"Dr. Tod" gestorben - oder etwa doch nicht?
Zweifel an Ableben des Nazi-Verbrechers

"Haben kein Grab, keine Leiche, haben keine DNA" Deutsche Fahnder suchen nun Überreste von Heim

"Dr. Tod" gestorben - oder etwa doch nicht?
Zweifel an Ableben des Nazi-Verbrechers © Bild: APA/DPA/ZDF

Der meistgesuchte NS-Verbrecher Aribert Heim alias "Dr. Tod" ist vermutlich tot. Wie ein Sprecher des baden-württembergischen Landeskriminalamtes in Stuttgart mitteilte, liegen der Behörde ernstzunehmende Informationen vor, wonach der gebürtige Österreicher 1992 in Kairo gestorben sein soll. Das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) und die "New York Times" hatten zuvor berichtet, dass der berüchtigte frühere KZ-Arzt 1992 im Alter von 78 Jahren in Kairo an Krebs gestorben sei.

Zweifel am Tod des Nazi-Verbrechers äußerte dagegen das Simon-Wiesenthal-Zentrum in Jerusalem. "Wir haben kein Grab, wir haben keine Leiche, wir haben keine DNA", sagte der Leiter des Zentrums in Jerusalem, Ephraim Zuroff. Der Chef der weltweit größten Fahndungsstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg, Kurt Schrimm, hatte Heim zuletzt in Südamerika oder Spanien vermutet.

Deutsche Fahnder wollen in Ägypten nach der Leiche des ehemaligen KZ-Arzts suchen lassen. Man habe "ernstzunehmende Informationen", wonach der seit 1962 gesuchte mutmaßliche NS-Verbrecher 1992 in Kairo gestorben sei, teilte das LKA mit. "Für einen 100-prozentigen Beweis brauchen wir die sterblichen Überreste des Toten." Auch das österreichische Justizministerium lässt die Berichte über den Tod des Arztes prüfen. Bei der Staatsanwaltschaft Linz laufe noch ein Strafverfahren gegen Heim.

Der Islam als Tarnung
Laut ZDF und "New York Times" habe Heim seit 1963 in Ägypten gelebt. Er sei als Tarnung zum Islam übergetreten und habe den Namen Tarek Farid Hussein angenommen. Am 10. August 1992 sei er in Kairo an Krebs gestorben und sei auch dort beerdigt worden. Heim habe zwar gewünscht, dass sein Leichnam für medizinische Zwecke zur Verfügung gestellt werde. Da dies nach islamischem Recht verboten ist, sei Hussein alias Heim offenbar auf einem Armenfriedhof nahe der Kairoer Altstadt begraben worden. Weil die Grabstellen nach einigen Jahren wieder freigegeben werden, sei die Chance, sterbliche Überreste zu finden, gering.

Aribert Heim war die Nummer Eins auf der jüngsten Liste der meistgesuchten NS-Kriegsverbrecher des Simon-Wiesenthal-Zentrums, das Nazi-Verbrecher sucht. Der 1914 im steirischen Bad Radkersburg Geborene promovierte 1940 in Wien zum "Doktor der gesamten Heilkunde". Heim arbeitete in den Konzentrationslagern Sachsenhausen (1940), Buchenwald (1941) und Mauthausen. Im oberösterreichischen KZ soll er Hunderte Häftlinge auf brutale Art und Weise umgebracht haben, unter anderem mit tödlichen Injektionen direkt ins Herz.

Heim praktizierte nach dem Krieg im deutschen Baden-Baden als Frauenarzt und war seit 1962 auf der Flucht. Heim wurde aufgrund eines Haftbefehls des Landgerichts Baden-Baden international gesucht. Es seien bereits 1965 und 1967 Hinweise eingegangen, dass Heim Ende der 60er Jahre in Ägypten gearbeitet haben soll, teilte das LKA mit. "Die Überprüfungen der ägyptischen Behörden konnten dies aber nicht bestätigen." Heims Sohn Rüdiger bestätigte nun, dass sein Vater jahrelang in Kairo lebte und dort starb. Im ZDF-Interview berichtete Rüdiger Heim detailliert über die Begegnungen mit seinem Vater zwischen 1975 und 1992.

Medienkampagne des Sohnes?
Zuroff hegte den Verdacht, dass der in Baden-Württemberg lebende Rüdiger die ganze Sache orchestriert und die Informationen an die Medien gegeben habe. Rüdiger Heim habe früher ausgesagt, er habe keinen Kontakt zu seinem Vater gehabt. "Entweder hat er damals gelogen, oder er lügt heute", betonte Zuroff. Sollten sich die Todesnachrichten bestätigten, würde Zuroff "ein enormes Gefühl von Frustration und Enttäuschung empfinden, wenn Heim tatsächlich der Justiz entkommen wäre". Die Bemühungen, Heim zu finden, bereue er aber keinesfalls. "Im Jahr 2005, als wir begannen, wussten nur sehr wenige Menschen von seinen Verbrechen, und jetzt weiß die ganze Welt davon."

(apa/red)