Dragon's Dogma von

Böser (D)rachenputzer im Test

Sensationelle Action, schwaches Gerüst: Capcom's Ausflug in westliche Rollenspielgefilde

Dragon's Dogma - Böser (D)rachenputzer im Test © Bild: Capcom

Es hat ein wenig etwas von Dark Souls: Wie im schwersten Rollenspiel der jüngeren Vergangenheit findet man sich auch bei Dragon's Dogma rasch in vermeintlich unschaffbaren Kämpfen gegen turmhohe Monster verstrickt und nimmt endlose Marschrouten in einer frei begehbaren Fantasy-Welt auf sich, die hinsichtlich Dauer allein schon ganze Spiele füllen könnten. Und zu bitterbösen Flüchen und Verzweiflungsschreien verleiten: Allzu oft ist diese Tortur Selbstzweck, die erhoffte Belohnung in Form eines tiefgreifenden Erzählkonstrukts erleidet mitunter nämlich Totalausfall.

Es ist ein recht unkonventioneller Trip für Xbox 360 und Playstation 3, auf den sich Entwickler Capcom eingelassen hat. Die asiatische Edelschmiede beschreitet mit Dragon's Dogma nämlich einen stilistischen Weg, der eigentlich eher für westliche Vertreter des Fantasy-Rollenspiels üblich ist.

Durch und durch ziemlich herzlos
Dragon's Dogma erzählt die Geschichte eines buchstäblich herzlosen Helden. Das Herz des namenlosen Hauptcharakters wird nämlich zu Beginn von einem Drachen herausgerissen und aufgegessen. Anstatt zu sterben, überlebt der Beraubte auf wundersame Art und Weise und beschließt nach seinem Erwachen, sich auf die Suche nach dem Vielfraß und seinem fehlenden Organ zu machen.

Was dann im Verlauf des rund 50 Stunden langen Abenteuers passiert, kann sich jeder leider jetzt schon ungefähr ausrechnen. Denn das Erzählkonstrukt von Dragon's Dogma ist mindestens genauso herzlos wie sein Held. In Wahrheit könnten die Charaktere die ganze Zeit über Kochrezepte und Bedienungsanleitungen japanischer Schreibmaschinen reden und es würde keinen Unterschied machen. Langweilige Zwischensquenzen, zermürbende Dialoge und keine Entscheidungsmöglichkeiten trüben die Inszenierung ungemein.

Fragwürdige Ungereimtheiten
Was mit eigener Fantasie noch ein wenig zu relativieren wäre, erleidet mitunter endgültigen Schiffbruch, wenn sich ein paar eigenartige Entscheidungen im Spieldesign hinzugesellen. Am nervigsten mag der unnötige Zeitttöter sein, dass man im Gegensatz zu den meisten aktuellen Genrevertretern keine Schnellreisen durch die Fantasywelt Gransys antreten kann. Es gibt zwar ein Item, mit man sich teleportieren kann, das ist allerdings selten und teuer. Im Normalfall bedeutet dieser Umstand also, dass man nicht selten eine halbe Stunde durch die Welt marschiert, um zur nächsten Quest zu kommen.

Hat man dann auch noch das Pech, dabei die Dämmerungsgrenze von Gransys zu überschreiten, wird man so stark von der Nacht eingehüllt, dass man selbst mit Laterne nur ein paar Meter weit sieht. Denkbar ungünstig, wenn diverse Gruselgestalten an die Oberfläche kommen und einem das Leben zur Hölle machen. Der Spieledramatik und letztlich auch -taktik mag dies natürlich entgegenkommen, über den Verlauf des ganzen Spiels ist aber auch das dem Spielspaß nicht immer zuträglich.

Legendäre Kämpfe, smarte Gefährten
Aber genug der Schattenseiten, im wahrsten Sinne des Wortes. Dragon's Dogma hat nämlich auch gewaltige Stärken. Mit Abstand am beeindruckendsten und äußerst referenzverdächtig gestalten sich Kämpfe gegen die spektakulären Kreaturen von Gransys: Chimären, Zyklopen, Drachen, Riesenschlangen, Golems und unzählige weitere furchterregenden Fantasien westlicher Mythologien lassen dieses Rollenspiel in Kombination mit einem packenden Kampfsystem förmlich aufblühen.

Neben ausgefeilten Charakterklassen sorgt ein total innovatives Vasallensystem für fantastische Spieltiefe. Ein Vasalle kämpft fix an der Seite des Spielers, zwei weitere können nach Belieben im Kampf gegen das Bestiarium von Gransys hinzugezogen werden. Der Clou daran: Jeder Vasalle hat bestimmte Kenntnisse zu Quests und/oder Gegnern, die für den Fortschritt im Spielverlauf essenziell sein können. Und als ob das nicht schon stark genug wäre, können alle Spieler von Dragon's Dogma ihre Vasallen online untereinander austauschen. Eine wirklich tolle Idee, die sich Genre-Kollegen künftig ruhig abkupfern könnten. Schade allerdings - um auf hohem Niveau zu jammern - dass man online nicht gleich miteinander in den Kampf ziehen kann.

NEWS.AT Fazit
Dragon's Dogma hätte das Spiel der Spiele unter Hardcore-Gamern sein können, der heilige Gral für hartgesottene Rollenspieler, der neue Meilenstein eines Genres, in dem ohnehin nur viel zu selten frischer Wind weht. Stattdessen bleibt unterm Strich "nur" ein ganz gutes Rollenspiel übrig, dessen sensationelle Action und geniales Artwork von fragwürdigen Entscheidungen im Spieldesign und komplett verkorkster Story wieder vom Olymp gerissen werden. Bleibt zu hoffen, dass die Entwickler mit einem zweiten Teil die Chance bekommen, alles richtig zu machen.