Nachgefragt von

Sexsucht: Faule Ausrede
oder wirkliche Krankheit?

Nachgefragt - Sexsucht: Faule Ausrede
oder wirkliche Krankheit? © Bild: iStockphoto.com

Sexsucht. Gibt es sie wirklich oder ist sie bloß eine bequeme Ausrede für untreue Seelen? Und wie äußert sich die echte oder vermeintliche Sucht auf Sex? Im Interview mit dem Lebens-, Sozial- und Sexualberater Dr. Dieter Schmutzer gingen wir diesen Fragen auf den Grund.

Sucht ist eine Krankheit, eine psychische und/oder physische Abhängigkeit von einer Substanz (wie etwa Drogen) oder einer Handlung, z.B. Arbeit, Sport - oder Sex. Von Sucht spricht man dann, wenn eine Person die Kontrolle über ihr Verhalten verloren hat, eine gewisse Handlung häufig ausführt, die erhoffte Befriedigung jedoch ausbleibt. Der Betroffene empfindet dabei einen starken Leidensdruck.

Echte Sexsucht oder faule Ausrede?

Wie steht es nun um die Sexsucht? Gibt es sie wirklich oder dient sie Personen, die es in einer Beziehung mit der Treue nicht so ernst nehmen, bloß als bequeme Ausrede? Dazu Dr. Schmutzer: "Sexsucht wird in den allermeisten Fällen als Ausrede verwendet. Mit einer wirklichen Sucht hat das aber nichts zu tun." Viel mehr hängt das Ganze mit Unreife, dem Mangel an gutem Benehmen und der richtigen Erziehung zusammen. Auch geht es um eine Machtdemonstration, ganz nach dem Motto "Ich kann mir das leisten". Mit anderen Worten: Der Betroffene frönt seinen sexuellen Abenteuern nach Lust und Laune, um nicht zuletzt sein Ego zu stärken. Die Verantwortung für sein Verhalten gibt er ab, indem er seinen Trieben die Schuld zuschiebt.

»Sexsucht wird in den allermeisten Fällen als Ausrede verwendet«

Gibt es Sexsucht?

Natürlich gibt es Personen mit einem schwächeren und solche mit einem stärkeren Sexualtrieb. Für gewöhnlich hat man diesen aber im Griff. Dennoch: Sexsucht gibt es tatsächlich. Anders als z.B. bei der Drogensucht ist sie eine psychische Abhängigkeit ohne körperliche Zerstörungserscheinungen. "Grundlage der Sexsucht ist natürlich ein stark ausgeprägter Sexualtrieb", so der Experte. Die Sucht äußert sich sodann darin, dass der Betroffene sein Sexualverhalten nicht unter Kontrolle hat.

Wie kommt es zur Sexsucht?

In erster Linie muss man nach dem Ursprung der Sucht fragen. "Es geht immer darum nachzuschauen, was dahinter steckt. Welches Motiv, welche Triebfeder bedingen die Sucht?" Oder: "Was entbehre ich?" Denn, so der Experte: "Oft ist ein Mangel an Selbstwert, an Zuwendung oder Nähe" der Ursprung der Sexsucht. Mittels sexueller Exzesse versucht sich der Betroffene ersatzweise Befriedigung zu verschaffen - erfolglos. "Hier steckt ein wirklicher Leidensdruck dahinter. Die Menschen leiden, weil ein bestimmtes Bedürfnis nicht befriedigt wird", betont Dr. Schmutzer.

»Hier steckt ein wirklicher Leidensdruck dahinter«

Echte oder vermeintliche Sexsucht?

"Bei einer Sucht wartet man nicht auf eine Gelegenheit, die sich einem bietet", so Dr. Schmutzer. Anders bei den angeblich Sexsüchtigen. Sie nehmen die Möglichkeiten sexueller Abenteuer wahr, die sich ihnen bieten - und schaffen sich darüber hinaus noch zusätzliche Gelegenheiten. Keine Rede aber von einem Kontrollverlust. Daher handelt es sich hier auch nicht um eine Sucht, sondern vielmehr um eine "Mischung aus einem starken Sexualbedürfnis, gepaart mit einer gewissen Leichtfertigkeit hinsichtlich der Loyalität gegenüber dem Partner und einer egoistischen Verhaltenstendenz".

Ist Sexsucht heilbar?

Sexsucht ist, wie jede andere Sucht auch, heilbar. Allerdings ist hier gutes Zureden zu wenig. Da bedarf es schon einer Therapie - und zwar auf der Verhaltensebene. Der Patient muss einerseits lernen, aufgestaute Spannungen auszuhalten, und anderseits einen Weg finden, diese Spannungen abzubauen.

Kommentare