"Dreigroschenoper" von

Gangster und Huren

Maria Bill und Katharina Straßer am Volkstheater und im großen NEWS-Interview

"Dreigroschenoper" - Gangster und Huren © Bild: NEWS/Vukovits

Schon hatte man den alten Brecht mit seinem antikapitalistischen Lehrtheater abgemeldet. Da übernahmen die Schieber die Macht und sind im Begriff, die Welt zu zerstören. Brecht/Weills „Dreigroschenoper“ ist da das Stück der Stunde: Verbrecher und Korruptionisten regieren London, der Bettlerkönig Peachum schickt die Elenden und Entstellten auf die Straßen wie im Wien des 21. Jahrhunderts. Am Volkstheater inszeniert Direktor Michael Schottenberg. Maria Bill, 63, ist die Prostituierte Jenny, Katharina Straßer, 29, die Gangsterbraut Polly.

NEWS: Offenbar hat Brecht Recht behalten.
Bill: Die Gegenwart schreibt das letzte Kapitel der „Dreigroschenoper“. Dieses Stück ist brandaktuell. Man würde nicht glauben, dass das in Berlin 1928 uraufgeführt wurde. Es hat sich seither nichts geändert, nur die Kontraste wurden stärker, die Verzweiflung und die Verbrechen wurden größer. Wir werden bald Brot gegen ein Lied eintauschen. Es ist so beängstigend, weil es keine Hoffnung auf Verbesserung gibt, keinen Plan und keinen reitenden Boten.
Straßer: Die Thematik ist aktueller als je zuvor. Wir sind doch ständig von korrupten Menschen umgeben, und das nicht nur in der Politik.

NEWS: Interessant auch, dass der Verbrecher Mackie Messer eine Bank gründet.
Bill: Heute wiederholen sich absolut ähnliche Situationen. Die Menschen verteidigen ihren Besitz, und sei es mit Waffengewalt, Lügen und Falschmeldungen. Es hat sich nichts geändert. Im Gegenteil, es ist noch krasser geworden. Brecht brachte die Situation auf den Punkt.

NEWS: Sie haben die Jenny schon vor sieben Jahren am Hamburger St. Pauli Theater gespielt. War die Aktualität damals schon spürbar?
Bill: Inzwischen hat sich die politische Situation zugespitzt. Es herrscht meiner Meinung nach Endzeitstimmung.

NEWS: Spüren Sie Existenzangst?
Straßer: Die hatte ich noch nicht.
Bill: Auf der Bühne vergisst man sie. Aber im wirklichen Leben ist die Bedrohung eines Wirtschaftszusammenbruchs präsent. Eine Angst, die in diesem Ausmaß neu für mich ist.
Straßer: Ich kann mir nicht vorstellen, dass einmal niemand mehr ins Theater geht. Wenn es den Leuten schlecht geht, wollen sie doch umso mehr unterhalten werden. Und bis jetzt hatte ich immer einen Job.
Bill: Aber auch dafür brauchen sie Geld. Ich habe einen Bericht über eine kleine Gemeinde in Russland gelesen, die aus Not eine eigene Währung erfunden hat, die auf einer Art Tauschhandel basiert. Für eine Gesangsstunde erhält man zum Beispiel zwei „TAM“ und kann sich dafür Lebensmittel kaufen.
Straßer: So etwas hab ich vor kurzem in einem Film mit Justin Timberlake gesehen. Man konnte mit Zeit bezahlen. Ein Kakao kostet zehn Minuten.

NEWS: Machen die Umstände die Menschen selbstsüchtig? Bei Brecht heißt es: „Ein guter Mensch sein. Wer wär’s nicht gern. Doch die Verhältnisse sind nicht so.“
Straßer: Brecht hält doch immer seinen Spiegel vor, daran kommt man nicht vorbei. Und darum berührt einen das so stark.
Bill: Man wird durch dieses Stück nicht belehrt. Man erkennt die aktuelle gesellschaftliche Situation.

NEWS: Kann man überhaupt noch an das Gute im Menschen glauben?
Bill: Es gibt Momente, in denen man an das Gute glauben darf, zum Beispiel während des Stücks „Die Reise“, einem Projekt für 30 Migranten am Volkstheater. Das ist Theaterkunst wie Malerei. Und, ja, es gibt ein paar wenige gute Menschen, aber die hat es immer gegeben. Ute Bock, Mahatma Gandhi, Albert Schweitzer, Mutter Teresa, die leuchten wie das letzte Symbol der Menschheit. Diesen Persönlichkeiten verleiht man dann zum Beispiel Preise, wenn sich Politiker aufputzen wollen.

NEWS: Kann Theater etwas bewirken?
Straßer: Ich glaube schon, sonst würden wir gar nicht auf die Bühne gehen. Wenn ich aber als Zuschauer im Theater bin, geht es mir oft gar nicht so sehr um Inhalte. Mich berühren Situationen und Geschichten. Natürlich hofft man, dass die Zuschauer bei einem Stück wie der „Dreigroschenoper“ auch an Dinge wie die Wirtschaftskrise denken. Aber mich interessieren Einzelschicksale. Und ich glaube daran, dass unsere Arbeit beim Publikum ankommt. Deswegen gehen die Leute doch ins Theater.

NEWS: „Die Dreigroschenoper“ stellt auch hohe Anforderungen an Sie als Sängerinnen. Wie bewältigt man die?
Straßer: Wir singen die Originalfassung. Die Höhen sind manchmal eine Qual, aber zu schaffen. Ich wollte nicht, dass man meine Rolle in eine tiefere Tonlage transponiert. Ich übe sehr intensiv, und meine Stimme wird immer besser. Beim Sprechtheater fehlt mir die Musik oft sehr. Möglich, dass an mir eine Musical- Tussi verlorengegangen ist. Aber ständig dasselbe Stück en suite zu spielen, möchte ich mir gar nicht vorstellen. Aber in die Musik einzutauchen ist wie ein Traum. Bill: So schön wie Fliegen.

NEWS: Frau Bill, stört es Sie, dass Sie heute, egal was Sie spielen, für ein großes Publikum immer Edith Piaf bleiben?
Bill: Es stört mich ein bisschen, dass von mir die Piaf-Darstellerin bleiben wird. Ich habe doch so viel mehr gemacht. Aber am Ende ist das auch nicht das Schlechteste, was einem passieren kann.

NEWS: Frau Straßer, fürchten Sie, dass Ihnen das mit der Eliza aus der Volksopern-„ My Fair Lady“ passiert?
Straßer: Überhaupt nicht. Ich spiele das doch nur ein paar Mal im Jahr.

NEWS: Sind Sie noch nervös vor Ihren großen Chansonabenden?
Bill: Nervosität ist immer mit dabei. Man muss nur lernen, damit umzugehen, sodass sie nicht stört. Vor kurzem, bei einem Konzert mit dem Tonkünstler-Orchester im Musikverein, hat mich die Freude an der Musik so getragen, dass die Nervosität draußen blieb.
Straßer: Wenn man das schafft, könnte man immer weitersingen.