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Doping: Russland droht Olympia-Aus

Welt-Anti-Doping-Agentur hat Beweise für vom Staat angeordnetes Doping

Olympia Russland © Bild: imago/Annegret Hilse

Beim russischen Geheimdienst müssen damals ordentlich die Korken geknallt haben. "Olympia in Sotschi war ein Meilenstein im Kampf gegen Doping", schwärmte die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) vor zwei Jahren in ihrem Abschlussbericht über die Winterspiele 2014 in dem russischen Schwarzmeerort. Die WADA verpasste Gastgeber Russland damit das ersehnte Gütesiegel gegen jeden Betrugsverdacht.

Heute klingen die Worte wie purer Hohn. Denn glaubt man Moskaus damaligen Anti-Dopingchef Grigori Rodschenkow, war Olympia in Sotschi eine massive Täuschung - unter Mitwirkung des Inlandgeheimdienstes FSB. So ist es jedenfalls im aktuellen WADA-Bericht zu lesen, der Staatsdoping in Russland anprangert. Die stolze Sportnation sieht sich mit dem Rücken zur Wand - an einem ihrer glanzvollsten Jahrestage.

Vor genau 36 Jahren, am 19. Juli 1980, wurden in Moskau feierlich die Olympischen Sommerspiele eröffnet. Bereits damals war das Turnier überschattet von westlicher Kritik. Viele Länder boykottierten Olympia in Moskau wegen des Einmarsches der UdSSR in Afghanistan.

Urinproben heimlich getauscht

Im Visier steht vor allem der Whistleblower Rodschenkow . Russlands früherer Anti-Dopingchef packte nach seiner Flucht in die USA über unsaubere Praktiken während der Winterspiele in Sotschi aus. Demnach wurden Urinproben heimlich durch ein Loch in der Wand ausgetauscht. Rodschenkow müsse man wegsperren, polterte der Chef des Sportausschusses im russischen Parlament, Dmitri Swischtschjow.

»Angriff ist die beste Verteidigung«

Sein Abgeordnetenkollege Igor Lebedew forderte gar einen Boykott von Olympia im August in Rio de Janeiro. Damit könne Russland einem drohenden Komplettausschluss von den Sommerspielen zuvorkommen, meinte der Parlaments-Vizechef: "Angriff ist die beste Verteidigung."

Putins Reaktion

Russlands Präsident Wladimir Putin reiste nach dem schockierenden WADA-Bericht über Staatsdoping bei Olympia in Sotschi erst einmal nach - Sotschi. Offiziell stand ein Besuch des Kinderheims "Sirius" auf dem Programm. Demonstrativ wollte der Kremlchef, der nach Veröffentlichung des Berichts zur Besonnenheit aufgerufen hatte, zur Tagesordnung übergehen. Aber in der Hauptstadt überschlugen sich währenddessen die Reaktionen auf die massiven Vorwürfe der WADA.

Eine "Kollektivstrafe" nannte Putin die Aussicht darauf, dass das Internationale Olympische Komitee (IOC) alle russischen Sportler für die Sommerspiele in Rio de Janeiro (5. bis 21. August) sperrt. Doch so hart eine solche Entscheidung für unschuldige russische Sportler auch wäre: Der Begriff "Kollektivstrafe" trifft es nicht.

Putin
© imago/ITAR-TASS Russlands Präsident Wladimir Putin

Bei Olympischen Spielen werden die Teilnehmer von den nationalen Verbänden entsandt. Macht sich ein Nationales Olympisches Komitee (NOK) eines Fehlverhaltens schuldig, kann es nach Regel 59 der Olympischen Charta sogar von den Spielen ausgeschlossen werden. Das betrifft dann natürlich auch alle Athleten, die der Verband zu den Olympischen Spielen schicken wollte - aber eben nur mittelbar.

Sollte der russische Verband - und damit zunächst auch alle russischen Sportler - nach den jüngsten Doping-Enthüllungen tatsächlich nicht zugelassen werden, wäre das nicht der erste Fall. Südafrikanische Sportler wurden von 1964 bis 1988 für ihre Staatsangehörigkeit "bestraft". Das IOC hatte Südafrika wegen dessen rassistischer Apartheid-Politik die Teilnahme an den Olympischen Spielen verweigert.

