gelegt worden war, nachdem die griechischen Besatzer abgezogen waren. Die Massaker an der christlichen Zivilbevölkerung wurden von türkischer Seite als Racheaktionen für vorangegangene Gräueltaten der griechischen Invasionsarmee und der christlichen Bevölkerung an osmanischen Mitbürgern gerechtfertigt. Griechenland hatte die Stadt seinerseits im Mai 1919 nach der osmanischen Niederlage im Ersten Weltkrieg eingenommen. Der Anteil der griechischen Bevölkerung stieg damals rasant an. Unmittelbar nach Beginn der griechischen Invasion waren türkische und andere muslimische Zivilisten der Region durch die griechischen Truppen umgebracht worden.

Dass Erdogan nun aber die Griechen auch für das Feuer von 1922 verantwortlich machte, löste heftige Reaktionen in Hellas aus. Staatspräsident Prokopis Pavlopoulos stellte fest, dass ein Politiker, der seine Worte nicht im Zaum halten könne, nicht als großer Staatsmann gelten könne. Pavlopoulos rief Erdogan auf, die griechische Geschichte zu respektieren und auf keinen Fall die griechisch-türkische Beziehungen zu beschädigen. "Wir sind ein Volk und eine Nation des Friedens", betonte das Staatsoberhaupt, aber "wir werden nicht den kleinsten Teil griechischen Territoriums, unserer Grenzen oder der Hoheitsrechte abtreten."

Die aktuelle Debatte wurde im Zuge des andauernden Streits zwischen Athen und Ankara akut, bei dem es um in der Gegenwart zu Griechenland gehörende Ägäis-Inseln geht, die in der Nähe des türkischen Festlands liegen. Eine Reihe dieser Inseln sei in Wahrheit Bestandteil des türkischen Staates, hatte Erdogan wiederholt betont. "Diese Inseln vor unserer Nase gehören uns. Wir haben dort Monumente, Moscheen und eine Geschichte", meldete er sich zu Wort.

Die konservative Oppositionspartei Nea Dimokratia (ND) warnte, dass durch diese Äußerungen Erdogans die Beziehungen der beiden Staaten und Völker unterminiert werden könnten. Ähnlich reagierte auch die Partei "Bewegung der Veränderung". Erdogan verdrehe mit seiner "fanatischen Wahlkampfrhetorik" die gemeinsame Geschichte.

In den vergangenen zwei Jahren haben sich die griechisch-türkischen Beziehungen deutlich eingetrübt. Auslöser für die wachsenden Spannungen war die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs Griechenlands, jene acht türkischen Militärs nicht auszuliefern, die in der Nacht des Putschversuches in der Türkei im Juli 2016 mit einem Hubschrauber in die Grenzstadt Alexandrouli geflohen waren und Asyl beantragt hatten. Später wurden zwei griechische Soldaten nach dem unerlaubten Überschreiten der Grenze zur Türkei festgenommen und wegen des Vorwurfs der Spionage von den türkischen Behörden inhaftiert.

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