SM-Roman von

Aus dem Leben einer Domina

Nala Martin spricht über ihre berufliche Leidenschaft und was sich dahinter verbirgt

Autorin Nala Martin im Interview © Bild: NEWS.AT

Ein sympathisches Lächeln, eine Perlenkette und ein schwarzes Rollkragen-Shirt - Haben Sie sich mich so vorgestellt? Diese charmante Frage kommt von Buchautorin und Domina Nala Martin (33). Im Wiener Café Westend spricht die studierte Informatikerin mit NEWS.AT über ihren neuen SM-Roman "Panic Snap", ihre Leidenschaft für den Beruf der Domina und was sich hinter ihrer Profession abseits von Vorurteilen verbirgt.

NEWS.AT: Mit „Panic Snap“ setzen Sie die Geschichte ihrer Heldin, Domina Sharon, fort. Einige Parallelen zu Ihrem Leben lassen sich erkennen. Wie viel Nala Martin steckt in Ihrem neuen Roman?
Nala Martin: Ich habe den Roman geschrieben, also steckt eigentlich zu hundert Prozent Nala drinnen. Es ist schon so, dass ich einige Dinge, die dort beschrieben werden, selbst erlebt habe. Letzten Endes ist es eine gute Mischung. Ein Drittel habe ich selbst erlebt, ein Drittel ist Fantasie und ein Drittel ist Hörensagen. Die Hauptdarstellerin habe ich sehr an mir orientiert, an meiner Optik und meinem Familienstand. Sie hat ja auch zwei Kinder und ein Haus. Vom Typus her ist sie mir sehr ähnlich.

NEWS.AT: Warum schreiben Sie dennoch lieber über eine fiktive Person als über sich selbst?
Martin: Dafür gibt es einen Grund. Ich werde öfter gefragt, welchen Teil ich jetzt selbst erlebt habe. Ich kann verstehen, dass das jeden interessiert, aber ich möchte nicht von fremden Menschen für das bewertet werden, was ich in meinem Leben gemacht habe. Es wäre mir wahrscheinlich ein Grauen, ins Internet zu gehen und zu lesen: „Die dumme Nuss, selber schuld, dass das alles so passiert ist“. Wenn die Leute wissen, was davon jemand erlebt hat, dann bewerten sie das komplett anders als eine Fantasie. Das ist wirklich erstaunlich. Es soll jeder für sich beantworten, was realistisch sein könnte.

NEWS.AT: Der Titel ihres Buches lautet „Panic Snap“. Im Buch wird das Wort als Stoppsignal, als Safeword, verwendet. Was bedeutet der Begriff?
Martin: Panic Snap bedeutet Panikhaken. Der Begriff kommt aus dem Reitsport. Bei den Stricken ist immer so ein kleiner Haken dran. Man kann fest daran ziehen und der Haken löst sich nicht, aber in Gefahrensituationen kann man ihn mit einem Schieber lösen und das Pferd ist frei. Im SM-Bereich braucht man das, wenn man zum Beispiel einen passiven Menschen fesselt oder aufhängt und derjenige zusammenklappt. Durch die Zuglast des Eigengewichtes bekommt man ihn aus einem normalen Karabiner nicht mehr heraus. Dann bekommt man denjenigen mit einem Panikhaken wieder frei.