Russland wehrt sich

Mit Macht stemmt sich das Riesenreich gegen das Aus - mitunter mit umstrittenen Methoden. So beschimpfte Präsidentensprecher Dmitri Peskow russische Sportler und Ex-Funktionäre, die im Ausland von Doping berichten, als Verleumder und Verräter. Doch Russlands Ruf ist ramponiert. Nicht nur Dopingfälle, sondern auch gewalttätige Fans bei der Fußball-EM in Frankreich sorgten für Negativschlagzeilen - nur zwei Jahre vor der Fußball-WM im eigenen Land. Allerdings randalierten auch britische und deutsche Anhänger.

Das Bild von Russland als Sport-Weltmacht droht nur zwei Jahre nach den vom Kreml glanzvoll inszenierten "Winterspielen unter Palmen" in Sotschi wie ein Kartenhaus zusammenzufallen. Und immer mehr wird der Streit in politischen Krisenzeiten auch zu einem Konflikt zwischen Ost und West. Russische Funktionäre halten die Vorwürfe für Rufmord. Für sie ist klar: Die Schuldigen sitzen im Westen und knüpfen mit einer Kampagne an die Sanktionen wegen der Ukraine-Krise an.

Russlands Außenminister Sergej Lawrow telefonierte am Dienstag mit seinem US-Amtskollegen John Kerry. Dabei ging es nicht nur um die Syrien-Krise, sondern auch um den Dopingskandal. Dabei habe Lawrow die von der US-Anti-Doping-Agentur (USADA) geschürte anti-russische Stimmung beklagt, teilte das russische Außenministerium in einer Aussendung mit.

Die ersten Suspendierungen

Russlands Sportminister Witali Mutko hat am Dienstag mitgeteilt, dass er weitere Sportfunktionäre nach den jüngsten Enthüllungen der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) zu russischem Staatsdoping suspendiert habe. Auch seine Anti-Doping-Beraterin Natalia Schelanowa und Irina Rodjonowa, Vizedirektorin des Trainingszentrums der russischen Top-Athleten, seien betroffen, berichtete die Agentur R-Sport.

Der Sportminister selbst bleibt auch nach den WADA-Vorwürfen über Staatsdoping im Amt. Präsident Wladimir Putin sehe keinen Grund zur Entlassung des Ressortchefs, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Dienstag in Moskau. "Witali Mutko wird im Bericht der WADA nicht als Ausführender erwähnt - im Unterschied zu anderen", meinte Peskow der Agentur Interfax zufolge.

Empörung ist groß

Für viele Russen ist es ungerecht, dass ein "sauberer" Sportler nicht nach Rio fahren darf, weil ein anderer Sportler vor zwei Jahren in Sotschi gedopt war. Und dass nur Russland als Dopingsünder angeprangert wird, obwohl auch in anderen Ländern Athleten verbotene Präparate einnehmen. "Schauen Sie in die USA: Der siebenfache Tour-de-France-Sieger Lance Armstrong hat gedopt, und niemand schuf eine Kommission, um das Land auszuschließen", wetterte Russlands Sportminister und Fußball-Verbandspräsident Witali Mutko, der im WADA-Bericht als Mitwisser bezeichnet wird.

Der Kommentator des russischen Radiosenders Echo Moskwy, Anton Orech, zog ein bitteres Zwischenfazit der Affäre: "Wie sich die Zeiten ändern: Früher wollten wir die Medaillenwertung von Olympia gewinnen. Heute sind wir froh, wenn wir überhaupt dabei sein dürfen."

Noch kein IOC-Entscheid über Rio-Ausschluss

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat noch keine Entscheidung über den möglichen Ausschluss russischer Sportler wegen des Staatsdoping-Skandals getroffen. Dahingehend will sich die Organisation noch juristisch beraten lassen. Das IOC beschloss aber am Dienstag auf Basis des am Montag publik gewordenen Dopingskandals einige vorläufige Maßnahmen, wie die Organisation in Lausanne mitteilte.

Es handelt sich um Eröffnung von Disziplinarverfahren gegen russische Offizielle, das Nachtesten aller russischen Teilnehmer an den Winterspielen 2014 in Sotschi, keine Vergabe von Rio-Akkreditierungen an im McLaren-Bericht genannte Personen, den Entzug der für 2019 ursprünglich an Russland vergebenen zweiten Europaspiele und die Forderungen an alle Winter-Weltfachverbände, die Vergabe von Veranstaltungen an Russland einzufrieren.

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