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Elyas M'Barek: "Was
kommt, ist der Bonus"

Der Schauspieler über seine neue Rolle und das wahre Glück

Film - Elyas M'Barek: "Was
kommt, ist der Bonus" © Bild: Constantin Film

Der Österreicher Elyas M'Barek ist Garant für ausverkaufte Kinos. In der Verfilmung des Romans "Der Fall Collini" von Ferdinand von Schirach kämpft er gegen Nazi-Schergen.

Für das derzeit marode deutschsprachige Kino leistet der österreichische Schauspieler Elyas M'Barek, was derzeit höchstens Disneys Superhelden vermögen: Der 36-jährige Sohn einer österreichischen Krankenschwester und eines Programmierers aus Tunesien ist eine sichere Bank für Besucherzahlen in Millionenhöhe. Mit 24 Jahren wurde er in der Rolle des Sohnes eines Deutsch-Türken in der ARD-Serie "Türkisch für Anfänger" bekannt und 2006 mit dem deutschen Fernsehpreis geehrt. Die drei Teile der Komödie "Fack ju Göhte", in der er es als gutherziger Bankräuber und Kleinganove zum beliebten Lehrer einer Klasse schwererziehbarer Teenager bringt, sahen 21 Millionen. Das Drama "Dieses bescheuerte Herz" (2018) über den Sohn eines Chirurgen, der die letzten Tage eines todkranken Kindes erhellt, besuchten sieben Millionen.

»Das wahre Glück findet man bestimmt nicht auf Instagram«

Auf sozialen Kanälen wie Facebook und Instagram folgen ihm täglich mehr als 2,3 Millionen. "Das ist alles aufregend und sehr schön, aber das wahre Glück findet man bestimmt nicht auf Instagram", erklärt M'Barek. Das finde er oft im Alltag. "Ein gutes Essen, eine schöne Reise", führt er als Beispiele an. Möglicherweise ist auch der Beruf Glück, wenn er in eine andere Welt führt wie in Marco Kreuzpaintners Verfilmung von Ferdinand von Schirachs Roman "Der Fall Collini"(derzeit in Österreichs Kinos). Da leiht er dem jungen Anwalt Caspar Leinen seine Gestalt. "Hinreißend" sei es, dem Schauspieler bei seinem Wechsel ins ernste Fach zuzusehen, merkt der "Spiegel" an. Autor Ferdinand von Schirach, der selbst Strafvertverteidiger war, lobte bei der Premiere des Films in Berlin M'Bareks "Understatement" und Glaubwürdigkeit als Anwalt.

© Constantin Film Auf Augenhöhe mit einer Legende: Franco Nero und Elyas M'Barek

Dieser Leinen ist ein Zerrissener zwischen Pflicht und familiärer Verpflichtung. Vor knapp drei Monaten bekam er die Lizenz zum Strafverteidiger. Schon sein erster Fall geht an die Substanz: Der hochbetagte deutsche Unternehmer Jean-Baptiste Meyer wurde vom italienischen Gastarbeiter Fabrizio Collini in einer Hotelsuite erschossen. Erst als er die Verteidigung des Täters schon übernommen hat, erfährt Leinen, dass dieser Meyer der Großvater seines besten Freundes war, ihm selbst vor Jahrzehnten den Vater ersetzte und das Jusstudium ermöglichte. Ein Zurück gebe es nicht, lässt ihn sein ehemaliger Professor wissen: In der Welt der Justiz hätten persönliche Befindlichkeiten keinen Platz.

Ein Kämpfer für Gerechtigkeit

"Leinen weiß nicht, wo er dazugehört. Das macht ihn umso kämpferischer und das bringt ihn dazu, sich nicht einschüchtern zu lassen und für die wirkliche Gerechtigkeit zu kämpfen", sagt M'Barek.