»"Kein Safeword schützt vor einem Verbrechen"«

NEWS.AT: Welche Bedeutung hat ein Safeword auch in der Realität für den Schutz von Dominas?
Martin: Es schützt, wenn man jemanden hat, dem man vertraut. Der hört dann sofort auf. Bei Menschen, die tatsächlich Verbrechen begehen wollen, schützt ganz klar auch kein Safeword. Das Safeword zeigt nur, dass das Spiel, das bis dahin gewisse Regeln hatte, beendet ist. Die Regeln gelten dann nicht mehr und man fragt nach: „Was ist los? Kann ich helfen?“ Wenn das Safeword nicht gesagt wird, heißt es immer noch: „Und du machst das jetzt. Du tust jetzt, was ich sage!“ Das Wort „Nein“ kann eben auch benutzt werden, ohne dass man aufhören muss. Für einige ist genau das reizvoll, wenn sie sagen: „Nein, ich will nicht“ Aber wehe, der andere hört dann wirklich auf. (lacht) Ein Safeword hebelt diese Schwierigkeit aus. Man vereinbart ein Wort, dass überhaupt nichts mit SM zu tun hat, wie Affenbrot oder Bananenboot, also irgendetwas völlig Skurriles, damit man im Kopf sofort das Signal hat, das passt irgendwie nicht und das Gehirn sofort reagiert. Da kann man schreien so viel man will, aber sobald das Wort Bananenboot fällt, hat derjenige aufzuhören.

NEWS.AT: Wie entscheidet eine Domina, wem sie vertrauen kann?
Martin: Ich war überwiegend als aktive Domina tätig. Bei passiven Damen, aber auch bei aktiven, ist einfach das Bauchgefühl wahnsinnig wichtig. Wenn mein Bauch geschrien hat, „Schick den wieder weg, der ist komisch“, habe ich mir irgendetwas ausgedacht und ihn abgewimmelt. Ich halte es für wichtig, nie alleine im Studio zu stehen. Es gab schon unschöne Situationen, in denen Frauen vergewaltigt wurden. Es hilft, dass viele Menschen denken, der Zuhälter sitzt ums Eck. Und das Bild ist in Ordnung, weil es einen gewissen Schutz gibt.

NEWS.AT: Und sitzt der Zuhälter wirklich ums Eck?
Martin: Im Domina-Bereich eher weniger. Die Frauen machen den Beruf auf eigene Rechnung und auf eigenes Risiko. Mir ist keine Domina bekannt, die in den Beruf hineingezwungen wurde. Ich kenne Dominas, die zu dem Beruf kamen, weil die Umstände andere waren, weil sie zum Beispiel Geld brauchten.

»Mein erster Gedanke: "Oh Gott, der bringt mich um"«

NEWS.AT: Wie haben Sie selbst Zugang zur SM-Szene gefunden?
Martin: Ich bin damals durch meinen ersten festeren Freund da hineingekommen. Das war eigentlich eine lustige Geschichte: Ich habe ihn zuhause besucht und gesehen, dass er Gerten herumstehen hatte. Ich dachte mir: „Super, ein Mann, der reitet und Pferde mag“. Ich wollte ihn überraschen und habe zwei Pferde organisiert für einen Ausflug. Ich habe erwartet, dass er sich freut. Er ist erst einmal sprachlos gewesen und hat sich wahrscheinlich schon vom Pferd fallen sehen. Bevor er das Risiko eingegangen ist, mit gebrochenen Knochen im Krankenhaus zu landen, hat er gemeint: „Du, ich glaube, ich muss dir was sagen“. Er erzählte mir also, dass die Gerten nicht fürs Reiten sind und die Rohrstöcke im Garten, nicht für die Blumen und hat mir gestanden: „Ich bin SMer“. Mein erster Gedanke war: „Oh Gott, der bringt mich um, der ist ein Serienmörder“. Ich war ja auch nicht vorurteilsfrei und hatte bestimmte Bilder im Kopf. Irgendwann fing ich aber an, zu überlegen. Ich habe an meine Fantasien gedacht und dann beschlossen, sie einmal auszuleben.

NEWS.AT: Sie schreiben über sogenannte „Bizarrladys“, die Sex und Dominanz anbieten, und die Rolle der klassischen Domina verdrängt haben. Inwiefern hat hier wirklich ein Wandel stattgefunden?
Martin: Es ist tatsächlich so, dass ein Wandel stattgefunden hat. In den 80er Jahren war klar: Eine Domina ist eine Frau, die man nicht anfasst. Alles über dem Knie ist tabu gewesen. Man muss dazusagen, dass die Gäste damals andere waren, es waren eher härtere Masochisten dabei. Später hat sich die Szene dann gewandelt und es sind immer mehr Menschen dazu gekommen, die das Thema mit einer sexuellen Neigung verbunden haben. Das Angebot wurde erweitert. Mittlerweile ist es so, dass auch Prostituiere schon SM-Basics anbieten. Es gibt immer noch diese klassischen Dominas, die sind aber nicht so weit gestreut. Es ist eine gemischte Szene.

