Doris Lessing mit 87 Jahren geehrt: Vom "Goldenen Notizbuch" zum Nobelpreis BILD

Autorin erhielt 1981 Österreichischen Staatspreis Geschlechter und Rassen sind Lessings Lebensthema

Die britische Schriftstellerin Doris Lessing war bereits seit so langer Zeit für höchste literarische Ehren gehandelt worden, dass sie zuletzt kaum mehr jemand auf seiner Rechnung hatte. "Das geht jetzt seit 30 Jahren so, und es wird etwas öde", sagte sie noch vor zwei Jahren, zum wiederholten Mal auf den Nobelpreis angesprochen, "Ich rede nie darüber, es sind immer nur die anderen." 26 Jahre nachdem Lessing mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur ausgezeichnet wurde, erhält die in London lebende Autorin, die am 22. Oktober ihren 88. Geburtstag feiert, nun den Literaturnobelpreis - als "Epikerin weiblicher Erfahrung, die sich mit Skepsis, Leidenschaft und visionärer Kraft eine zersplitterte Zivilisation zur Prüfung vorgenommen hat".

"Das goldene Notizbuch", das allgemein als ihr Hauptwerk gehandelt wird, erschien bereits 1962. Das "Kultbuch der Frauenbewegung", wie das komplexe Werk gerne genannt wird, verbindet Politik und Privatheit, Fiktion und Dokumentation und stellt engagierte und emanzipierte Frauen in den Mittelpunkt und zeigt die Unmöglichkeit einer einzigen gültigen Perspektive. "Das Buch hat eine große Vitalität. Ich hatte damals ganz klare Vorstellungen. Aber das war alles völlig außerhalb meiner Kontrolle. Es war die Zeit, in der ich lebte", kommentierte sie später.

"Ich liebe es, Geschichten zu erzählen", meinte sie einmal. "Es ist so aufregend, etwas niederzuschreiben, das einen in den Bann gezogen hat." Und erlebt hat Lessing, deren neuer Roman "Die Kluft" im Verlag Hoffmann und Campe kürzlich auf Deutsch erschienen ist, tatsächlich jede Menge - allerdings sie sich vorgenommen, den bisher erschienenen zwei Bänden ihrer Autobiografie ("Unter der Haut", 1994, und "Schritte im Schatten", 1997), die Lessings Leben bis 1962 nacherzählen, keinen dritten Teil folgen zu lassen. Sie könne es ihren Freunden "nicht antun", über die 60er Jahre zu schreiben. "Viele von ihnen sind jetzt mittleren Alters und sehr bekannte Leute. Es könnte sehr peinlich für sie werden."

In Persien geboren
Doris Lessing wurde am 22. Oktober 1919 als Doris May Taylor von englischen Eltern im damaligen Kermanschah in Persien (dem heutigen Baktharan im Iran) geboren. 1925 übersiedelte die Familie in das damalige Südrhodesien, das heutige Simbabwe. Nach Kloster- und Mädchenschule brach die 14-Jährige ihre Schullaufbahn ab und arbeitete als Kindermädchen, Telefonistin, Büroangestellte, Stenografin und Journalistin. Nach zwei Ehen zog sie mit ihrem Sohn Peter nach London, wo sie sich bald als Schriftstellerin etablierte und sich politisch engagierte - bei den Kommunisten, gegen Atomwaffen, gegen das Apartheid-Regime in Südafrika. In "Rückkehr nach Afrika" (1992) beschrieb sie ihren ersten Besuch im Land ihrer Jugend, den sie nach jahrelangem Einreiseverbot 1982 unternehmen konnte.

Ihr erster Roman erschien 1950 ("The Grass is Singing"; als "Afrikanische Tragödie" 1953 auf Deutsch) - wie in vielen späteren Werken beschäftigte sie sich in ihm mit den Gegensätzen zwischen den Geschlechtern und den Rassen. Immer wieder schrieb Lessing ganze Zyklen: Gleich mehrere Romane ("Martha Quest", 1951, "Eine richtige Ehe", im Original 1954, u.a.), widmete sie der Emanzipation und Bewusstseinsbildung ihrer Figur Martha Quest, den 1979-1984 erschienenen Romanzyklus "Canopus in Argos: Archive" nannte Lessing einmal als ihre wichtigsten Bücher. Wie schon bei früheren Werken sind auch diese Science-Fiction-Romane, die die Entwicklung der Menschheit nach einem Atomkrieg zeigen, von den Ideen des Sufismus beeinflusst.

In den vergangenen Jahren erschienen u.a. "The Good Terrorist" (1985, als "Die Terroristin" 1986 auf Deutsch erschienen), der Thriller "The Fifth Child" (1988, "Das fünfte Kind") und der Zukunftsroman "Mara und Dann" (1999, auf Deutsch 2001), dem sie eine Fortsetzungen folgen ließ. Auch in dem neuen Roman "Die Kluft" beschäftigt sie sich mit ihrem Lebensthema, dem Verhältnis zwischen Männern und Frauen - erste werden sich in dem Buch als "Zapfen" bezeichnet, letztere als "Spalten". Den Männern kam die neue Nobelpreisträgerin, die sich gegen einen Feminismus wehrte, der darauf hinauslaufe, "auf Männer einzudreschen", allerdings immer wieder auch zu Hilfe: "Ich bin zunehmend schockiert über die gedankenlose Abwertung von Männern, die so sehr Teil unserer Kultur geworden ist, dass sie kaum noch wahrgenommen wird", sagte sie einmal. (apa)