Ein Wirbelsturm durchzieht den Vatikan:
Benedikt XVI. kämpft an vielen Frontlinien

Umstrittene Entscheidungen mobilisieren Gegner Von den Protestanten bis zur eigenen Kirchenbasis

Ein Wirbelsturm durchzieht den Vatikan:
Benedikt XVI. kämpft an vielen Frontlinien © Bild: APA/Roland Schlager

Die Euphorie ist verflogen. Nachdem die Ernennung Joseph Ratzingers zum Pontifex eine Welle der Begeisterung in Deutschland auslöste, scheint nun Katerstimmung vorzuherrschen. Mit umstrittenen Entscheidungen hat das Oberhaupt der katholischen Kirche an vielen Fronten gleichzeitig gerührt. Die reformierte Kirche brüskiert er genauso wie die Laienbewegung, die jüdischen Gemeinden bringt er ebenso gegen sich auf wie die katholische Intelligenz. Eines hat er jedenfalls klar gemacht: die Suche nach Wahrheit ist kein demokratischer Prozess. "Wahre Vernunft hängt nicht von einer möglichst breiten Zustimmung ab, sondern nur von der Transparenz der menschlichen Vernunft zur göttlichen Vernunft", betont der Papst.

Auch in Österreich eröffnete Ratzinger eine neue Front. Mit der überraschenden Entscheidung, den konservativen Gerhard Maria Wagner zum Weihbischof zu ernennn, erntet er offene Kritik in der Linzer Diözese.

Enttäuschte Diözese
Generaldechant Franz Wild etwa fürchtet, dass durch die Ernennung von Wagner, schwere Zeiten auf die Diözese zukommen werden. Er sei "erschüttert" über diese Entscheidung. Genau wie Wild stellt sich die Plattform "Wir sind Kirche" die Frage, wie jemand, der in vielen Fragen eine derart extreme Position einnehme, zu einer Einheit der Gläubigen beitragen soll.

An einem kirchenpolitischen Ausgleich hat der Pontifex sichtbar weniger Interesse als an der Richtigstellung katholischer Kirchenüberzeugung. In seiner gesamten kirchlichen Laufbahn stand die Suche nach theologisch-wissenschaftlichen Einsichten immer im Vordergrund seines Wirkens.

Konflikt mit Protestanten
Dieser Zugang des Papstes belastet auch das Verhältnis zu den reformierten Kirchen. Schon als Präfekt der Glaubenskongregation verfasste er eine Erklärung, in der die Vorrangstellung der katholischen Kirche bekräftigt wurde: Die Protestanten seien keine Kirche im eigentlichen Sinne.

Mit der Aufhebung der Exkommunizierung von vier Bischöfen der Priesterbruderschaft St. Pius X. hat der Papst an Grundfesten der Kirche gerührt. Denn was hier zum Disput steht ist nichts Geringeres als das Zweite Vatikanische Konzil. Denn Bruchpunkt mit den Traditionalisten sind wesentliche Beschlüsse des Konzils.

Daher kommt nun auch Kritik von der katholischen Intelligenz. Klare Worte findet der Theologe Hans Küng: "Er merkt gar nicht, wie seine Aktionen in der Welt ankommen. Er müsste das Schiff der katholischen Kirche, das nach rechts abgedriftet ist, als Kapitän wieder in die Mitte lenken." Eine noch deutlichere Sprache findet der niederländische Theologe Jean-Pierre Wils: "Ich will nicht mehr mit dem anti-modernen, anti-pluralistischen und totalitären Geist dieser Kirche identifiziert werden", sagte Wils."
(apa/red)