NEWS.AT: Zu welcher Art von Domina zählen Sie sich?
Martin: Ich bin eine Art von klassischer Domina mit kleinen Bonbons. Ich habe immer gesagt, wenn da jemand ist, der gut aussieht und mir gefällt, dann sage ich nicht Nein zum Sex mit ihm. Aber das gab es bei mir nie zu kaufen. Meinen Körper wollte ich nie so verkaufen, dass ich Sex haben muss. Ich finde es aber in Ordnung und wichtig, dass es Frauen gibt, die Sex anbieten. Eine klassische Domina bietet Rollenspiele an und deckt den masochistischen Bereich ab. Der SM einer klassischen Domina läuft überwiegend über die psychische Ebene. Du musst den Kopf anfüttern können. Das kann nicht jede Frau. SM ist von den Gefühlen und der Vertrauensbasis her sehr intensiv und intim.

NEWS.AT: Wie groß ist die Gefahr, dass Verletzungen auftreten?
Martin: Nicht groß. 90 Prozent der Studiogäste wollen keine Verletzungen oder Spuren haben, weil die Frau nichts erfahren darf. Dann passiert es ab und zu trotzdem. Deshalb hat man natürlich einen Notfallkasten, damit man helfen kann. Die meisten Unfälle passieren unbeabsichtigt. Es kann auch passieren, dass sich die Domina an den Geräten verletzt oder jemand Kreislaufprobleme oder Nasenbluten bekommt. Und dafür ist es einfach wichtig, dass ein Erste-Hilfe-Kasten da ist und natürlich entsprechende Kenntnisse vorhanden sind.

NEWS.AT: Devot oder dominant? Muss es immer eines von beiden sein?
Martin: Es ist immer das, was der andere in einem anfixt. Es gibt Menschen, die fixen in mir nichts an. Es gibt aber Menschen, bei denen denke ich: „Dich würde ich auch gerne verknoten und vermöbeln“ Und dann wieder Menschen, da denke ich: „Oh, wo soll ich mich hinknien?“ Das ist eine Sache der Optik und der Chemie. Während einer Session zu switchen finde ich wahnsinnig . Ich wollte das nicht, deshalb habe ich damit aufgehört und nur noch den aktiven Part übernommen.

NEWS.AT: Wie schwierig ist es als Domina eine Partnerschaft zu führen?
Martin: Das kommt auf den Partner und auf die Frau an. Es gibt natürlich Partnerschaften die wegen des Berufs auseinandergehen. Weil die Partner eifersüchtig werden oder die Frauen den Fehler machen, zu wenig oder zu viel zu erzählen. Das ist eine Ermessenssache. Ich habe selber einen Partner und bin verlobt. Ich bin mit meinem Herzallerliebsten schon seit sechs Jahren zusammen. Er hatte nie ein Problem damit und war nie eifersüchtig. Ich bin mit ihm von Anfang an offen umgegangen. Bevor er mich gefragt hat, ob wir zusammen Essen gehen, hat er schon gewusst, dass ich als Domina arbeite. Ich habe ihm damals auch gesagt, dass ich den Job unbedingt beibehalten will. Ich habe ihm alles erzählt, soweit er es wissen wollte und habe ihm jede Frage beantwortet.

