Entspannung in Sicht: Milliardenspritzen der Notenbanken gegen Finanz-Turbulenzen

EU und Berlin sehen keine Gefahr für Konjunktur

Mit weiteren Milliardenspritzen haben die Notenbanken weltweit auf die Turbulenzen an den Finanzmärkten durch die US-Immobilienkrise reagiert. Zur größten Dosis griff erneut die Europäische Zentralbank (EZB). Sie stellte den Banken zusätzlich fast 48 Mrd. Euro bereit, um einen Liquiditätsengpass zu verhindern.

Insgesamt beliefen sich die Finanzspritzen weltweit seit der vergangenen Woche auf mehr als 260 Mrd. Euro, wovon allein auf die EZB gut 200 Mrd. Euro entfielen. Die meisten Fachleute bewerteten die Dauerkrise an den Finanzmärkten aber nicht als Gefahr für die boomende Wirtschaft. Die Bundesregierung und die EU- Kommission sehen trotz der Turbulenzen infolge der US-Immobilienkrise kein Risiko für die Konjunktur.

Ein Sprecher des deutschen Wirtschaftsministeriums sagte in Berlin, es seien keine negativen Einflüsse auf das "sehr robuste Wirtschaftswachstum" zu erkennen. Auch seien keine weiteren Rettungsaktionen wie im Fall der Mittelstandsbank IKB abzusehen. Die EU-Kommission hält an ihrer Wachstumsvorhersage für die Eurozone von 2,6 Prozent für 2007 fest.

Einige Ökonomen befürchten jedoch negative Einflüsse für die Weltkonjunktur. "Wenn die Banken bei der Kreditvergabe jetzt plötzlich von großer Freigebigkeit zu großer Vorsicht umschalten, kann das den Investitionsprozess empfindlich stören. Und das schädigt die Konjunktur", warnte Gustav Horn, Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK). "Es wäre insbesondere für die Arbeitslosen fatal, wenn der Aufschwung durch das Treiben von Finanzjongleuren verspielt würde."

Die EZB verpasste den Banken zu Wochenbeginn zum dritten Mal in Folge eine Finanzspritze: Sie stellte 47,66 Mrd. Euro bereit. Bereits am vergangenen Donnerstag hatte die EZB 95 Mrd. Euro in den Markt gepumpt, am Freitag dann weitere 61 Mrd. Euro. "Die Dosis sinkt. Auf den Geldmärkten ist eine Entspannung festzustellen", erklärten Händler. Die japanische Notenbank stellte den Banken noch 600 Mrd. Yen (3,7 Mrd. Euro) zusätzlich bereit. Die US-Notenbank teilte dem Geldmarkt im frühen Handel 2,0 Mrd. Dollar zu, nachdem sie in der vergangenen Woche in drei Tranchen insgesamt 38 Mrd. Dollar in den Markt gepumpt hatte.

Die Aktienmärkte in Asien und Europa setzten nach massiven Kursverlusten Ende vergangener Woche zu einer leichten Erholung an. Der DAX gewann bis zum frühen Nachmittag gut 1,4 Prozent auf gut 7.448 Punkte. Auch der Londoner Aktienindex FTSE 100 stieg zwischenzeitlich um 158,4 Punkte auf 6.196,7 Punkte. In Japan schloss die Tokioter Börse am Morgen nach der Finanzspritze der Notenbank gut behauptet.

Laut EZB normalisieren sich auch die Bedingungen am Geldmarkt allmählich wieder. "Das Angebot an Liquidität ist reichlich", befand die Notenbank. Am Geldmarkt zögern die Banken derzeit, sich gegenseitig Geld zu leihen, weil unklar ist, welche Bank von den Zahlungsausfällen im US-Hypothekenmarkt betroffen ist. Die Institute gewähren sich nur noch eingeschränkt Kredit und horten ihr Geld lieber. Die Krise in den USA war entstanden, weil viele Kreditnehmer ihre Raten nicht mehr zahlen konnten und Banken als Kreditgeber unter Druck gerieten.

Die Angst vor faulen Krediten hatte beinahe den Geldmarkt ausgetrocknet. Die Notenbanken mussten gewaltige Summen an kurzfristigen Krediten in die Märkte pumpen, um dies zu verhindern. Die Aktionen der EZB waren ihr erstes Eingreifen dieser Art seit den Terroranschlägen in den USA vom 11. September 2001. Übers Wochenende schürten neue Berichte die Furcht vor einem Crash an den Märkten: So sickerte durch, dass die amerikanische Citigroup mit Kreditanleihen mehr als 500 Mio. Dollar (366 Mio. Euro) verloren haben soll.

Von der Pleite des US-Immobilienfinanzierers HomeBanc sind auch die Deutsche Bank und die Commerzbank betroffen. Die Commerzbank gewährte dem US-Unternehmen nach Angaben von Vorstandsmitglied Bernd Knobloch Kredite in einer Gesamthöhe eines mittleren zweistelligen Millionenbetrages. Die Kredite an die HomeBanc seien aber vollständig mit Vermögenswerten abgesichert. Auch das Engagement der Deutschen Bank ist nach Angaben aus Frankfurter Finanzkreisen klein und abgesichert. HomeBanc hatte Ende vergangener Woche in den USA Gläubigerschutz beantragt.

Der GEO-Hedge-Fonds der US-Investmentfirma Goldman Sachs geriet erheblich unter Druck und erhält eine Milliardenspritze. Wie Goldman Sachs berichtete, werden in den Fonds wegen erheblicher Wertverluste drei Mrd. Dollar zusätzlich investiert. Daran beteiligten sich auch Starr & Co., die Perry Capital LLC und der amerikanische Milliardär Eli Broad, hieß es.

(apa/red)