Ed Sheeran von

Kleiner Mann ganz groß

Ed Sheeran - Kleiner Mann ganz groß © Bild: 2018 Getty Images

Diese Woche begeisterte Ed Sheeran in Wien 110.000 Fans live. Der Erfolg des rothaarigen Briten stellt nur scheinbar Branchengesetze auf den Kopf. Das News-Gespräch über Erfolg, harte Arbeit, Perfektionismus. Und nein, er würde nie sagen: „I love the shape of you!“

Ed Sheeran ist auf Tour und Fans wie Kritiker haben Hochsaison. Die einen bejubeln neben dem Star (@teddysphotos) sogar den neuen Instagram-Account des Stars für dessen Katzen (@thewibbles). Die anderen bestaunen den Triumph der Normalität. So muss man es in Zeiten von Körperkult und Pyrotechnikshows offenbar nennen, wenn ein durchschnittlich aussehender, rothaariger Brite allein mit seiner Stimme und Gitarre 4,5 Millionen Menschen weltweit dazu bringt, eine Konzertkarte zu kaufen. Kommende Woche (7. und 8. 8.) werden es in Österreich über 100.000 Zuschauer sein, die im Wiener Ernst-Happel-Stadion Sheerans One-Man-Show feiern (siehe Infos zum Konzert S. 72 und 73). Dabei bricht der 27-jährige Brite mit seinem Verzicht auf Band, Backgroundsänger und Show­effekte bereits zum wiederholten Mal alle Branchenregeln.

Der erste Bruch erfolgte, als sein ­Debütalbum „+“ (ausgesprochen: Plus) binnen drei Monaten zum historisch zweitmeistverkauften Album seiner britischen Heimat wurde. Wie kann das bloß gelingen mit Durchschnittsaus­sehen und „Schnarchnasenpop“, wie der britische „NME“ Sheerans Werk damals kategorisierte? Mit dem dritten, aktuellen Album „÷“ (ausgesprochen: Divide) widersetzte sich der Knabe aus Framlingham 170 Kilometer südwestlich von London abermals dem Branchendiktat: Er veröffentlichte zwei Singles gleichzeitig und belegte – statt die eigenen Verkaufszahlen zu kannibalisieren – damit in 35 Ländern gleich Platz eins und Platz zwei der Charts.

Ein logischer Sieg

Abgekürzt kann Ed Sheerans Erfolgs­geschichte in 160 Millionen verkaufte Tonträger zusammengefasst werden. Dem Erfolgsgeheimnis sind Anhänger wie Kritiker noch immer auf der Spur. Der Star selbst ist sich dessen bewusst und wundert sich kaum über seinen ­Erfolg. Er stellt ihn gerne als logische Folge einer Kindheit als Paradeaußenseiter dar. Schon damals habe er – ­rothaarig, unsicher, unattraktiv – einzig bei seiner Gitarre Zuflucht und Zuspruch gefunden. „Der liebe Gott hat wohl irgendwann gedacht: Dem Jungen muss ich musikalisches Talent geben, sonst bekommt er nie ein Mädel ab“, sagte Sheeran bei Late-Night-Talker James Corden über seinen Schlüssel zum Erfolg.

Tatsächlich ist der Erfolg einer Antithese zu gängigen Karriererezepten einer Ära nichts Ungewöhnliches. „Schau dir doch Elton John an, oder Lionel ­Richie und Neil Young. Sehen die aus wie Popstars?“, führt Sheeran im Gespräch mit News als Beispiel an. Es amüsiert und wundert ihn gleichzeitig, wie eine offensichtlich von seinem überdimensionalen Erfolg überrumpelte Branche damit umgeht. „Heute suchen sie Sänger, die aussehen wie ich. Das ist doch verrückt“, sagt er und macht es unmöglich, ihn nicht zu ­mögen. Trifft man Ed Sheeran, erlebt man einen Typ im Jungen-von-nebenan-Look, der sich ehrlich über die Früchte jahrelanger harter Arbeit freut. Ein interessierter, intelligenter Gesprächspartner mit einer guten Dosis selbstkritischem britischem Humor.