»"Vielen Menschen haben Angst"«

NEWS.AT: Mit welchen Vorurteilen oder negativen Erfahrungen haben Sie durch ihr Outing als Domina zu kämpfen?
Martin: Die Leute haben Angst, die Vorurteile sind natürlich da. Menschen, die mich kennenlernen sagen oft zu mir: „Ich hätte gedacht eine Domina ist ganz anders. Eine Domina sieht doch ganz anders aus“. Und ich frage dann immer: „Wie viele Dominas kennst du denn?“ Meistens antworten sie dann mit „Keine“. Die Menschen, die zu uns nach Hause kommen und sich umschauen, stellen dann fest, dass gar nichts im Haus, auch nur ansatzweise auf den Beruf oder eine sexuelle Neigung schließen lässt. Im Gegenteil. Ich schiebe das komplett weg. Es sind eigentliche zwei Leben, die ich führe. Ich tauche als Domina in eine andere Welt ein. Die Medien bereiten das Thema mittlerweile großteils feinfühlig und sensibel auf. Ich bin oft gefragt worden, ob ich Fotos im Studio machen will, im SM-Outfit. Das sind Dinge, die ich ablehne, weil ich kein Klischee bedienen will. Ich bin eben kein Klischee.

NEWS.AT: Wie schwer ist es Mutter und Domina gleichzeitig zu sein?
Martin: Sicher wird auch geredet und es kommen so Sätze wie: „Ach Gott; die armen Kinder“. Wobei ich mir denke, was denn die Kinder damit zu tun haben, dass ich ein Buch geschrieben habe oder in dem Beruf arbeite. Ich schirme meine Kinder davon ab, die Leute sind diejenigen, die in dem Moment die Kinder in die Diskussion bringen. Meine Kinder wissen über mein Domina-Dasein gar nichts. Meine Tochter, sie ist gerade sieben geworden, weiß, dass ich zwei Bücher geschrieben habe. Sie weiß aber auch, dass das nichts für sie ist und sie das erst lesen darf, wenn sie groß ist. Sie wird sicher irgendwann erfahren, dass ich als Domina gearbeitet habe, spätestens, bevor sie das Internet nutzt. Aber dann wird sie schon die geistige Reife haben, um einen Schritt weiter zu denken. Und mein Sohn ist erst zweieinhalb Jahre alt, der ist noch viel zu klein. Er würde höchsten ins Buch hineinmalen, wenn er es in die Finger bekommt. Die Bücher stehen aber sehr weit oben im Regal, damit meine Kinder nicht herankommen.

NEWS.AT: Ihre Eltern unterstützen Sie. Wie wichtig ist das für Sie?
Martin: Das ist mir sehr wichtig. Meine Eltern waren toll. Ich habe ihnen erzählt, dass es einen Medienhype geben wird und vielleicht Sachen in der Zeitung stehen, die diffamierend sind. Sie haben mir gesagt: „Pass auf, du bist unsere Tochter. Das ist zwar nicht unser Thema, aber wir sind stolz auf dich. Du machst das schon“. Dieser Rückhalt ist wahnsinnig viel wert, gerade wenn negative Dinge kommen. Das gibt viel Energie.

NEWS.AT: Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft als Domina vor?
Martin: Ich habe jetzt noch ein paar wenige Stammgäste, die ich behalten habe. Ich drossle aber herunter. Ich bin 33 und sehe mich nicht mehr lange als Domina. Das Business gehört einfach den Jüngeren. Es ist ein Punkt erreicht, an dem es Zeit für einen Wechsel ist. Ich schreibe sehr gerne und arbeite gerade an weiteren Projekten. Nebenbei fotografiere ich noch. Ich habe mich nie Ewigkeiten in dem Beruf gesehen.

Buchcover von "Panic Snap" von Nala Martin
© Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag

Nala Martin: "Panic Snap"
SM-Roman
rund 288 Seiten/Taschenbuch
ISBN 978-3-86265-323-2
Originalausgabe 9,95 EUR (D)
Erscheint am 1. September 2013

Zur Person:
Nala Martin wurde 1980 in Wien geboren und lebt heute in Hamburg. Sie arbeitete mit Leidenschaft in zwei unterschiedlichen Berufen: Die zweifache Mutter ist Informatikerin und professionelle Domina. Daneben ist Nala Martin auch erfolgreiche Buchautorin. Mit "Panic Snap" hat sie eine Fortsetzung zu ihrem Debütroman "Safeword" geschaffen.

Kommentare