Elke Kahr: Mehr als eine Linkspopulistin?

Sie ist Kommunistin und vertritt somit eine Weltordnung, von der sich die Welt vor gut drei Jahrzehnten verabschiedete. Umso erstaunlicher, dass Elke Kahr bei den Grazer Gemeinderatswahlen den ersten Platz machte. Aber ist Elke Kahr mehr als nur eine Linkspopulistin?

von Elke Kahr © Bild: APA/Kornberger

Der Crash der Sowjetunion und des gesamten Ostblocks, der Fall der Berliner Mauer, des Eisernen Vorhangs und aller antifaschistischen Schutzwälle, kurzum, die kapitalistische Neuordnung der Welt in den vergangenen drei Jahrzehnten - all das scheint an der kleinen, hermetischen Arbeitswelt der 59-jährigen Elke Kahr spurlos vorübergegangen zu sein. Denn die gemahnt eher an ein Ostalgiemuseum als an das Headquarter einer politischen Gegenwartspartei: Auf dem Schreibtisch in der Grazer Volkshaus-Bibliothek, dem Sitz der lokalen KPÖ, prangt neben Lenins ausgewählten Werken kokett eine kleine Che-Guevara-Figur. Weiter oben, in einem der Buchregale, thront, stoisch die gesamte Szenerie überwachend, ein bronzefarbener Karl Marx aus Kunststoff. Er blick ernst wie immer, doch was er sieht, dürfte ihm durchaus gefallen: nämlich eine erfolgreiche Kommunistin.

Nur ein früher Popstar

Zugegeben, den alten Che hält Kahr zwar für "überbewertet", er sei eben eher einer der frühen Popstars der Bewegung und die Figur ein reines Dekorationsstück. Marx hingegen gehört ihr ganzes Herz: "Ja, ich bin Marxistin", sagt die Grazer Verkehrsstadträtin und ballt dazu proletarisch die Faust. "Denn der Marxismus hat mich zu verstehen gelehrt, warum es in unserer Welt überhaupt ein Oben und Unten, ein Arm und Reich gibt." Was sie der Mann mit dem wallenden Bart noch lehrte: Politik - auch jene, die sie selbst in Graz als Mitglied einer von der ÖVP angeführten Stadtregierung mitträgt -als stetigen "Klassenkampf" zu begreifen. "Ich will", sagt Elke Kahr, "dass Handwerker und Arbeiter wieder stolz auf das sein können, was sie machen. Und nicht, dass ein kleiner Abteilungsleiter beim Spar zur Erhaltung seines Selbstwerts das Etikett ,Manager' vor sich hertragen muss."

Die Frau aus der roten Zeitkapsel richtet ihre Botschaft aber nicht mehr unverbindlich an die Proletarier aller Länder, sondern sehr präzise an jene der steirischen Landeshauptstadt, in der am 26. September ein neuer Gemeinderat gewählt wurde. Genauer gesagt spricht Kahr, das ergeben sämtliche Vorwahlumfragen, längst schon das Protestpotenzial sämtlicher Bildungs- und Gesellschaftsschichten an. Exakt 223.512 Wahlberechtigte sind heuer für den Urnengang registriert. Prognosen zufolge sollten 25 Prozent von ihnen Elke Kahr und somit der KPÖ ihre Stimme geben. Tatsächlich waren es knapp 29 Prozent. Zum Vergleich: Die Grazer SPÖ dümpelt laut Demoskopen bei maximal zwölf Prozent dahin. "Selbst für Bürgerliche ist es hip, KPÖ zu wählen", konstatiert SPÖ-Spitzenkandidat Michael Ehmann genervt.

Drift nach links außen

Aber warum dieser Drift nach links außen? Nicht etwa aus schwermütiger Sentimentalität für Hammer und Sichel, sondern weil sich die Kommunisten und somit Kahr in den vergangenen Jahren monothematisch, aber nachhaltig als Interessenvertretung der Mieterinnen und Mieter etabliert haben. Leerstandserhebung und Leerstandsabgabe für den Wohnungsmarkt, Mietobergrenzen, mehr leistbarer Wohnbau statt prestigeträchtiger Spekulationsobjekte, trotz alldem aber ein Stopp für die ausufernde Bodenversiegelung -Forderungen wie diese funktionieren im Wahlkampf. Zumal sich Kandidatin Kahr selbst trotz fetter Politbezüge seit Jahr und Tag in ostentativer Bescheidenheit übt.