Sheeran ist keine Reißbretterfindung, kein über die Nacht erfundener Star, sondern ein überlegter, durch harte Schule erprobter Musikarbeiter. Als der Erfolg ihn einholte, war er darauf vorbereitet. Er war die logische Folge jahrelangen Trainings: das Talent für perfekte Popmelodien seit dem 13. Lebensjahr an der Gitarre geschult, ab dem 17. Geburtstag als Straßensänger und Pubsänger gestählt. Von daher Einblick in die menschliche Seele und all ihre Abgründe gewonnen. Dass er daraus seine Texte webte, Geschichten über die großen und kleinen Gefühle, die jedem Zuhörer vertraut sind, lag nahe. Als 2010 Schauspieler Jamie Foxx und Musikgröße Elton John auf Shee­ran aufmerksam wurden, verhalfen sie ihm bl0ß zum Karriereschub, der vermutlich ohnehin bald gekommen wäre.

„Seltsam“, sagt Sheeran, wenn er auf den Unglauben angesprochen wird mit dem Kritiker seinem Erfolg begegnen. Er lächelt dazu, als wäre ihm sein Weg auf die gute Art immer klar gewesen.

© Irish Independent / Eyevine / picturedesk.com „Ich werde nie selbstgefällig sein, egal wie viel Erfolg ich habe“

Herr Sheeran, Sie waren zum Videodreh hier und zum Geburtstag­feiern. Was mögen Sie eigentlich so an Österreich?
Ernsthaft? Das Bier und euer Essen! Ich habe noch nirgends auf der Welt so gut gegessen wie in Österreich. Ihr habt das Wiener Schnitzel! Und die Menschen bei euch sind so höflich. Ich werde nie belästigt.

Das liegt vielleicht daran, dass man in Österreich bis vor Kurzem vor allem Ihre Lieder kannte, aber weniger, wie Sie aussehen …
Großartig! Das ist mein Idealzustand: Alle lieben meine Songs, niemand erkennt mich! Deshalb habe ich in meinen ersten Videos nie mein Gesicht gezeigt. Leider finden irgendwann alle raus, wie du aussiehst.

„Divide“ ist Ihr drittes Album. Ging es Ihnen nach dem großen Erfolg der ersten zwei CDs leicht oder schwer von der Hand?
Es war das Album, für das ich am härtesten von allen gearbeitet habe. Ich habe es zwei- oder dreimal fertig gehabt. Immer wenn es fertig war, habe ich es ein paar Wochen liegen lassen und dann von Neuem angefangen, es zu bearbeiten. Ich habe geschaut, was ich noch besser machen kann, was noch nicht perfekt ist, welche Songs noch darauf fehlen.

So wie der Überraschungssong „Shape of you“. Haben Sie damit bewusst eine völlig neue Richtung eingeschlagen? Weg von Balladen?
Das war mein Plan, deshalb heißt das Album „Divide“: Fünfzig Prozent sollten Musik sein, für die man mich kennt, die andere Hälfte Neues, ein bisschen Experimentelleres.

Hat der Erfolg Sie mutiger gemacht?
Ich glaube schon. Heute kann ich mir musikalisch sicher mehr erlauben als früher.

Mit Liedern wie „Supermarket Flowers“ bringen Sie die Zuhörer aber immer noch zum Weinen.
Wirklich? Schön! Ich will ja Emotionen auslösen. In diesem Lied geht es um den Tod meiner Großmutter. Ich beschreibe ihn aus der Sicht meiner Mutter. Diese merkwürdige automatische Struktur, nach der die Tage nach dem Tod meiner Oma verliefen. Es sind so banale Dinge, die man dann tut: die Teekanne in den Abfluss ausleeren, die Blumen vom Fensterbrett nehmen, Schachteln packen. Nichts Besonderes, aber wenn man die Tätigkeiten aneinandergereiht beschreibt, ergeben diese banalen Dinge das Bild von dem Unaussprechlichen, Großen, das in so einer Zeit liegt. Macht das Sinn, was ich sage?

