Menschen von

Schlapfen wie Heidi

Warum ein Obdachloser im Resselpark derzeit als Laufsteg-Model durchgehen könnte

Ela Angerer © Bild: News/Ian Ehm

Gestern sah ich im Resselpark einen Obdachlosen sitzen. Er hatte wildes schwarzes Haar und einen in die Ferne gerichteten Blick. Auf den Knien seiner zerrissenen Hose lag ein Stück Brot. Davon brach er immer wieder Stücke ab, um damit die Tauben zu füttern. Dazu trug er eine enge braune Jacke — offensichtlich aus Lederimitat, denn sie war übersät mit stark abgewetzten Stellen, wo statt brauner Textur weiße Flächen leuchteten. Dieser Mann, der in diesem Moment nichts Wertvolleres besaß als seine kaputte Jacke, war so cool gestylt, dass er als Model auf einem Laufsteg in New York oder Paris durchgegangen wäre. Gut, dachte ich, dass jetzt nicht Hedi Slimane vorbeikommt. Der gefeierte Saint-Laurent-Designer würde seinen Look eins zu eins kopieren und damit den nächsten großen Hit landen. Und der Obdachlose hätte nichts davon. Früher träumten die einfachen Leute davon, sich so zu kleiden wie die oberen Zehntausend – wie Sisi etwa, Jackie Kennedy oder Cary Grant. Heute fühlen sich Stars am besten, wenn sie so aussehen wie der Mann im Park. Colin Farrell als Clochard getarnt auf dem Londoner Flughafen. Heidi Klum in Jogginghosen und Birkenstocks auf dem Weg zum Elternsprechtag. In Hedi Slimanes neuer Kollektion gibt es Holzclogs um 595 Euro, die exakt so aussehen wie ihre Vorbilder um 25 Euro.Sein Kollege Alexander Wang bietet Saunaschlapfen um 406 Euro. Und warum das Ganze? Seit der explosionsartigen Zunahme von Millionären und Milliardären ist die erste Klasse im Flugzeug voll mit Oligarchen, Spekulanten und anderen perfekt gestylten Neureichen. Von denen müssen sich echte Stars abgrenzen. „Ich bin wie ihr, ich esse gerne Äpfel”, soll der libysche Revolutionsführer Gaddafi einmal gesagt haben. Ich tippe darauf, dass er sie in seinem Privatjet aus Frankreich einfliegen ließ.

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