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Die EM des Tormangels erklärt

Wir wissen warum: Tolle Fans und Stars, aber viel zu wenig Tore.

Fakten - Die EM des Tormangels erklärt © Bild: Getty Images/Clive Rose

Die Stimmung ist großartig, die Superstars sind vollzählig. Allein: Beim bisherigen Turnierverlauf der EM 2016 gewinnt man den Eindruck, dass die Tore auf Urlaub "gegangen" sind. Aber lässt sich dieses subjektive Gefühl überhaupt bestätigen? Und sollte die Torflaute stimmen, warum ist das so? Wir haben uns das "Torproblem" der heurigen EM angesehen und mit vergangenen Europa-Meisterschaften verglichen.

So mancher Fußball-Enthusiast wird jetzt einwenden: "Tore? Müssen bei einem guten Spiel nicht stattfinden" Klar. Das ist vereinzelt natürlich absolut richtig. Aber wenn man an drei Tagen hintereinander drei Nullnummern im sportlichen Hauptabendprogramm beiwohnen darf (Österreich-Portugal 0:0, Frankreich-Schweiz 0:0, Slowakei-England 0:0), dann stellt sich nicht zu unrecht die Frage, wie es dazu kommen kann. Und ob es überhaupt schon einmal dazu kam.

Tiefpunkt seit 1992

Soviel vorweg: Ein Blick in die Statistik der letzten sechs EM-Bewerbe (bis hin zu Schweden 1992) bestätigt die Vermutung, dass bei der heurigen EM tendenziell eine Torarmut herrscht. Ein direkter Vergleich ist freilich nicht möglich, da sich der Wettkampf-Modus mit der Zeit verändert hat. Heuer nehmen 24 Länder teil, wodurch auch mehr Partien ausgetragen werden. Sehr wohl kann aber der Tor-Durchschnitt pro Spiel als zuverlässige Angabe herangezogen werden.

Mit dem gestrigen Ende der Gruppenphase hält die EM 2016 bei 69 Toren, das macht einen Schnitt von 1,92 Toren bei bislang 36 Spielen. Der niedrigste Schnitt im Zeitraum bis 1992 betrug bis dato 2,06 (1996). Der Tor-Durchschnitt pro Spiel bei den letzten sechs EMs betrug im Mittel sogar 2,5. Anders formuliert: Jedes zweite Spiel fällt ein Tor weniger. Und das fällt auf.

Zahlenspielerei: Der Aufholbedarf

Zum Glück ist die EM aber noch nicht vorbei, der Torschnitt könnte also durchaus erreicht werden. Nur: Wieviele Tore müssten fallen, damit der Schnitt erreicht wird? Bei den ausstehenden 15 Spielen in der K.O.-Phase müssten im Schnitt nicht weniger als 3,9 Treffer pro Match erzielt werden, wenn der Schnitt von 2,5 erreicht werden soll - ohne Elfmeterschießen, freilich. Sollte das tatsächlich gelingen, dürfen wir uns also auf einen spannenden Endspurt freuen.


Aber warum nur?

Die Tatsache der Torarmut lässt sich also wie oben dargelegt nicht leugnen. Nachfolgend vier mögliche Gründe, weshalb bislang so wenige Tore bei der EM gefallen sind:

  • Der neue Turniermodus: Lediglich acht Teilnehmer, die in der Vorrunde ausscheiden, erlauben es den Teams auf der Bremse zu stehen. Motto: "Sieg? Muss nicht sein. Ein dritter Platz wird schon ausreichen, um weiterzukommen." Bestes Beispiel: Portugal ist nach drei Remis trotzdem noch im Achtelfinale angekommen.
  • Die lange Saison: Meisterschaft, Landespokal und Champions bzw. Euro League - Nach dutzenden Spielen unter Druck sind die Beine schwer und wären lieber am Strand als im Stadion. Der Turnier-Zeitpunkt zum Ende der Saison gibt kaum Gelegenheit, sich ausreichend zu regenerieren.
  • Offensive Superstars im Visier: Nur wenige Superstars sind bislang zum Zug gekommen. Die defensive Spielweise, die das Turnier aufgrund des neuen Modus erlaubt, lähmt den Angriff. Gareth Bale und Àlvaro Morata sind mit je drei Treffern die Ausnahme des Turniers.
  • Österreich hat nicht viel dazu beigetragen: Last but not least muss man auch anmerken, dass Österreich nicht gerade viel dazu beigetragen hat, den Torschnitt zu erhöhen. In drei Spielen ist gerade mal ein rot-weiß-roter Treffer zu verbuchen. Warum das so ist, ist aber eine andere Geschichte.