Durchaus. Ihr Text zu „Perfect“ ist die wohl derzeit beliebteste Liebeserklärung. Kommt Ihnen so was im echten Leben auch leicht über die Lippen?
Das ist, fürchte ich, ein großes Missverständnis: Ich bin privat nicht so eloquent wie in meinen Songs, sondern schüchtern, ein eher unbeholfener Mensch. Ich würde nie in einer Bar zu einer Frau sagen: „I’m in love with the shape of you.“ Ich würde höchstens schaffen zu sagen: „Hey, wie geht’s?“

Trotzdem sind Sie offenbar gut mit Worten, was bei Männern eher als untypische Eigenschaft gilt.
Gemessen an meinen Songs wäre ich im echten Leben eine Enttäuschung, glauben Sie mir. Wobei Sie das natürlich mit meiner Freundin besprechen müssten. Sie ist eigentlich ganz glücklich mit mir. Vielleicht stecken tatsächlich einige Elemente meiner Songs in mir?

Sie befinden sich auf dem vorläufigen Höhepunkt Ihrer Karriere. Wie schwierig ist es, die Balance zu finden? Gab es den Moment, in dem Ihnen all die Rekorde auch zu Kopf gestiegen sind?
Nein, nie, nicht die Rekorde. Was mich wirklich umgehaut hat, war, wie viele Menschen aus meiner Familie und meinem Freundeskreis sich plötzlich seltsam benommen haben. Wirklich seltsam. Ich glaube, daran sind nicht Ruhm und Erfolg schuld, sondern Geld. Im Lied „Money“ geht es darum. Als ich pleite war, hatte ich mehr Freunde als jetzt. Man glaubt automatisch, es müsste andersrum sein: dass man ­viele Freunde hat, wenn man viel Geld hat. Bei mir war es umgekehrt. Ich habe mich nicht verändert, aber die Menschen rund um mich haben sich verändert, seit ich Geld habe. Das hat wiederum mich verändert. Für mich war das keine große Sache, als ich plötzlich Geld verdient habe. Aber die Leute begannen sich immer komischer zu benehmen, und das macht dich im Gegenzug ein bisschen paranoid. Erfolg und Geld sind zwei Dinge, die dein Leben ­vergiften können.

Wie gehen Sie damit um?
Ich habe akzeptiert, dass die Welt mir auf diese Art, mit­teilen will, wer meine echten Freunde sind. Ich habe heute ungefähr zwölf wirklich gute Freunde, die ich seit Langem kenne, aber die sind wie der Fels in der Brandung.

Gleichzeitig sind Sie Stammgast in der Clique von US-Star Taylor Swift. Wie bekommt man diese zwei Welten unter einen Hut?
Ich wohne in meiner Heimatstadt und mache zweimal im Jahr mit meinen Kumpels Urlaub. Jeden Einzelnen von ihnen sehe ich übers Jahr verteilt öfter. Das ist meine gesunde Balance. Am 4. Juli habe ich mit Taylor Swift gefeiert, und zwei Tage später war ich bei der Party von einem Freund in Südlondon. Es ist nett, auf Partys mit berühmten Menschen zu gehen und von ihnen akzeptiert zu werden. Aber es ist genauso wichtig, ein ganz normaler Typ zu sein, der mit seinen Freunden in einem abgefuckten Kellerlokal in Peckham (Stadtteil Londons, Anm.) abhängt.

Und das können Sie?
Natürlich, das mache ich auch! Man muss nur die richtigen Plätze finden. Und ich vertraue meinen Freunden: Wenn die eine Party machen, sind auch alle anderen Gäste cool. Und um fair zu bleiben: Ich habe mir nie das Image eines überlegten, vorsichtigen Typen zugelegt. Wenn ich etwas Komisches tue oder sage, überrascht es niemanden. Wenn so etwas an die Presse gelangt, ist es ist keine Riesensache, weil es niemanden aufregt. Wenn Justin Bieber beim Haschischrauchen erwischt wird, ist es eine Sensation, weil er immer gesagt hat, er nimmt keine Drogen. Ich habe mich nie anders dargestellt, als ich bin. Deshalb kann ich auch bei nichts ertappt werden.

