Enron-Prozess geht in die entscheidende Phase: Heute abschließende Plädoyers

Ex-Bosse wegen Verschwörung & Betrug vor Gericht Angeklagten drohen jahrzehntelange Haftstrafen

Enron-Prozess geht in die entscheidende Phase: Heute abschließende Plädoyers

In Houston geht heute der Prozess um die spektakuläre Pleite des US-Energiehändlers Enron mit den abschließenden Plädoyers in die entscheidende Phase. In einer geballten Anklagerede wird die Staatsanwaltschaft die Aussagen ihrer mehr als 20 Zeugen zusammenfassen und dann wohl die Verurteilung der früheren Enron-Bosse Jeffrey Skilling und Kenneth Lay wegen Verschwörung, Betrug und Insider-Geschäfte fordern.

Anschließend haben die Verteidiger letztmals die Gelegenheit, die zwölf Geschworenen von der Unschuld ihrer Mandanten zu überzeugen. Die Jury muss dann einstimmig entscheiden, ob die beiden ehemaligen Führungskräfte von den kriminellen Machenschaften bei Enron gewusst haben und sich daran beteiligten.

Jahrzehntelange Haftstrafen drohen
Nach einer unerwartet deutlichen Äußerung des Richters Simeon Lake letzte Woche gilt ein Schuldspruch dabei als wahrscheinlicher denn je: So kündigte Lake an, er wolle die Geschworenen darauf hinweisen, dass "vorsätzliches Ignorieren" der betrügerischen Bilanzierungstricks keine vertretbare Verteidigung sei. Sieht die Jury das ähnlich, drohen dem 64-jährigen Lay und dem 52-jährigen Skilling jahrzehntelange Haftstrafen. Doch damit nicht genug: Ab Donnerstag muss sich Lay noch in einem zweiten Verfahren wegen illegaler Börsengeschäfte erneut vor dem Gericht in Houston verantworten.

Nach Ansicht der Anklage haben Lay und Skilling während ihrer Zeit als Firmenchefs Analysten, Anleger und Angestellte über die finanzielle Misere des Unternehmens bewusst im Dunkeln gelassen haben, um sich selbst zu bereichern. Lay und Skilling beteuerten in dem Verfahren wiederholt ihre Unschuld und machten vor allem den geständigen Ex-Finanzchef Andrew Fastow für die Bilanzierungstricks und Gewinnmanipulationen verantwortlich. Fastow trat in dem dreieinhalb Monate dauernden Prozess als Hauptzeuge der Anklage auf und belastete seine ehemaligen Chefs dabei schwer.

Pleite kostete tausende Jobs
Nach dem Bankrott des einst siebentgrößten US-Konzerns im Dezember 2001 verloren tausende Beschäftigte ihren Arbeitsplatz. Milliarden von Dollar in den Pensionskassen der Mitarbeiter gingen verloren. Anleger mussten mit ansehen, wie ihre Enron-Aktien von einstmals mehr als 80 Dollar bis auf wenige Cent abstürzten.

Wegen der massiven Auswirkungen auf Angestellte und Anleger wurde Enron dabei über die Grenzen der USA hinaus zum Inbegriff von Wirtschaftskriminalität und unternehmerischer Arroganz. Der Fall erregte aber auch deshalb großes Aufsehen, weil Lay als Förderer der Republikanischen Partei ein enger Freund von US-Präsident George W. Bush und dessen Familie in Texas war. Bush pflegte Lay mit dem Spitznamen "Kenny-Boy" zu rufen.

Die Enron-Pleite und zahlreiche weitere Bilanzskandale führten schließlich zu dem Sarbanes-Oxley-Gesetz, das strengere Bilanzierungsregeln und härtere Kontrollen für börsennotierte US-Unternehmen brachte.
(APA/Red)