Erdbeben bringt großes Chaos: Behörden
warnen vor dem "Big One" in San Francisco

Schreckensszenario: 2.000 bis 5.000 Todesopfer? Engpässe bei der Versorgung tausender Verletzer

Ein starkes Erdbeben in Nordkalifornien, wie das von 1906, könnte trotz guter Vorbereitung der Notdienste auf die Katastrophe zu "großem Chaos" führen. Jeff Lusk, Erdbebenkoordinator bei der nationalen Behörde für Katastrophenmanagement (FEMA) an der Westküste, rechnet unter anderem mit Engpässen bei der Versorgung tausender Verletzer.

Die langsame FEMA-Reaktion auf den Hurrikan "Katrina" im vergangenen Herbst hatte der Behörde heftige Kritik eingebracht. Die Betroffenen können nicht erwarten, dass die Regierung nach einer Katastrophe "neue Häuser verteilt", sagte Lusk.

Frage: Welche Folgen hätte ein starkes Erdbeben wie das von 1906 heute für den Raum San Francisco?

Jeff Lusk: "Ein Erdbeben dieser Stärke auf dem San-Andreas-Graben oder der Hayward-Verwerfung könnte nach Expertenschätzungen 2.000 bis 5.000 Menschenleben kosten. Die meisten Opfer gäbe es bei einem Erdstoß zur Hauptverkehrszeit, wenn viele auf der Straße sind, Trümmer fallen und Brücken einstürzen. Im Raum San Francisco werden Schäden an rund 67 Prozent der Gebäude erwartet. Das wird tief greifende Auswirkungen auf die Gesellschaft, den Arbeitsmarkt und Verkehrsstrukturen haben, die über Jahrzehnte spürbar sein werden."

Frage: Welche Probleme sehen Sie vor allem beim Wiederaufbau der Stadt?

Jeff Lusk: "Wenn der erste Schock nach einer Katastrophe überwunden ist und Wasser und Nahrungsmittel wieder zu haben sind, wenden sich die Leute an ihre Versicherungen. Das ist gewöhnlich die beste Absicherung, nur leider sind Erdbebenschäden in den meisten Versicherungspolicen nicht eingeschlossen. Nur elf Prozent der Hausbesitzer in der Bay Area (Großraum San Francisco) haben eine Erdbebenversicherung abgeschlossen. Eine große Zahl der Betroffenen wird sich an Hilfsorganisationen wie FEMA oder das Rote Kreuz wenden oder versuchen, günstige Geldanleihen zu bekommen, um ihr Leben wieder in Gang zu bringen. Das macht mir Sorge."

Frage: Sind Behörden, Hilfsorganisationen und die Bevölkerung in San Francisco nach den schlimmen Erfahrungen mit Hurrikan "Katrina" nun besser auf eine Erdbeben-Katastrophe vorbereitet?

Jeff Lusk: "Seit "Katrina" arbeiten wir verstärkt mit lokalen Hilfsorganisationen und den Kommunen in der Bay Area zusammen, um die Notfallpläne für diese Region besser abzustimmen. Wir machen Fortschritte. Ich glaube aber, dass die meisten Menschen nicht ausreichend auf ein Erdbeben vorbereitet sind. Umfragen zeigen, dass nur etwa 20 bis 30 Prozent der Befragten einige Wasser- und Lebensmittelvorräte für den Notfall haben. Nur wenige haben einfache Vorkehrungen getroffen: wer angerufen wird, wo man sich trifft. Die Verständigung wird ein großes Problem sein. Die meisten Leute sind sich der Gefahr bewusst, aber sie denken nicht daran, dass es schon morgen passieren kann."

(apa/red)