Ist das das Geheimnis, wie Prominente ein normales Leben führen können?
Vielleicht. Ich bin nicht interessant für Paparazzi, weil ich keine Überraschungen und damit keine Geschichten liefere. Ich bin nur ein Typ, der gern mit seinen Freunden abhängt.

Also haben Sie alles richtig gemacht.
Vielleicht ist es auch falsch, nicht jeden Tag in der Zeitung zu stehen – kommt darauf an, wie Sie es betrachten. Für mich fühlt es sich richtig an.

Haben Sie sich je überlegt, welches Image Sie vermitteln möchten?
Schaue ich aus, als würde ich mir Gedanken über mein Image machen? Habe ich nie. Ich habe mir auch nie überlegt, wie andere mich vielleicht sehen. Es gibt dieses Zitat, nach dem ich mein Leben gelebt habe: Es gibt keinen Schlüssel zum Erfolg. Aber der Schlüssel zum Misserfolg ist es, es jedem recht machen zu wollen. Schauen Sie: Mich und Sie gibt es nur einmal auf dieser Welt. Niemand kann so gut wir sein wie wir selbst. Wenn jemand versucht, so zu sein wie wir, kann er das nicht besser machen als wir. Ich habe im Lauf der Jahre gemerkt, dass so viel mehr Kraft darin steckt, wenn man ganz bei sich ist, als wenn man versucht, jemand anders zu sein. Ich kann nur aus der Masse stechen, solange ich ganz ich selbst bleibe. Als ich das erste Mal auf einer Bühne stand und meine Lieder gespielt habe, haben alle gedacht: Na, der schaut aber nicht aus wie ein Popstar. Nun bin ich ein Popstar, und die Musikbranche sucht nach mehr Popstars, die aussehen wie ich.

Wenn Menschen, die nicht den Star-Klischees entsprechen – wie Sie oder auch Adele – die größten Stars unserer Zeit sind: Was sagt Ihnen das über das Bedürfnis der Menschen?
Was ich so eigenartig finde, ist, dass wir zwei richtig erfolgreiche Künstler sind und die Plattenfirmen noch immer Künstler suchen, die wie wir aus­sehen. Hätten dieselben Leute mich oder Adele vor Jahren gesehen, hätten sie nicht geglaubt, dass wir je Erfolg haben würden. Unser Erfolg zeigt doch, dass man Leute unterstützen sollte, die gut sind, statt jemanden zu suchen, der klingt wie jemand, der gut ist. Das zeigt doch, wie eigenartig diese ganze Branche ist.

Welchen Anteil haben eigentlich Ihre Eltern an Ihrem Erfolg?
Mein Vater hat immer nur gesagt: „Egal was du im Leben tust, du musst hart dafür arbeiten.“ Er hat mir nie Stress gemacht, was die Schule angeht. Ich war ein schlechter Schüler. Aber es war klar, dass es, auch wenn ich mich für einen anderen Weg entscheide, kein Herumlungern gibt, sondern nur harte Arbeit.

Nach den weltweiten großen Erfolgen Ihrer ersten beiden Alben haben Sie gesagt, das wäre nur Vorbereitung und Training gewesen für heute. Klingt ein bisschen angeberisch.
Finde ich nicht. Jedes Album sollte behandelt werden, als wäre es das erste. Das will ich damit sagen: dass ich mit ­Demut an jede neue Aufgabe herangehe. Bisher habe ich nur geübt, nun fange ich wieder von vorne an. Das wird in fünf Jahren genauso sein. Ich werde nie selbstgefällig sein, egal wie viel Erfolg ich habe.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Printausgabe 31 2018