Duell der Erfolgstrainer bei Russland gegen
Spanien: Guus Hiddink gegen Luis Aragones

"Taktikfuchs" trifft auf den "Weisen von Hortaleza" Unterschiedliche Philosophien prallen aufeinander

Duell der Erfolgstrainer bei Russland gegen
Spanien: Guus Hiddink gegen Luis Aragones © Bild: AP/Ordonez

Das zweite Halbfinal-Duell der EURO 2008 zwischen Russland und Spanien steht auch im Zeichen des Aufeinandertreffens zweier Erfolgstrainer: Aufseiten der "Sbornaja" zieht "Taktikfuchs" Guus Hiddink die Fäden, während die iberische Auswahl von Luis Aragones, auch bekannt als der "Weise von Hortaleza", dirigiert wird. Obwohl beide Teamchefs bedingungslose Verfechter der modernen Fußball-Kultur sind, verfolgen sie unterschiedliche Philosophien, um zum Erfolg zu kommen.

Hiddinks Stärken liegen ganz klar darin, seine Mannschaft taktisch und mental perfekt auf einen Gegner einzustellen. Wie die "Sbornaja" das in der Gruppenphase noch so dominante niederländische Team im EM-Viertelfinale "entschärfte" und ganz klar beherrschte, faszinierte Fußball-Fans auf der ganzen Welt. Der 3:1-Erfolg nach Verlängerung über den Topfavoriten war das Resultat einer von Hiddink perfekt ausgeheckten und von den russischen Spielern tadellos umgesetzten Strategie.

"Fußball ist ja kein klassischer Coaching-Sport wie Basketball, Eishockey oder Volleyball, wo du als Trainer Auszeiten nehmen und den Spielverlauf dadurch beeinflussen kannst. Deshalb braucht man beim Fußball Spieler, die selbst Coaching-Fähigkeiten entwickeln und auf dem Platz einsetzen können. Ich kann dagegen ab dem Anpfiff fast gar keinen Einfluss mehr auf die Mannschaft nehmen. Ich darf lediglich dreimal wechseln und den Burschen in der Pause ein paar Worte sagen", erklärte Hiddink während der EM wiederholt, warum für ihn die taktische Vorbereitung mit Hilfe von DVD-Analysen so wichtig ist.

Hiddink als Mentaltrainer
Doch damit nicht genug, versteht es der 61-jährige Niederländer wie kein Zweiter, im Stile eines Mentaltrainers seinen Spielern einzutrichtern, dass sie auch als noch so großer Außenseiter alles erreichen können. "Er ist sehr wichtig für uns, weil er schon alles in seinem Leben erlebt hat. Er gibt uns dieses Vertrauen, dass wir gegen jeden Gegner gewinnen können. Er ist ein Super-Trainer", gab etwa Iwan Saenko, der einzige Legionär im russischen Team, nach dem 1:0-Sieg über EM-Titelverteidiger Griechenland zu Protokoll.

Und diese Ideal-Kombination aus Taktik- und Mental-Genie brachte Hiddink den Ruf des "Aufstiegsgaranten" ein, denn der Mann aus Varsseveld hat bisher mit all seinen Nationalteams die K.o.-Phase von Welt- und Europameisterschaften erreicht. Seine sensationellsten Erfolge waren dabei der WM-Halbfinaleinzug mit Gastgeber Südkorea 2002 und das WM-Achtelfinale mit Australien 2006 in Deutschland.

Guus bekannt als "König Midas"
Die russischen Journalisten preisen ihn nun, nachdem auch Russland den mit Abstand größten Fußball-Erfolg seit dem Zerfall der Sowjetunion erreicht hat, bereits als "König Midas", da er es geschafft hat, aus einem krassen Außenseiter, der sich nur mit extrem viel Glück für die EM qualifiziert hatte, einen EURO-Titelkandidaten mit goldener Zukunft zu formen. Und Staatspräsident Dmitri Medwedew will Hiddink, nach dem in der sibirischen Stadt Bolotnoje sogar ein neugeborenes Kind benannt worden ist und nun den Namen Guus Jewgenewitsch Gordonikow trägt, sogar zum russischen Ehrenbürger ernennen.

Luis Aragones wird dagegen erst zum Volkshelden avancieren, wenn es ihm gelingt, den von ganz Spanien so lang ersehnten zweiten großen Titel nach dem EM-Triumph 1964 zu erobern. Im Gegensatz zu Hiddink hält der bald 70-Jährige strategische Spielchen nur bedingt für sinnvoll. Er stellt die spielerischen Fähigkeiten seiner Elf in den Vordergrund.

Aragones stellt Taktik hinten an
"Taktik ist nicht das Um und Auf. Wir haben unsere Art und Weise zu spielen, und die wird sich nicht ändern", meinte Aragones auch vor dem Semifinalspiel gegen Russland. Im Grunde ist seine Fußball-Philosophie erstaunlich simpel. So lange die eigene Mannschaft den Ball in ihren Reihen hält, kann der Gegner theoretisch gar nichts Schlimmes anstellen.

Da ein permanenter Ballbesitz in der Praxis aber auch unmöglich ist, muss noch dazu die Verteidigung ihre Aufgaben optimal erledigen. "Wenn du zu null spielst, hast du zumindest nicht verloren." In K.o.-Spielen wie bei der EURO kommt dann im Zweifelsfall freilich noch die Lotterie des Elfmeterschießens dazu.

Eigenes Spiel an erster Stelle
Dennoch. Selbst wenn "Luis" über die jeweiligen Rivalen stets bestens informiert ist, hält er den Gegner für "nicht so wichtig". Denn: "Das Wichtigste ist, dass du im richtigen Moment zuschlägst. Man muss nur herausfinden, wie man ihn stoppen kann." Dass er mit diesem Ansatz in seiner Laufbahn nicht nur Erfolge einheimsen konnte, liegt auch daran, dass es dafür der geeigneten Spieler bedarf. Im spanischen Nationalteam hat er sie offenbar gefunden.

Zählt man das Viertelfinale gegen Italien als vollen Erfolg, selbst wenn es erst im Elfmeterschießen entschieden wurde, ist der "Weise von Hortaleza" bereits der erfolgreichste Teamchef in Spaniens Fußballgeschichte. Er hat - so gerechnet - 37 Siege auf dem Konto, einen mehr als Javier Clemente in der Zeit zwischen 1992 and 1998 verbuchen konnte. Der Baske benötigte dafür aber 62 Spiele, Aragones saß bisher 52 Mal auf der spanischen Bank. Und mit dem Aufstieg gegen Italien ist "La Roja" bereits seit 20 Spielen in Serie ungeschlagen. (apa/red)

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