Empörung in Frankreich: Präsident Chirac begnadigt einen langjährigen Weggefährten

Amnestie mit sportlichen Leistungen begründet Kritik: Chirac handle wie Fürst einer Bananenrepublik

Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac hat einen zu 15 Monaten Haft auf Bewährung verurteilten langjährigen Weggefährten begnadigt und damit Empörung ausgelöst. Während der Betroffene, der frühere Olympiasieger und Ex-Sportminister Guy Drut, den Gnadenerlass "erleichtert" kommentierte, übten Richtergewerkschaften und die Opposition, aber auch Teile der bürgerlichen Regierungslagers Kritik. Drut, der für Frankreich auch im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) sitzt, war im Oktober in einer Affäre um Schmiergelder und illegale Parteienfinanzierung verurteilt worden.

Das französische Präsidialamt begründete die Amnestie mit den sportlichen Leistungen des inzwischen 54-jährigen Drut. Drut war 1976 Olympiasieger im Sprint über 110 Meter Hürden. Von 1985 bis 1989 war er Stellvertreter des damaligen Bürgermeisters Chirac im Pariser Rathaus. Nun könne Drut auch sein Amt als französisches Mitglied des IOC wieder ausüben, hieß es in Paris.

Der Gnadenerlass löste scharfe Kritik aus: Grünen-Spitzenpolitiker Noël Mamère sagte, Chirac handle "wie der Fürst einer Bananenrepublik". Wie der Konservative Pierre Lellouche von Chiracs Mehrheitspartei sorgte sich Mamère, damit bereite der Staatschef letztlich der Politikverdrossenheit und dem Rechtsextremen Jean-Marie Le Pen den Weg. Der Chef der Richtergewerkschaft USM, Dominique Barella, beklagte eine "Rückkehr der Privilegien, die von der Französischen Revolution abgeschafft worden waren". Barella fügte hinzu: "Welches Bild von Justiz gibt man denen, die nach den Demonstrationen für den Kündigungsschutz oder den Vorstadt-Krawallen verurteilt wurden?". (apa)