© Constantin Film Elyas M'Barek als Anwalt Caspar Leinen im Film "Der Fall Collini"

Die Grundlage für den Roman war der wahre Fall des NS-Polizeichefs Friedrich Engel, des "Schlächters von Genua". Als Leiter des örtlichen Sicherheitsdienstes hatte er die Erschießung von 59 Gefangenen veranlasst -als grausame Vergeltung für einen Anschlag italienischer Partisanen auf ein deutsches Soldatenkasino, bei dem fünf oder sechs Soldaten umgekommen waren. Als Engel Jahrzehnte später dafür in Deutschland vor Gericht kommen sollte, waren die Akten nicht mehr auffindbar. "Unser Film ist aber keiner über die NS-Zeit", sagt M'Barek. Er weise vielmehr darauf hin, "wie viele Menschen, die große Gräueltaten begangen haben, straffrei davonkamen". Der Klient, den seine Figur, der Anwalt Leinen, zu verteidigen hat, musste als Kind der Erschießung seines Vaters durch Hans Meyers Schergen beiwohnen. Als er den Mörder für das Begangene Jahrzehnte später gerichtlich belangen wollte, wurde sein Klage abgewiesen.

»Dass die Kriegsverbrechen verjährten, war der größte Justizskandal in der Bundesrepublik«

Der Autor Ferdinand von Schirach hatte in dem Roman einiges an Autobiografischem abgeladen: Wie seine Hauptfigur war auch er, als er den Roman schrieb, Anwalt. Sein Großvater Baldur von Schirach verantwortete als Gauleiter von Wien die Deportation Tausender Juden. Er wurde bei den Nürnberger Prozessen als einer von 24 Haupttätern zu 20 Jahren Haft verurteilt. Engel hingegen war ohne Strafe davongekommen, weil die deutsche Justiz seine Verbrechen für verjährt erklärt hatte. "Dass die Kriegsverbrechen verjährten, war der größte Justizskandal in der Bundesrepublik. Und die Tatsache, dass das möglich war, zeigt, wie fragil es um unsere Freiheit bestellt ist", sagte Schirach im Gespräch mit News, als sein Roman erschien. M'Barek sieht das nicht anders, fügt aber hinzu, Schirachs Werk sei auch ein sehr guter Thriller.

Womit das Gespräch wieder in der Gegenwart und bei seinem namhaften Kollegen Franco Nero angelangt ist. Der ikonische Django-Darsteller ist im Film der wortkarge Täter Fabrizio Collini. Die nur wenige Sätze umfassende Rolle spricht der vor 77 Jahren geborene Italiener in gebrochenem Deutsch, mit stark italienisch gefärbtem Akzent. Über die Arbeit mit dem legendären Kollegen gerät M'Barek ins Schwärmen. Nero zeigte ihm seine Lieblingsrestaurants, als man gemeinsam in Italien drehte.

© Constantin Film Am Set im Gerichtssaal

Bleibt noch zu klären, ob er es nicht als Last empfindet, immer noch mehr leisten zu müssen. "Ich bin sehr dankbar, dass ich so eine Aufmerksamkeit bekomme. Aber man nimmt diesen Rummel nur bedingt wahr, oft erst, wenn man über einen roten Teppich geht und die Leute Autogramme wollen. Aber ich bin da sehr gelassen. Mir würde nichts fehlen, wenn es das alles nicht gäbe." Aus diesem Grund empfinde er auch keinen Druck. "Alles, was ich schon erlebt habe, das ist so außergewöhnlich. Ich hätte nie gedacht, dass ich das überhaupt so erfahren darf. Das kann mir niemand mehr nehmen. Alles, was kommt, ist nur noch Bonus."

Möge der Bonus reich und unerschöpflich sein.

Roman und Film In seinem ersten Roman "Der Fall Collini" (2011) erzählte Ferdinand von Schirach vom jungen Strafverteidiger Caspar Leinen, der während der Ermittlungen zu seinem ersten Fall entdeckt, dass der Mann, der ihn wie einen Enkelsohn aufgenommen hat, ein Scherge der Nationalsozialisten war. "Der Fall Collini" ist bei btb als Taschenbuch um 10,30 Euro zu erstehen. Marco Kreuzpaintner hat Ferdinand von Schirachs Roman zum packenden Gerichtsthriller verfilmt. Die Besetzung ist erstklassig. Neben Elyas M'Barek, der den Anwalt Caspar Leinen, eine Art von Alter Ego Schirachs, verkörpert, tritt Franco Nero eindrucksvoll als Rächer auf. Alexandra Maria Lara ist die Jugendliebe Caspars. In weiteren Rollen sind Heiner Lauterbach, Manfred Zapatka, Catrin Striebeck, Axel Moustache zu sehen. Derzeit im Kino

Das Buch "Der Fall Collini" finden Sie hier.*

Der Beitrag erschien ursprünglich im News 16/2019.

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