Einspruch von

In der
wirklichen Welt

Renate Kromp © Bild: Ian Ehm/News

Sebastian Kurz und der Alltag. Was ihn im Kanzleramt erwartet.

Bisher hat das System Sebastian Kurz für ihn gut funktioniert: Er umgibt sich mit absolut loyalen Mitstreitern, die ihm zuarbeiten, sich aber nicht in den Vordergrund drängen. Als Regierungsmitglied hielt er sich lange aus allen innerkoalitionären Querelen heraus, schaffte es aber über die Bande trotzdem, die SPÖ scheibchenweise zu demontieren. Inhaltliche Kritik an seiner Arbeit interpretiert er zu persönlichen Untergriffen um, weswegen diese in der Vergangenheit in der Öffentlichkeit nicht wirklich konstruktiv ankam. Die Sympathiewerte gaben ihm Recht.

Im Kanzleramt wird das viel schwieriger werden. Seine Koalitionspartner von der FPÖ sind im wenig eleganten Kampf um Aufmerksamkeit erprobt. Das bewährte Repertoire der Opposition - Aufregung auf Facebook provozieren, gespielte oder tatsächliche Empörung über gesellschaftliche Entwicklungen, sich über Ausgrenzung beschweren, wenn die Mehrheit anderer Meinung ist -kann man als Juniorpartner in der Regierung ganz schnell reaktivieren. So ein Koalitions-Honeymoon dauert schließlich auch nicht ewig.

Dazu kommt, dass die FPÖ in mehreren Bundesländern im Wahlkampf steht, und da war sie nie zimperlich. In Niederösterreich geht es schon los: Während in Wien ÖVP und FPÖ einander über den Verhandlungstisch hinweg zulächeln, titulieren die dortigen Blauen Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner als "Moslem-Mama"(wegen Details im Bildungsplan für Landeskindergärten). In Kärnten, Salzburg und Tirol, wo im Frühjahr gewählt wird, wird das nicht anders sein.

Parteichef Heinz-Christian Strache gibt in der Wiener Kommunalpolitik das Oppositionsraubein. Das dürfte ÖVP-Chef Kurz zwar ganz recht sein, aber wie Strache gleichzeitig als "staatstragender" Vizekanzler wahrgenommen werden will, wird ein spannender Spagat. Und wenn die Freiheitlichen in Umfragen Richtung 20 Prozent abrutschen, weil sich die Protestwähler abwenden, kann die blaue Kritik an Kurz tatsächlich persönlich werden.

Dagegen ist das, was Sebastian Kurz derzeit in seiner eigenen Partei in den Griff bekommen muss, noch die einfachere Übung. Wie schon unter seinen Vorgängern formiert sich in den Ländern Widerstand gegen Entscheidungen der Bundespartei. Manche Landeshauptleute fühlen sich in die Regierungsverhandlungen schlecht eingebunden und fragen sich wohl schon, ob das mit dem Durchgriffsrecht für Kurz bei Inhalten und Personal wirklich so eine gute Idee war. Die Politik der kleinen Stiche werden auch sie schnell wieder aufnehmen, wenn Kurz und die ÖVP -ist das Regierungsprogramm erst einmal in allen Köpfen angekommen -in der Gunst der Wähler womöglich nicht mehr ganz so strahlen.

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