Epidemie von

Ebola: Impfstoff in Testphase

Ethische Fragen noch ungeklärt - Heilmittel reicht nicht für alle Erkrankten

Westafrika: Menschen nehmen an einer Kampagne gegen Ebola teil. © Bild: REUTERS/Luc Gnago

Jeden Tag sterben im Westen Afrikas Dutzende Menschen an der Ebola-Seuche - daher ist nicht zuletzt bei der Entwicklung eines Impfstoffs Eile geboten. Normalerweise dauert es Jahre, bis die Wirksamkeit eines neuen Präparats nachgewiesen ist und es alle Sicherheitsüberprüfungen durchlaufen hat. Diesmal soll dies weitaus schneller der Fall sein.

Gesundheitsbehörden, Wissenschafter und Pharmaunternehmen stehen angesichts des bisher schlimmsten Ausbruchs der Krankheit nun unter Zugzwang, nachdem Jahrzehnte lang keine Medikamente gegen Ebola auf den Markt gekommen sind. Innerhalb weniger Monate sollen erste Impfstoffe in der Krisenregion auch ohne die sonst üblichen Tests zum Einsatz kommen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hält dies unter bestimmten Umständen für vertretbar. Allerdings stellen sich eine ganze Reihe ethischer und praktischer Fragen. Denn ob die Mittel wirklich Schutz bieten, ist nicht geklärt. Außerdem wird zunächst nur eine geringe Zahl an Impfdosen bereitstehen.

Wirksamkeit nicht so schnell beweisbar

Noch gibt es weder einen Impfstoff noch ein Heilmittel gegen das Ebola-Virus, an dem in Westafrika bereits mehr als 3000 Menschen gestorben sind und sich mehr als doppelt so viele infiziert haben. Im November könnten es Prognosen zufolge 20.000 sein. Auch 375 Gesundheitsmitarbeiter haben sich angesteckt. Selbst wenn ein Medikament als sicher gilt, also keine gravierenden Nebenwirkungen hat, so dauert vor allem der Nachweis der Wirksamkeit gewöhnlich enorm lange - eine Zeit, die die Menschen in Westafrika nicht haben. "Dieses Mal werden wir mehr Risiken eingehen müssen", sagt Brian Greenwood von der Londoner Hochschule für Hygiene und Tropenmedizin. Wie das geschehen solle, sei aber noch nicht durchdacht.

Tests an Menschen gestartet

Der britische Pharmariese GlaxoSmithKline ist eines von mehreren Unternehmen, die mit Tests an Menschen begonnen oder diese angekündigt haben. Zu dem Kreis gehören auch die US-Firmen Johnson & Johnson, NewLink Genectics, Inovio Pharmaceuticals und Profectus Biosciences.

Von Glaxo könne ein Impfstoff noch vor Jahresende in Westafrika zum Einsatz kommen, sagt Adrian Hill vom britischen Jenner Institute. Voraussetzung sei, dass die unter seiner Leitung laufenden Sicherheitstests an gesunden Freiwilligen keine negativen Nebenwirkungen zeigten. Das Präparat hatte bei Tierversuchen ermutigende Ergebnisse gezeigt. Gleichwohl gebe es viele Probleme, die vor einer Bereitstellung des Impfstoffs zu lösen seien, betont Hill.

Wer bekommt Impfstoff?

Wer soll den Impfstoff bekommen und wer nicht? Kann man den Menschen guten Gewissens sagen, dass sie mit der Impfspritze vor Ebola sicher sind? Oder sollen sie sich weiterhin so schützen, als wären sie nicht geimpft? Wie soll in dem Falle dann der Nachweis erbracht werden, dass der Impfstoff wirkt? Sollen Gesundheitsmitarbeiter die Impfdosen zuerst angeboten bekommen? Welches der am meisten betroffenen Länder soll zuerst versorgt werden - Liberia, wo die Seuche am schlimmsten wütet oder Guinea, wo die Ansteckungsrate zurzeit konstant bleibt?

Fragen über Fragen, die Impfstoff-Spezialisten, Epidemiologen, Pharmafirmen und Ethiker in diesen Wochen und Monaten beschäftigen und die bis Dienstag auch bei einer Konferenz auf Einladung der WHO im Mittelpunkt standen.

Normalerweise testen Forscher einen Impfstoff, indem einer Kontrollgruppe von Freiwilligen ein Placebo verabreicht wird. Sie werden dann mit denjenigen verglichen, die das richtige Medikament bekommen haben. In einer Situation, in der eine tödliche Krankheit Städte und Dörfer heimsucht, erscheint dies jedoch undenkbar. Den Menschen in der Kontrollgruppe den Wirkstoff vorzuenthalten, erscheine ethisch nicht wirklich vertretbar, sagt Hill. Vor allem, wenn es hinreichende Hinweise gibt, dass die Impfung erfolgreich sein könne.

Medikament reicht nicht für alle

Der Oxforder Infektionsexperte Jeremy Farrar gibt zu bedenken, dass sich durch die begrenzten Vorräte ohnehin natürliche Kontrollgruppen ergäben. Forscher müssten zwangsläufig Gruppen mit und ohne Impfstoff miteinander vergleichen. Denn: Glaxo kann bis Ende des Jahres vermutlich nur rund 10.000 Impfdosen zur Verfügung stellen, Kanada hat bereits der WHO 800 Dosen eines Impfstoffs von NewLink zur Verfügung gestellt, am Ende dürften es maximal 1.500 sein.

Als Lösung zeichnet sich unter Wissenschaftlern daher ab, dass die ersten Dosen an Gesundheitshelfer gehen, die an vorderster Front ihr Leben riskieren. Sie sollen dann auf jeden Fall weiter alle notwendigen Schutzvorkehrungen treffen. Um dennoch etwas über die Wirksamkeit des Präparats zu erfahren, muss die Infektionsrate unter den Geimpften mit der von nicht-geimpftem medizinischen Personal verglichen werden. Die Arbeitsbedingungen beider Gruppen müssen allerdings vergleichbar sein.

Auch der Londoner Mikrobiologe Peter Piot, der das Virus im Jahr 1976 mitentdeckt hat, betont, die sonst übliche jahrelange Testphase sei keine Option. "Es kann sein, dass wir ohne einen Impfstoff diese Epidemie nicht wirklich stoppen können."

Kommentare