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Glyphosat:
Vertrauensvernichtungsmittel

Stefan Melichar © Bild: News/Ian Ehm

Es war der Zeitpunkt, als die Debatte über eine der umstrittensten Chemikalien der Welt auch in Österreich so richtig einschlug: Am 13. Juni 2013 brachte News eine Coverstory mit dem Titel "Gift im Essen". Ausgangspunkt war eine Studie der Umweltschutzorganisation Global 2000 gemeinsam mit dem internationalen Umweltnetzwerk Friends of the Earth in 18 europäischen Ländern. Diese ergab, dass 90 von 182 getesteten Personen den Pestizidwirkstoff Glyphosat bzw. ein Abbauprodukt davon in messbaren Mengen im Körper hatten. In Österreich waren 30 Prozent der Studienteilnehmer betroffen, in anderen Ländern sogar neun von zehn.

Seither ist das Thema nicht mehr verschwunden. Und das liegt auch daran, dass das Match um die neuerliche Zulassung für Glyphosat in der EU läuft. Dabei geht es nicht nur für die konventionelle Landwirtschaft um viel. Glyphosat ist der am meisten verwendete Pestizidwirkstoff und auch die Basis für das Geschäft mit gentechnisch veränderten Pflanzen auf riesigen Plantagen in Südamerika. Die dortigen Züchtungen sind immun gegen Glyphosat. Man kann also das Unkrautgift auch dann in rauen Mengen aufbringen, wenn die angebauten Pflanzen schon wachsen. Für Konzerne wie Monsanto stehen Milliarden auf dem Spiel.

Umweltorganisationen wiederum könnten zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Sie könnten ein - von der Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation WHO - als "wahrscheinlich krebserregend" eingestuftes Pestizid loswerden und der Gentechnik einen schweren Schlag versetzen.

Doch mittlerweile geht es auch für involvierte Gremien und Behörden, die Glyphosat gegen alle Bedenken erneut zulassen möchten, um viel. Der Chefchemiker von Global 2000, Helmut Burtscher, der sich seit Jahren mit dem Thema befasst, beschreibt in seinem neuen Buch "Die Akte Glyphosat"(Verlag Kremayr &Scheriau) minutiös Auffälligkeiten des Zulassungsverfahrens: übersehene Krebsbefunde bei Mäusen hier, Wissenschaftler mit Interessenkonflikten und blindem Vertrauen in Industriestudien da. Burtscher zitiert aus zahllosen Dokumenten. Und insgesamt stellt sich die Frage, ob die Art und Weise, wie Pestizidzulassungen in der EU laufen, tragbar ist.

Die EU-Behörden vertreten die Ansicht, Glyphosat sei sicher. Selbst, wenn es so wäre: Winken sie die Zulassung auf der im Buch beschriebenen Basis durch, ist ihre Glaubwürdigkeit stark in Gefahr. Spätestens dann wird das Pestizid auch noch zum Vertrauenvernichtungsmittel.

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