Elementare Details: FORMAT über die (unautorisierte) Houellebecq-Biografie!

Denis Demonpion durchleuchtet den Star-Autor

Elementare Details: FORMAT über die (unautorisierte) Houellebecq-Biografie!

Michel Houellebecq ist nicht der, der er vorgibt zu sein. In einer kritischen Biografie outet der französische Journalist Denis Demonpion den provokanten Starautor als berechnenden wie geizigen Egomanen und Sonderling.

"Ich habe allein mit 'Plattform' über sieben Millionen Francs verdient. Das plustert mein Konto bei der Allied Irish Bank auf", hielt Michel Houellebecq 2001 selten offenherzig in einem Interview fest. "Das ist angenehm, ich brauche mich im Leben nicht mehr abzurackern. Ich bin frei, wirklich frei!"

Nach "Ausweitung der Kampfzone", "Elementarteilchen" und "Plattform" hielt sich auch sein vierter Roman "Möglichkeiten einer Insel" monatelang auf den internationalen Bestsellerlisten. Mit seinen klaren Analysen über die Defekte der gegenwärtigen Gesellschaft hat Houellebecq den Zeitgeist auf den Punkt getroffen, die Macht der Worte virtuos gegen den Zustand der Welt gesetzt, in der die Utopie tot und die Sexualität zerstört ist. Und sich zudem als Trendsetter im allgegenwärtigen 68er-Bashing erwiesen.

Demontage
Jetzt kommt der Literaturhero der Thirtysomethings selbst in Bedrängnis. Bereits im Vorjahr sorgte der französische Journalist Denis Demonpion mit seiner Biografie über den Skandalautor für Aufregung. Sie blieb unautorisiert. Decouvriert doch das nahezu wissenschaftlich aufgeschlüsselte Werk Houellebecq als berechnenden wie egomanischen Medienprofi und Sonderling, der sich neben seinem Pseudonym auch beharrlich um zwei Jahre jünger macht und seine Mutter verleugnet.

Kaum hat man also gelernt, den Namen Houellebecq halbwegs richtig über die Lippen zu bringen, wird einem da unterbreitet, dass der Autor gar nicht so heißt. In Ablehnung seiner Familie hat Michel Thomas - so sein richtiger Name - den seiner geliebten Großmutter väterlicherseits angenommen. Nun wären Pseudonyme in Literaturkreisen keine Besonderheit. Denis Demonpion zeigt aber auf, mit welcher Nachhaltigkeit Houellebecq andere elementare Details seiner Lebensgeschichte in kindischer Besessenheit ausgelöscht hat.

So hat er sein Geburtsjahr von 1956 auf 1958 verlegt und seine verhasste Mutter gänzlich sterben lassen. Demonpion hat mit der "noch sehr lebendigen" Frau lange Gespräche geführt. Die heute 79-jährige ehemalige Anästhesieärztin lebt auf Reunion und gibt bereitwillig zu, aus karrieretechnischen Gründen ihr Kind wohl vernachlässigt, andererseits aber bis zum 37. Lebensjahr kräftig finanziell unterstützt zu haben. Sie ist nur einer von 130 Gesprächspartnern, die Einblick in Houellebecqs Paralleluniversen geben.

Über zwei Jahre hat der Journalist des Magazins "Le Point" recherchiert und sich auf die Spuren des Autors geheftet. Akribisch schildert er den Werdegang Michael Thomas' zum Starautor Houellebecq: vom Internatsschüler ohne Freunde zum Studenten voll sexuellem Elend, der sein Studium als Agraringenieur abschloss. Und obwohl er bereits Literaturzirkel besuchte, nahm der seit frühen Jahren starke Whiskeytrinker und Kettenraucher aus Sicherheitsgründen eine Stelle als Sekretär in der Verwaltung der Assemblée nationale an. Seiner ersten Ehe entstammt der mittlerweile 26-jährige Sohn Étienne. Zu ihm hat der Autor, der selbst gerne über seine lieblose Kindheit klagt und sich als früh Verlassener stilisiert, kein besonders enges Verhältnis. Dafür, so Biograf Demonpion, sei Houellebecq "zu sehr mit sich selbst beschäftigt".

Sex im Swingerclub
1998, knapp vor dem Erscheinen seines zweiten Big Shots "Elementarteilchen", heiratet er die Kunstexpertin Marie-Pierre, die zu seiner Literaturagentin wird. Sie ist es auch, die ihn in ihre sexuellen Abenteuer einbezieht. Gemeinsam besuchen sie Swingerclubs. "Houellebecq findet großen Gefallen an diesem schlechten Geschmack. An diesen fürchterlichen Menschen in Latex, Kunstleder, Korsagen - abscheulich hässliche Sachen. Darin hat er einen sehr eigenartigen sexuellen Instinkt", erinnert sich etwa sein Freund Michel Polac an gemeinsame Ausflüge. Auch durch seinen Umgang mit Literaturfreund Frédéric Beigbeder versucht sich der Abtreibungsgegner und Feminismuskritiker von seinem extrem reaktionären Gedankengut loszureißen. Seine rüden Äußerungen über den Islam im Sommer 2001 als "bescheuertste Religion von allen" bringen Houellebecq eine Anklage "wegen Anstiftung zur Diskriminierung" und seine Frau in die Nervenheilanstalt. Gleich nach 9/11 legt er, von seinen Fans mit der Aura des Hellsehers geehrt, unverdrossen nach: "Man kommt diesem religiösen Extremismus nicht mit Gewalt bei, besser wäre es, die Musliminnen zu pervertieren."

Mit Houellebecq, der sich aus steuerlichen Gründen schon vor Jahren nach Irland abgesetzt hat und nun - von seiner Frau getrennt - allein mit seinem Hund Clement in Spanien lebt, hat Demonpion über all das kein Wort wechseln können. Auf die Biografie hat der Autor aber via Internet reagiert. Über weite Strecken gibt er da seinem Biografen Recht. Enttäuscht sei er allerdings von seinen Freunden, die er Verräter nennt, und zwar alle, die mit Demonpion sprachen.

Die unautorisierte Houellebecq-Bio
Über zwei Jahre hat sich der französische Journalist Denis Demonpion auf die Spuren des Autors geheftet, mit über 130 Personen aus dessen Umfeld versucht, das Phänomen Houellebecq zu erörtern. Für den Biografen ist der Autor, seinen Romanfiguren gleich, eine Doppelidentität: der ewig pubertierende Michael Thomas und der Erfolgsautor Houellebecq. Das Buch ist im Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag erschienen. (FORMAT)