Einspruch von

Alles oder nichts

Renate Kromp © Bild: Ian Ehm/News

Maria Vassilakou, langjährige Gallionsfigur der Wiener Grünen, hat ihren Rückzug aus der Politik angekündigt. Autofahrer aus Passion, Radfahrer-Feinde, Fußgängerzonen-Zweifler und so mancher politischen Widersacher werden das großartig finden. Und auch in den grünen Reihen werden einige die Hände reiben - und zwar nicht nur jene, für die ein Hochhaus am Heumarkt und der beeinträchtigte "Canaletto-Blick" vom Belvedere schlimmer sind als das Dutzend Hochhäuser, das mittlerweile hinter dem Belvedere aufragt. Obwohl die den Blick auf das Barockjuwel auch nicht verbessern.

Vassilakou hat die Wiener Grünen lange Zeit neben der SPÖ stabil gehalten, die ihnen bei jeder Gemeinderatswahl mit einem Lagerwahlkampf Wählerinnen und Wähler abgeluchst hat. Sie hat ihre Partei in die Stadtregierung geführt und das erste rot-grüne Bündnis mitgeschlossen. Sie hat als Verkehrsstadträtin ihre Projekte durchgezogen, ja, auch Klientelpolitik gemacht. Aber welcher Politiker macht das nicht? Und natürlich, sie hat auch Fehler gemacht, die sie in ihrer eigenen Partei geschwächt haben: den Rücktritt vom Rücktritt nach der letzten Wien-Wahl und die Fehleinschätzung grüner Befindlichkeiten beim Heumarkt-Hochhaus. Dass nun der Druck aus der eigenen Partei kam, für jemand anderen Platz zu machen, hat aber weniger mit Vassilakous Misserfolgen zu tun als mit jener Panik, die die Grünen seit ihrer Schlappe bei der Nationalratswahl befallen hat. Wer sind wir noch? Wer wollen wir sein? Rette sich, wer kann.

Dazu kommt noch, so normal sind die Grünen mittlerweile als Partei: Wer sich über Jahre an der Spitze hält, wird den Funktionären fad -unabhängig vom Erfolg. Und Vassilakou ist seit 2001 in Spitzenfunktionen präsent: Stadträtin, Klubobfrau, Spitzenkandidatin, Vizebürgermeisterin.

Doch was kommt jetzt? Bei der Entscheidung über Vassilakous Nachfolge geht es für die Grünen um alles oder nichts. Wer Ende November die Spitzenwahl für sich entscheidet, wird für die Grünen in die alles entscheidende nächste Wiener Wahl ziehen. Wird diese Wahl vergeigt, ist es mit der Öko-Partei wohl wirklich vorbei.

Drei Kandidaten von insgesamt neun, die sich beworben haben, gelten in diesem Rennen als aussichtsreich: David Ellensohn, Birgit Hebein und Peter Kraus. Die ersten beiden sitzen selbst schon seit vielen Jahren im Gemeinderat, der dritte kommt aus dem beruflichen Umfeld Vassilakous. Fundis oder Realos, Ältere oder Jüngere - das sind dabei nicht die einzigen Grundsatzentscheidungen, die die grünen Wähler treffen müssen. Sondern auch: Wer steht am überzeugendsten für das grüne Grundthema und macht die Partei weiter (oder wieder) für breitere Schichten wählbar?

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