Doping-Aufregung von

Sportland Österreich?

Soeben erschienenes Aufdecker-Buch entlarvt große Austro-Helden als Dopingsünder

Doping-Aufregung - Sportland Österreich? © Bild: Marcus Deak/News

Österreich - ein Land der Doper? Der ehemalige Sportkoordinator Wilhelm Lilge hat zusammen mit dem Journalisten Gerd Millman das Aufdecker-Buch "Sportland Österreich? Athleten. Abzocker. Allianzen" verfasst. Darin behaupten die beiden Autoren, dass viele unserer großen Helden in Wahrheit gedopt waren und scheuen sich auch nicht, große Namen wie Liese Prokop oder Stephanie Graf zu nennen. Im NEWS.AT-Interview erklären Lilge und Millman, wie es zur Idee zum Buch kam und was sie sich für Auswirkungen erhoffen.

NEWS.AT: Was war der Anstoß, gemeinsam das Buch "Sportland Österreich? Athleten. Abzocker. Allianzen" zu schreiben?
Gerd Millmann: Die gemeinsamen Erfahrungen in einem Sportsystem, das den eigenen Anforderungen nicht genügt. Das ist schade, weil uns Sport sehr wichtig ist. Die Fehler gehen zu Lasten meist ehrenamtlicher Trainer und Funktionäre und Athleten. Das über Jahrzehnte gewachsene Sportsystem gehört umfassend analysiert und es gehören Verbesserungsvorschläge gemacht, das haben wir getan.
Wilhelm Lilge: Konkreter Startpunkt unserer Recherchen war das medaillenlose Abschneiden unseres Olympiateams in London, bzw. die fehlenden Strukturveränderungsmaßnahmen in Folge dessen.

NEWS.AT: Warum kann man Doping nicht besiegen bzw. was wären Ihre Vorschläge, wie es doch funktionieren könnte?
Millmann: Doping ist im Buch ja nur ein vergleichsweise kleines Thema von vielen, aber inhaltlich sicher sehr wichtig. So wie man durch die strengsten Gesetze und Strafen Mord und Totschlag nie ganz verhindern wird können, so wird man auch Doping nicht völlig ausrotten können. Man muss aber einerseits durch bewusstseinsbildendende Maßnahmen schon bei jungen Sportlern Präventionsarbeit leisten und andererseits brauchen wir auch entsprechende Sanktionen, um es den Dopern schwer zu machen, weil ihnen das Risiko zu hoch ist. Dazu gehört auch ein effizientes Antidopinggesetz, dass im Spitzensport entsprechende Ermittlungsmethoden zulässt, wie dies auch bei Betrugsfällen in anderen Lebensbereichen – es geht schließlich um viel Geld – üblich ist. Da gibt es noch einiges zu tun. Doping ist deshalb Gift für den Sport, weil es den Fairnessgedanken beschädigt. Und weil es Junge in die Zwangslage bringt, zu entscheiden, ob sie selbst mitdopen sollen oder nicht.

»Die österreichische Mentalität: Ein bisserl was geht immer.«

NEWS.AT: Warum ist der Umgang mit Dopingsündern in Österreich so lax?
Lilge: Da fehlt einfach das Unrechtsbewusstsein und es hängt wohl auch etwas mit der österreichischen Mentalität "ein bisserl was geht immer" zusammen. Es wird verallgemeinert (das machen doch alle) oder es wird als einmaliger Ausrutscher oder gar als Fehler der Antidopingorganisation dargestellt. Deshalb dürfen ehemalige Doper auch im Sportteil schreiben oder bei Sportübertragungen kommentieren. Abschreckung sieht anders aus.

NEWS.AT: Sie scheuen sich in Ihrem Buch auch nicht, große Namen, wie etwa Liese Prokop oder Stephanie Graf zu nennen. Haben Sie keine Angst vor den Konsequenzen? Bzw. gab es schon Klagsdrohungen oder Ähnliches?
Millmann: Das ist das übliche Mittel der Mächtigen gegen die Kleinen. Wir haben für alles, was wir geschrieben haben, unsere Belege, Zeugen und Beweise. Wir sind schon geklagt und angezeigt worden und haben immer gewonnen.
Lilge: Natürlich ist es beängstigend, wenn eine Klage über Zigtausend Euro ins Haus flattert. Da geht es ja um die finanzielle Existenz. Aber man soll sich durch solche Drohungen nicht mürbe machen lassen.

NEWS.AT: Auch die österreichische Fußball-Nationalmannschaft soll anno 1973 gedopt gewesen sein. Ist Doping im Fußball auch heute noch ein großes Thema?
Millmann: Fußball ist die Sportart, die es am besten schafft, sich vom Doping freizuspielen, obwohl grundsätzlich alle Sportarten, wo es um viel Geld geht, dopinganfällig sind. Dabei gibt es genug Beweise. Zum Beispiel der Doping-Prozess gegen Juventus Turin, wo Zinadine Zidane und die anderen Stars kleinlaut vor Gericht eingestehen mussten, dass sie das leistungssteigernde EPO genommen haben. Dass Doping im Fußball nichts bringt, ist leider nicht wahr. Man kann damit natürlich nicht direkt die Technik verbessern, aber wer bis zur 95. Minute rennen kann wie in den ersten Minuten und allgemein-athletisch besser ist, der hat dann auch eine stabilere Technik.
Lilge: Auch in der Wiederherstellung nach Verletzungen wird Doping in vielen Sportarten eingesetzt, was sich später allerdings meist rächt. Aber es gibt ja im Fußball auch fast keine überraschenden Dopingkontrollen.

»Spitzensport ohne Doping ist natürlich möglich.«

NEWS.AT: Ist Spitzensport ohne Doping heutzutage überhaupt noch möglich?
Lilge: Natürlich ist der möglich. Wer heute behauptet, das ginge grundsätzlich nicht, der will bewusst Doping verharmlosen oder hat sich noch nicht wirklich mit der Materie auseinandergesetzt. Grundsätzlich gilt: Je knapper die Entscheidung, desto weniger hoch ist die Dopingwahrscheinlichkeit. Antidoping-Kampf macht den Sport daher spannender.

NEWS.AT: Welche Auswirkungen/Änderungen/Reaktionen erhoffen Sie sich von ihrem Aufdecker-Buch?
Millmann: Wir würden gerne die Kommission zur Reform des heimischen Sports leiten. Aber im Ernst: Wir wollen sportfernen Menschen Einblicke in die Strukturen des Sports bieten - und der reformbereiten Sportwelt Gehör verschaffen. Damit unsere Sportler bessere Möglichkeiten bekommen und Österreich auch mit etwas größerer Wahrscheinlichkeit auch wieder Medaillen gewinnt. Aber auch im Gesundheitssport gibt es viel zu reformieren, wodurch letztlich die Lebensqualität der Menschen verbessert werden kann und dabei sogar öffentliches Geld gespart wird.

Das Cover des Aufdeckerbuchs "Sportland Österreich"
© styriabooks

Wilhelm Lilge und Gerd Millmann
"Sportland Österreich? Athleten. Abzocker. Allianzen"
Molden Verlag, 208 Seiten, € 19,99
ab sofort im Buchhandel und unter www. styriabooks.at erhältlich

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