Wie bereits ihr Vorgänger Ernest Kaltenegger spendet sie gut zwei Drittel ihres monatlichen Nettogehalts als Stadträtin, nämlich 4.000 Euro, für wohltätige Zwecke. "Die restlichen 1.950 Euro reichen mir absolut zum Leben, zumal der Franz, mein Lebenspartner, ja eine Pension von knapp 2.000 Euro bezieht", sagt sie.

Nokia-Handy aus der Steinzeit

An die 900.000 Euro hat sie so bereits unters Volk gebracht, seit sie in der Grazer Stadtregierung sitzt. Und wem das noch nicht reicht, der kann sich der Spenderin aus Leidenschaft gerne auch ganz direkt mitteilen: Kahrs Nummer steht nämlich im öffentlichen Telefonnummernverzeichnis, und ihr alles andere als smartes Uralt-Nokia hebt sie auch praktisch immer selbst ab. "Sogar ungehaltene Anrufer beruhigen sich sehr rasch, wenn sie merken, dass ich tatsächlich persönlich dran bin." Das sei man von der "enthobenen Kaste der heutigen Politiker" eben einfach nicht mehr gewohnt. Im Gegenteil: Bereits unter Kreisky, den sie als gesellschaftspolitischen Reformator durchaus anerkennt und dem sie als Erstwählerin ihre Stimme gab, sei es so weit gekommen, dass es gewerkschaftlichen Arbeitnehmervertretern nur noch um Posten, Einfluss und Macht gegangen sei.

Und sie selbst? Ob sie denn eine Art politisch agierende Antipolitikerin sei?"So könnte man das sagen", sagt Elke Kahr, Lebenspartnerin des ehemaligen steirischen KPÖ-Chefs Franz Stephan Parteder, Mutter eines erwachsenen Sohnes, Großmutter eines Enkerls im Kleinkindalter. Von "denen da oben", wolle sie sich ganz bewusst unterscheiden, sagt sie. Denn deswegen sei sie als kleine Sekretärin bei der Kontrollbank mit Anfang 20 überhaupt erst in die Politik gegangen. Zunächst als Angestellte der KPÖ-Bezirksleitung Graz, seit 1993 als Gemeinderätin, seit 2005 sogar als Stadträtin, erst für den Wohnbau, zuletzt für Verkehr. Und offensichtlich gelingt ihr die planmäßige Anti-Establishment-Performance ähnlich gut, wie sie am anderen Ende des Spektrums vor ein paar Jahrzehnten Jörg Haider gelang. Und wenn sie als langjähriges Mitglied einer Stadtregierung gegen die "herrschende Klasse" polemisiert, so fällt es den politischen Mitbewerbern sämtlicher Couleurs naturgemäß leicht, ihre Agenda im Namen der Arbeiterinnen und Arbeiter als plumpen Linkspopulismus abzutun. "Manche behaupten ja sogar, dass meine Gehaltsspenden nichts anderes als Stimmenkauf sind", sagt Kahr.

Studium bei der KPdSU

Denn, so ehrlich muss man sich trotz der bronzefarbenen Marx-Büste in der Bibliothek sein, der Marxismus dient Kahr eher als Erklärungsmodell für die herrschenden Verhältnisse denn als Weg zur klassenlosen Gesellschaft, die er ja als eigentliches Ziel vorsieht. Und auch wenn Lenins ausgewählte Schriften in elegant schwarzem Einband und Che Guevaras schneeweißer Kopf als Briefbeschwerer den Schreibtisch zieren, bei Beispielen für das Funktionieren einer Welt ohne Standesunterschiede und ohne Privateigentum tut sich auch eine "gemäßigte Revolutionärin" wie Kahr schwer. Was durchaus beachtlich ist, denn immerhin studierte sie, von ihrer Heimatpartei entsandt, im Moskau des Jahres 1989 am Institut für Bildungswissenschaften der KPdSU für acht Monate Leninismus und Marxismus. "Den Moskauer Boden habe ich bei der Landung natürlich nicht geküsst, ich bin ja nicht der Gusenbauer", versichert Kahr. Aber die Zeit, in der sie sich, ohne sich wie daheim groß um Organisatorisches kümmern zu müssen, der reinen Lehre widmete, habe sie trotz Glasnost und Perestroika in Hochblüte einfach nur genossen.

