Droht etwa ein neuer "Nahost-Konflikt"? Ankara gibt sein "go" für Irak-Intervention

Reaktion auf hohe Verluste im Kampf gegen die PKK Experten: Nutzen türkischer Intervention zweifelhaft

Unter dem Eindruck hoher Verluste der türkischen Armee im Kampf gegen die Kurdenrebellen der PKK (Arbeiterpartei Kurdistans) hat die Regierung in Ankara den Militärs grünes Licht für eine Intervention im benachbarten Nordirak gegeben. Unter dem Vorsitz von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan beschloss ein Regierungsausschuss für die Terrorbekämpfung, die Präsenz der PKK in Nordirak müsse "beendet werden".

Als ein Instrument wurde ausdrücklich eine "grenzüberschreitende Operation" genannt. Ein türkischer Einmarsch in Irak würde die Gefahr eines bewaffneten Konfliktes zwischen der Türkei und der kurdischen Autonomieregierung in Nordirak und damit einen neuen Regionalkonflikt im Nahen Osten heraufbeschwören. Experten zweifeln aber am Nutzen einer türkischen Intervention.

Die PKK unterhält in Nordirak ihr Hauptquartier, steuert von dort aus Angriffe auf Ziele in der Türkei und kann sich im Irak zudem mit Waffen versorgen. Die Türkei verlangt seit Jahren von Bagdad und Washington entschlossene Schritte gegen die rund 3000 bis 5000 Kurdenrebellen, doch bisher ist nichts geschehen.

Die türkische Armee hat zehntausende Soldaten an der rund 330 Kilometer langen Grenze zum Irak stehen und begann nach kurdischen Angaben bereits mit dem Beschuss von Zielen auf irakischem Boden. Das PKK-Hauptquartier in den irakischen Kandil-Bergen liegt allerdings außerhalb der Reichweite der türkischen Artillerie - wenn sie die PKK-Stützpunkte zerstören wollen, müssen die Türken entweder Bodentruppen, Hubschrauber oder Kampfflugzeuge schicken.

Im einzigen relativ stabilen Teil des Irak droht damit ein neuer Konflikt. Mehrere führende Vertreter der nordirakischen Autonomieregierung hatten die Türkei in den vergangenen Monaten vor einer Intervention auf ihrem Territorium gewarnt. Der Präsident der Autonomieregierung, Massud Barzani, hatte sogar damit gedroht, seinerseits die Kurden in der Türkei gegen Ankara aufzustacheln. Die irakischen Kurden befürchten, dass die türkischen Truppen nicht nur gegen die PKK vorgehen würden, sondern auch gegen die kurdische Selbstverwaltung im Nordirak, die von Ankara als Keimzelle eines eigenständigen Kurdenstaates misstrauisch beobachtet wird.

Selbst wenn eine türkische Intervention in Irak wahrscheinlicher geworden ist - Experten bezweifeln, dass ein Angriff auf das Nachbarland auch zweckmäßig wäre. Sie verweisen auf mehr als zwei Dutzend ähnliche Interventionen seit den achtziger Jahren, die der PKK nicht den Garaus machen konnten. Wenn eine Militärintervention wirklich die Lösung wäre, dann wäre das Thema PKK doch längst erledigt, kommentierte die Zeitung "Milliyet".

Zudem würden irakische Kurdenpolitiker wie Barzani durch einen türkischen Angriff zu "Helden" gemacht - die Türkei verstärke damit den Trend zur Gründung eines Kurdenstaates, sagte der Politikwissenschaftler Sedat Laciner im Fernsehen. Auch müsse man sich fragen, was eine Intervention konkret bringen solle: Seit dem Beginn des PKK-Kampfes 1984 seien rund 25.000 kurdische Kämpfer getötet worden - doch der Konflikt sei immer noch nicht beendet. Selbst die türkische Armeeführung hatte in den vergangenen Tagen eingeräumt, der Staat habe im Kurdenkonflikt versagt. Die Armut, die hohe Arbeitslosigkeit und die soziale Rückständigkeit des türkischen Kurdengebietes treiben der PKK immer wieder neue Kämpfer zu.

(apa/red)