Einspruch von

Schlechte Noten

Renate Kromp © Bild: Ian Ehm/News

Was bringt "Vergleichbarkeit" von Leistungen durch Noten, wo doch ein und dieselbe Ziffer selbst bei sozial gleichen Kindern in derselben Klasse nicht das Gleiche aussagen muss.

Dass Verbalbeurteilungen nicht automatisch mit harmloser "Kuschelpädagogik" gleichzusetzen sind, zeigen nicht zuletzt jene von ÖVP und FPÖ über die Schule. Da wurde in den Koalitionsverhandlungen wieder wortreich ein System zur Gänze schlechtgeredet, das viele Schwächen hat, in dem aber auch viele Menschen ambitioniert am Werk sind und teilweise auch hervorragende Leistungen erbringen. Der Eindruck, der am Ende jeder Schulreformdebatte steht, ist hingegen stets derselbe: alles schrecklich! Ein Wunder, dass Österreich nicht längst abgesandelt ist. Doch unterdessen floriert die Wirtschaft, und wir leben in einem Land, das im Ranking der reichsten Länder weltweit auf Platz 21 liegt, innerhalb der EU auf Platz vier. Und das liegt auch daran, dass jene Menschen, die Arbeit haben, diese dank ihrer Ausbildung bewältigen können, auch wenn -unbestritten -zu viele die Schule verlassen und nur schlecht oder gar nicht des Lesens, Schreibens und Rechnens kundig sind. Der Schritt zurück zu den Ziffernnoten in der Volksschule, der nun in der Koalitionsrunde ausverhandelt wurde, wird allerdings genau dieses Problem nicht aus der Welt schaffen können. Warum sollte ein Kind besser lesen oder rechnen lernen, wenn am Ende des Schuljahres nicht in einer aufwendig ausgearbeiteten "kommentierten direkten Leistungsvorlage" in mehreren Detailschritten dargelegt ist, wo die Schwächen liegen, sondern ein satter Vierer oder Fünfer im Zeugnis steht?

Was bringt "Vergleichbarkeit" von Leistungen durch Noten, wo doch ein und dieselbe Ziffer selbst bei sozial gleichen Kindern in derselben Klasse nicht das Gleiche aussagen muss. Waren davor Leichtigkeit oder strenges Büffeln, Freude am Lernen oder Druck der Eltern, Nachhilfestunden oder keine? Überforderung oder vielleicht sogar Unterforderung? Und kann man daraus überhaupt etwas für die weitere Karriere dieses Kindes schließen?

Bildung und die Verbesserung des Schulsystems werden auch diesmal vor allem mit Stehsätzen, ideologischer Starrköpfigkeit und wenig Mut betrieben. Da wird je nach politischer Richtung einmal an dieser, einmal an jener Schraube gedreht. Doch das System grundsätzlicher infrage zu stellen, wenn doch so viele mit dessen Ergebnissen unzufrieden sind, das traut sich kaum einmal jemand. Die Gesellschaft frönt dem Individualismus, und die Politik verlangt von der Schule Stangenware und messbaren Output.

Doch am wahrscheinlichsten ist ohnehin, dass diese Schulreform den Weg ihrer Vorgängerinnen nimmt, nämlich zerredet wird. Erst am Verhandlungstisch mit den Lehrergewerkschaften und allen anderen Betroffenen wird sich entscheiden, was diese Regierung in der Schule tatsächlich weiterbringt. Und welche Note sie dafür verdient.

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