Aber wo auf der Welt fand sie denn nun tatsächlich statt, die Weltrevolution als Wegbereiterin für ein funktionierendes Staatswesen? "In Kuba", sagt Elke Kahr ganz ohne Anflug von Ironie, "auch wenn ich selbst noch nie drüben war." Wäre sie drüben gewesen, sie hätte als Erstes die zerfallenden, rostenden Taxis aus dem Amerika der Fünfzigerjahre gesehen, die sie dort Autos nennen, und all das bröckelnde, pflanzen-und unkrautübersäte Mauerwerk, hinter dem sich dort der urbane Wohnraum verbirgt. Und all die Schuhputzer, die den devisenstarken Damen und Herren Imperialisten gebückt die Treter polieren. "Mag schon sein, aber vor Castro war Kuba nicht mehr als der Hinterhof für die amerikanische Mafia, so gesehen hat sich was verbessert", sagt Kahr. Einerlei, der reale Kommunismus hat im Grazer Wahlkampf ohnedies wenig Platz. "Anders als die anderen", lässt Kahr als Claim auf die Plakate mit ihrem Konterfei drucken. Das muss vorerst reichen, und Havanna ist weit weg. Doch der Klassenfeind, der scheint ziemlich nahe. "Ich schätze ja Bürgermeister Nagls Humor", sagt Elke Kahr, "aber sonst halte ich ihn mit all seinen groß angekündigten Prestigeprojekten wie etwa einer Metro für Graz nur sehr schwer aus."

Der Klassenfeind im Rathaus

Da der großbürgerliche ÖVP-Langzeitbürgermeister Siegfried Nagl, geboren 1963, der aus einer alteingesessenen Kaufmannsfamilie mit Stammsitz in der Herrengasse (der Kärntner Straße von Graz) stammt. Dort Kahr, geboren 1961, die in bescheidensten Verhältnissen am Rande der Triestersiedlung, einem bis heute übel beleumundeten Stadtteil, aufwuchs. "Wir beide stammen aus einer Zeit, in der noch deine Herkunft bestimmte, ob du etwa ins Gymnasium gehen durftest oder nicht", sagt Kahr. Und sie durfte nicht, holte erst später in der Abendschule die Matura nach.

Vorraum, Küche, dazu noch ein kleines Zimmer, statt fließenden Wassers ein Brunnen im Hof. So habe Kahr gelebt, bis sie 18 Jahre alt war. Ihre Eltern, eigentlich ihre Zieheltern, die sie als Dreijährige adoptierten, hätten ihr aber trotz der im Grunde tristen Verhältnisse eine "sehr glückliche Kindheit" beschert. "Daheim wurde ich geliebt, doch draußen ließen mich die sogenannten besseren Leute stets spüren, wo ich herkomme und deswegen auch hingehöre", sagt Kahr.

Doch der Teenager Kahr war wissbegierig, las, was ihm zwischen die Finger kam, von "Onkel Toms Hütte" über "Tom Sawyer" bis hin zur "Roten Zora". Unterdrückte und ihr Kampf, das seien Konstellationen gewesen, die sie eigentlich von klein auf interessiert hätten. Später, als sie dann politisch sozialisiert wurde, kam das "Kommunistische Manifest" dazu. Und schließlich auch noch "Das Kapital". Tja, und mit einem Mal war sie Kommunistin. Und blieb es. Und auch Karl Marx blieb. Auch wenn sich hinter der scheinbar bronzenen Büste tatsächlich nur Kunststoff verbirgt.